Von Sebastian Fischer und Marc Pitzke, Washington und Boca Raton, Florida
Boca Raton ist ein Ort der angeordneten Idylle. Die wohlhabende Enklave an Floridas Ostküste verbietet überdimensionale Werbetafeln und schrille Ladenschilder. Alle Gebäude müssen im gleichen pseudo-mediterranen Kitschstil gebaut sein. Der Harmoniezwang geht so weit, dass sogar der Stadtrat überparteilich regiert.
An diesem Montagabend wird es mit der Harmonie ein Ende haben - jedenfalls für ein paar Stunden. Dann werden US-Präsident Barack Obama und sein Rivale Mitt Romney an der Lynn University in Boca Raton zu ihrem dritten und letzten TV-Duell aufeinandertreffen (Liveticker ab 2.30 Uhr auf SPIEGEL ONLINE). Die Kandidaten liegen Kopf an Kopf, nun geht es um alles: Gewinnt einer das Finale deutlich, könnte dieser Bonus bis zum Wahltag halten.
Unter Obhut des alten CBS-Haudegens Bob Schieffer hoffen Wähler wie Strategen auf die substantiellste Debatte bisher. Denn dieses Wahljahr, das mit einem rein innenpolitischen Scharmützel begann, dem Kampf um Obamas Gesundheitsreform, wird plötzlich von außenpolitischen Krisenherden bestimmt: Syrien, Libyen, Afghanistan, Israel, Iran.
Vor allem Iran ist seit dem Wochenende wieder großes Thema. Die "New York Times" meldete, Washington und Teheran wollten bilaterale Gespräche über Irans Atomprogramm aufnehmen, aber erst nach den US-Wahlen. Kaum zwei Stunden später dementierte das Weiße Haus - wenn auch nur halbherzig.
Die Wahrheit liegt wohl in der diplomatischen Grauzone dazwischen. Doch Grauzonen eignen sich wenig für TV-Debatten, für beide Kandidaten lauern hier Fallgruben.
Bei diesem politischen Drahtseilakt darf sich keiner Fehler leisten - weder inhaltlich noch stilistisch. Obacht also beim Blick auf die Schuhe, beim Umgang mit großen gelben Vögeln - und beim Gebrauch des erhobenen Zeigefingers. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Regeln für den Debattierclub:
Regel Nummer 1: Immer schön aufpassen
Barack Obama hat beim ersten TV-Duell in Denver vorgemacht, wie es gerade nicht funktioniert: die Debatte einfach an sich vorbei plätschern lassen, dem Kontrahenten nicht widersprechen, mitunter die eigenen Schuhe fixieren. Das wirkt desinteressiert, müde, teilnahmslos. Folge: Sofort bröckeln die Umfragewerte. Also immer konzentriert bleiben, immer schön aufpassen! Obama war im zweiten Duell aggressiver, wirkte wacher. Selbstironisch stellte er nachher fest: "Ich war viel ausgeruhter nach dem schönen, langen Nickerchen, das ich während der ersten Debatte hielt."
Die zwei dümmsten Momente bisher sind Romney zu verdanken. Beim ersten Duell prügelte er auf ein altes Feindbild ein, den staatlich mitfinanzierten TV-Sender PBS: "Ich werde die Zuschüsse für PBS streichen." Um das zu mildern, verwies er schnell auf Big Bird (in Deutschland Bibo) aus der "Sesamstraße", die auf PBS läuft: "Ich mag Big Bird." Sofort protestierten Fans, Big-Bird-Parodien eroberten das Internet. Ein ähnlicher Patzer unterlief Romney vorige Woche: Um bei Frauen zu punkten, erzählte er, zur Kabinettsbildung in Massachusetts habe er sich "ganze Ordner voller Frauen" bringen lassen. Tagelang lachten alle über Romneys Frauen-Ordner, statt von seinem Polit-Programm zu reden.
Zu viel Attacke macht den Angreifer unsympathisch - eine Grundregel beim TV-Duell. Der Zuschauer erlebt diesen Kandidaten als wenig souverän. Beim ersten TV-Duell dimmte sich Obama zu sehr runter, beim zweiten waren dann sowohl der Präsident als auch der Herausforderer deutlich aggressiver. Sie gingen aufeinander zu, fuchtelten mit den Zeigefingern, unterbrachen sich, wieder und wieder. Mit dem Zeigefinger schafft man es am nächsten Tag zwar auf alle Titelseiten, sammelt aber nur bedingt Sympathiepunkte. Entscheidend ist der richtige Mix zwischen Offensive und Coolness. Und nie vergessen: stets lächeln.
