Letzter toter US-Soldat im Irak: Nummer 4474 starb auf der Straße

Von , New York

Spätestens zu Weihnachten sollen die Soldaten in der Heimat sein, die USA haben ihren Irak-Einsatz wie angekündigt beendet. David Hickman freute sich auf das Fest daheim mit seiner Familie. Doch der 23-Jährige starb als letzter US-Soldat in einem Krieg, der bereits keiner mehr war.

David Hickman: Der letzte gefallene US-Soldat im Irak Fotos
AP

David Hickman war ein stiller Hüne. Er nannte sich selbst gerne "Zeus": Sogar die Götter, scherzte er, beneideten ihn um seine Statur. Fitness-Fanatiker, Taekwondo-Meister, Star-Linebacker, Kapitän des Football-Teams seiner High School: Hickman schien unschlagbar.

Doch der Schwarze aus dem US-Bundesstaat North Carolina hatte noch höhere Ziele. Elitesoldat wollte er werden, physisch und psychisch gestählt. Also meldete er sich zur Armee, um in den Krieg zu ziehen. Wenn einer diesen Höllenjob erledigen könnte, dann er.

Er war allerdings viel zu spät dabei. Hickman trat 2009 ins Militär ein, direkt vom College. Als er nach der Grundausbildung schließlich in Bagdad landete, im Mai dieses Jahres, da waren die Kampfhandlungen offiziell schon beendet, und die meisten Amerikaner hatten den Irak-Krieg längst vergessen. Hickman blieb nichts anderes übrig, als den Rest seiner Verpflichtung bis zum Ende still auszusitzen.

Dieses Ende kam nun vorige Woche. Am Sonntag passierte der letzte US-Truppenkonvoi die irakisch-kuwaitische Grenze. Spätestens am 23. Dezember werden alle heimkehren.

Nur David Hickman wird nicht dabei sein.

Ein Krieg, den viele für einen Fehler hielten

Hickmans Schicksal erinnert an die berühmte Rede, mit der der Vietnam-Veteran und spätere Senator John Kerry 1971 für ein Ende jenes Krieges plädiert hatte. "Wie bittet man einen Mann darum, der letzte Mann zu sein, der in Vietnam stirbt?", sagte der damals 27-Jährige, der im Krieg verwundet worden war. "Wie bittet man einen Mann darum, der letzte Mann zu sein, der für einen Fehler stirbt?"

David Hickman war der letzte US-Soldat, der 40 Jahre später im Irak-Krieg starb, den viele ebenfalls für einen Fehler hielten. Doch sein Tod wurde kaum wahrgenommen.

1988 geboren, hatte David Emanuel Hickman vor dem Militär fast sein ganzes Leben in Greensboro verbracht, im Herzen North Carolinas. Sein Vater war bei der Air Force gewesen. An der Northeast Guilford High School - an der knapp die Hälfte aller Schüler schwarz sind - war Hickman ein beliebter Sportstar. Er führte die Rams, das fast ungeschlagene Footballteam, dessen Maskottchen ein angreifender Widder ist. Sein Foto hängt bis heute in der Trophäen-Vitrine.

Als der Irak-Krieg begann, war Hickman in der neunten Klasse. Nach dem Schulabschluss ging er 2006 zunächst aufs College. Bald aber fühlte sich der Sportbesessene zum Militär gezogen.

Hickmans Traum: die Eliteeinheit der Armee

"Das schien der perfekte Job für David", sagte Hickmans Schulfreundin Olivia Pegram der "Washington Post", deren Reporter Josh Freedom du Lac am Wochenende einen der wenigen Berichte über Hickmans Tod schrieb. "Es war im Prinzip ein enormes Konditionstraining." Hickman habe eine große Hoffnung gehabt - eines Tages in die Special Forces zu dürfen, zu den Eliteeinheiten der Armee.

Stattdessen fand sich Hickman im Alter von 21 bei der 82nd Airborne Division wieder, der legendären Luftlande-Division, die sich im Zweiten Weltkrieg unter anderem bei der Landung in der Normandie erste Meriten erworben hatte. Von deren Stützpunkt Fort Bragg aus, nicht mal zwei Autostunden von seinem Elternhaus entfernt, wurde Hickman im Mai dieses Jahres nach Bagdad beordert, während der Rest der USA die frühen Sommerfreuden genoss. Kurz zuvor hatte er schnell noch seine Freundin Cali Kim geheiratet.

Fast 4500 US-Soldaten waren da bereits im Irak gefallen. Ihr Durchschnittsalter war 26, fast 1300 waren erst 22 oder jünger. Anfangs erschienen ihre Nachrufe in jeder US-Zeitung. Später standen sie nur noch in der Lokalpresse.

Doch die Todesrate war zuletzt auch deutlich gesunken. Hickmans Einheit - 2nd Battalion, 325th Airborne Infantry Regiment, 2nd Brigade Combat Team, 82nd Airborne Division - verbrachte ihre Zeit in Bagdad mit Patrouillen, um weiterhin US-Präsenz zu zeigen.

Hickman galt als der "Superman" seines Bataillons. Er sammelte eine Auszeichnung nach der anderen: National Defense Service Medal, Iraqi Campaign Medal, Global War on Terrorism Service Medal, Army Service Ribbon, Expert Infantry Badge, Parachutist Badge.

Bombe am Straßenrand

Doch es gab wenig, wozu der trainierte Fallschirmspringer sein Können in Bagdad einsetzen konnte. Manchmal, erinnerte sich sein Kamerad Zack Zornes in der "Washington Post", fragte er: "Warum sind wir überhaupt noch hier? Was tun wir?"

An den Tod dachten sie selten. Ab und zu juxten sie darüber: Hickman, sagte ein anderer Soldat der Zeitung, habe sich gewünscht, dass auf seiner Beerdigung "scharfe Girls heulen". Doch meistens dachten sie an das, was nach dem Krieg kommen würde - ihre Zukunft. Hickman plante eine tolle Homecoming-Party, mit schicken Limousinen und jeder Menge Bier.

Hickmans Heimkehr war für den 1. Dezember bestimmt. Am 13. November rief er zum letzten Mal in Greensboro an. Er freute sich, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Am folgenden Abend war Hickman mit seinem Konvoi in Bagdad unterwegs. Er setzte sich an die Spitze, in einem International MaxxPro, einem Panzertruck. Nach etwa 25 Minuten fuhr er auf eine Bombe am Straßenrand. Es war eine dieser krude zusammengebastelten Bomben, "improvised explosive device" oder IED in der Sprache der Militärs, wahrscheinlich aus Schrapnell, Nägeln, Schrott, Granatteilen und Sprengstoff.

Posthum das "Purpurherz"

Hickman starb auf dem Weg ins Lazarett. Er war 23. Die Armee benachrichtigte seine Eltern um kurz vor Mitternacht. Das Pentagon gab seinen Tod am folgenden Tag bekannt - per Routinemeldung, die wie immer drei gleichlautende Sätze enthielt, bei denen nur der Name des Soldaten ausgetauscht war.

Auf der Gefallenenliste der USA ist David Emanuel Hickman die letzte Nummer: 4474.

"Typisch", sagte sein Freund Logan Trainum zum lokalen TV-Sender WGHP. "David wollte nicht still verschwinden. Er wollte sich mit einem Platz in der Geschichte verabschieden."

Hickmans Sarg traf zum Thanksgiving-Fest daheim ein. Seine High School veranstaltete eine Kerzen-Mahnwache im Footballstadion. Auch Fort Bragg verabschiedete ihn mit allen militärischen Ehren. Posthum wurden ihm vier weitere Orden verliehen, darunter das Purple Heart, das alle gefallenen Soldaten bekommen.

Vorigen Mittwoch kam Präsident Barack Obama ausgerechnet nach Fort Bragg, um dort das Ende des Irak-Kriegs zu markieren. Er versicherte den Soldaten, ihr Einsatz sei nicht umsonst gewesen: "All das Kämpfen und all das Sterben, das Bluten und das Erbauen." Er erinnerte an die Toten, darunter allein 202 aus Fort Bragg: "Wir beten für all jene Familien, die ihre Lieben verloren haben, denn sie gehören zu unserer größeren amerikanischen Familie. Wir trauern mit ihnen."

Vor seiner Rede verbrachte Obama privat mehrere Minuten mit den Hinterbliebenen, darunter Hickmans Eltern David und Veronica.