Dies ist ein Wahlkampf der Lügen. In TV-Spots und Reden kommen die Kandidaten damit meist ungeschoren davon, in Debatten dagegen sieht es anders aus. Hier funktioniert Schummeln nicht. Lügen - oder auch maßlose Übertreibungen - werden schneller offensichtlich. Ob "Wir haben genug Pipelines gebaut, um sie einmal um die Erde zu ziehen" (Obama) oder "Wir haben 23 Millionen Arbeitslose" (Romney) - die Medien und das Web bestrafen sofort. Ähnlich verhängnisvoll: die Lügen des anderen durchgehen zu lassen, wie es Obama in der ersten Debatte tat.
Die Anschläge auf die US-Vertretung und den Botschafter im libyschen Bengasi - bei diesem Thema wollte Romney den Präsidenten in der zweiten Debatte unter Druck setzen. Doch es ging daneben. Denn Romney hatte sich nicht ordentlich vorbereitet, hatte seine Munition vorher nicht geprüft. Obama habe nach dem Anschlag nicht von einem Terrorakt gesprochen, hielt er dem Präsidenten vor. Tatsächlich aber hatte Obama tags darauf von "acts of terror" gesprochen, wenn auch allgemeiner. Dass aber die Regierung in Wahrheit tagelang von spontanen Attacken sprach statt von Terror - der Punkt, den Romney eigentlich hatte machen wollen -, das ging völlig unter. Noch ein weiteres Mal patzte Romney: Er versuchte Obama - ohne Belege - zu unterstellen, im Ausland investiert zu haben. Prompt drehte Obama den Spieß um: "Ich gucke nicht so oft auf meine Rente. Sie ist nicht so groß wie Ihre."
Regel Nummer 6: Mehr liefern als nur Überschriften
Wahlkämpfe leben von markigen Sprüchen und Schlagworten, aber in Debatten wollen die Leute Details und Fakten hören. Das haben beide Kandidaten nicht begriffen. Romney wirbt endlos für seine Steuerreform zugunsten der Mittelklasse. Doch wie soll die aussehen? Feinheiten verweigert er. Auch Obama bot bisher wenig Details. Ja, er habe Wahlversprechen gebrochen: "Wir werden versuchen, das in einer zweiten Amtszeit zu erledigen." Wie, das soll man auf Obamas Website nachsehen - doch die enthält nur grobe Stichworte, wie die Website Romneys auch. Die Wähler derart für dumm zu verkaufen, kann schnell nach hinten losgehen.
Details ja - doch Vorsicht vor Zahlensalat. Allzu viele Zahlen zerstören die Aufmerksamkeit. Da schalten die Leute ab. Hinzu kommt: Man kann sich verheddern, schnell erscheint Objektivität nur vorgetäuscht oder ein Vorwurf übertrieben. Siehe Obama im zweiten TV-Duell: Der Präsident rechnete Romneys Steuerpläne da flugs auf fünf, sieben, acht Billionen Dollar hoch - weil er zusätzliche Militärausgaben addierte und alles auf zehn Jahre streckte. Die Zahl hörte sich immens an. Zu immens. Romney konterte. Mit Zahlen, schon wieder: Vier, fünf Billionen Dollar Schulden habe der Präsident in den letzten vier Jahren auch gemacht. Langweilig.
Es scheint lange her: Dabei war es erst im Frühjahr, dass sich die Republikaner im Vorwahlkampf zankten. Ein populäres Mittel in den damaligen Debatten war es, die Moderatoren niederzumachen. In den Duellen zwischen Obama und Romney wirken solche Ablenkungsmanöver freilich nicht, dafür ist das Forum zu ernsthaft. Romney probierte es trotzdem, und seine Republikaner versuchten, CNN-Frau Crowley schon von vorneherein zu diskreditieren. Die revanchierte sich, als Romney ihr einmal nicht gehorchte: "Würden Sie sich wieder setzen, Gouverneur Romney, dankeschön." Auch der Moderator der Debatte in Boca Raton, CBS-Anchormann Bob Schieffer, hat es in sich. Schon 2008 leitete er das letzte TV-Duell zwischen Obama und John McCain - mit harter Hand.
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