David Hickman ist in Greensboro auf dem Lakeview Memorial Park Cemetery beerdigt, in einem Abschnitt, der "Garden of Peace" heißt, Garten des Friedens. Er ist zwei Autominuten von dem Haus entfernt, in dem er aufwuchs.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. So bleibt vom Leben eines
herr_kowalski 19.12.2011
Zitat von sysopSpätestens zu Weihnachten sollen die*Soldaten in der Heimat sein, die USA haben ihren Irak-Einsatz wie angekündigt beendet.*David Hickman*freute sich*auf das Fest*daheim mit*seiner Familie.*Doch der 23-Jährige starb als letzter US-Soldat in*einem Krieg, der*bereits*keiner mehr war. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804521,00.html
jungen Manschen fast nichts mehr außerhalb seiner Familie übrig. Halt ! Doch, das Lametta mit dem der Staat sich für den Einsatz des Lebens junger Bürger bedankt. Und ein schlichtes weißes Kreuz. Das sollte uns allen zu denken geben, besonders denen von uns, die wir gewählt haben, Schaden vom deutschen Volke fern zu halten.
2. Das letzte Bush-Opfer im Irak-Krieg!
derandersdenkende 19.12.2011
Zitat von sysopSpätestens zu Weihnachten sollen die*Soldaten in der Heimat sein, die USA haben ihren Irak-Einsatz wie angekündigt beendet.*David Hickman*freute sich*auf das Fest*daheim mit*seiner Familie.*Doch der 23-Jährige starb als letzter US-Soldat in*einem Krieg, der*bereits*keiner mehr war. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804521,00.html
Nur lieber David Hickman, Sie hatten dort nichts verloren. Macht es wirklich Sinn, sich für die Welteroberungsphantasien seines Präsidenten aufzuopfern und gleichzeitig viele weitere Menschen ins Unglück zu stürzen. Ich meine nein. Sie hinterlassen viele Trauernde, wenn Sie ebenso viele, besser noch wesentlich mehr Klügere hinterließen, hätte Ihr sinnloser Tod vielleicht doch noch einen Sinn gehabt!
3. No Pity
Fuh Mann Schuh 19.12.2011
Zitat von sysopSpätestens zu Weihnachten sollen die*Soldaten in der Heimat sein, die USA haben ihren Irak-Einsatz wie angekündigt beendet.*David Hickman*freute sich*auf das Fest*daheim mit*seiner Familie.*Doch der 23-Jährige starb als letzter US-Soldat in*einem Krieg, der*bereits*keiner mehr war. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804521,00.html
US Soldaten arbeiten freiwillig für die Armee. Sinn und Zweck einer Armee ist der Kampf im Rahmen dessen die größtmögliche Zahl der Gegner kampfunfähig gemacht oder getötet werden sollen. Der gleiche Auftrag gilt auch immer für die Gegenseite. Das ist jedem Soldaten bewusst, er begibt sich wissentlich und mit dem Handlungsvorsatz der schweren Körperverletzung und des Mordes in seine Situtation. Aus diesem Grund habe ich keinerlei Mitleid mit toten Soldaten. Mein Mitleid gilt den unzähligen Unbeteiligten, die von Soldaten - mittlerweile oft heimtückisch und feige durch ferngesteuerte Drohnen - ermordet werden. Sie verdienen es, beklagt und benannt zu werden. Die Amerikaner haben den Krieg im Irak mit einer Lüge begonnen, sie haben sich mindestens durch Unterlassung an der barbarischen Hinrichtung von Menschen beteiligt, systematisch gefoltert und Menschen verschleppt, Zivilisten von Mörderschwadronen aus dem Hinterhalt attackiert und ermordet - bis heute ohne Sühne und Reue seitens der Verantwortlichen. Darüber hinaus sollte man würdigen, dass auf einen toten US Soldaten mehr als 25 tote Iraker kommen. Immerhin tragen die toten Soldaten wenigstens Nummern - so viel Glück hat längst nicht jeder Iraker. Kein Soldat - und besonders nicht jene aus den USA - hat sich mein Mitleid verdient.
4. ...
Bremerland 19.12.2011
Zitat von sysopSpätestens zu Weihnachten sollen die*Soldaten in der Heimat sein, die USA haben ihren Irak-Einsatz wie angekündigt beendet.*David Hickman*freute sich*auf das Fest*daheim mit*seiner Familie.*Doch der 23-Jährige starb als letzter US-Soldat in*einem Krieg, der*bereits*keiner mehr war. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804521,00.html
Wie hoch ist eigentlich die Zahl der getöteten Angestellten von Blackwater & Co, die als Söldner engagiert wurden, damit die Gefallenenstatistik weniger schlimm aussieht? Wieviele Iraker - ob Soldaten oder Zivilisten - starben bei Kampfhandlungen mit den allierten Truppen, die ihr Land besetzt haben? Kriegen die nicht nur keine Nummer, sondern auch keinen heroenhaften Nachruf im Spiegel?
5. Routine-Trauerfall …
wika 19.12.2011
… sollte man es denn wohl nennen und aufregen kann man sich darüber auch nicht mehr weil wir schon stumpf genug sind und dieser tolle Begriff „Body-Count“ gibt dann der Perversion seinen Schliff. Und wir arbeiten weiter daran noch stumpfer zu werden, den Krieg stets wieder als Helden-Geburtsstation zu entdecken und das gegenseitige Töten … beide Seiten halten sich schließlich für die „Gute“ weiter zu legitimieren und der designierte Gewinner ist der mit der Übermacht im Rücken. Den Rest muss die Propaganda zurechtbiegen, damit der blutverschmierte Pfad ein „tugendhafter“ bleibt. Und damit sich die Kids schon richtig dran gewöhnen können, sollten sie mal das neue Heldentum studieren, Moderne Kriegsführung (nicht weniger bitter) (http://qpress.de/2010/07/02/moderne-kriegsfuhrung/) … wieder weg vom maschinellen Töten, hin zur traditionellen und handwerklichen Schädelspaltung … dem Text mangelt es nicht an Einsichten. Wie soll man es den Kindern und auch unseren Politikern erklären, dass das Töten in keinem Falle gerecht sein kann und man eine Ungerechtigkeit nicht mit der nächst größeren ausradieren kann. Sein Tod ist nichts anderes als das 4.474 amerikanische Zeichen der Sinnlosigkeit dieses Unfugs der Menschenleben für Machtinteressen opfert.
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Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

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