Beirut - Im Libanon ist es am Sonntag zu schweren Ausschreitungen gekommen. Nach einer Trauerkundgebung für die Opfer eines Terroranschlags am Freitag durchbrachen aufgebrachte Bürger laut Augenzeugen Zugangssperren und versuchten, den Sitz der Regierung zu stürmen. Die Polizei setzte Tränengas ein, Soldaten sollen mit Maschinengewehren in die Luft gefeuert haben, um die Angreifer zurückzudrängen.
Zuvor waren Tausende Menschen zur Beisetzung von Wissam al-Hassan ins Zentrum von Beirut geströmt. Der Polizei-Geheimdienstchef gehörte zu den Opfern des Anschlags. Hinter seinem Tod vermuten die Demonstranten das syrische Regime von Baschar al-Assad, da Hassan als einer der wichtigsten libanesischen Gegenspieler von Damaskus galt. Zu der Kundgebung hatten der Oppositionsführer Saad al-Hariri und der Drusenführer Walid Dschumblatt aufgerufen. Die meisten Teilnehmer waren Sunniten, Christen und Drusen.
Die Protestierer forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Nadschib Mikati, dem sie enge Beziehungen zu Assad vorwerfen. Die Regierung um Mikati bot bereits selbst ihren Rücktritt an.
Landesweit hatten zuvor schon Zehntausende Sunniten gegen den Anschlag protestiert. Schon am Samstag kam es in vielen Landesteilen zu Ausschreitungen. Demonstranten blockierten die Zufahrt zum Flughafen in Beirut und sperrten Straßen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli. In einem Dorf im Bekaa-Tal schossen Soldaten auf Demonstranten, die eine Straße blockierten und verletzten laut Augenzeugen zwei Menschen.
Die Gewalt nährt Sorgen vor einem neuen Bürgerkrieg im Libanon. Ein westlicher Diplomat bezeichnete die Lage des Landes als instabil. Er wisse nicht, ob der Anschlag auf Hassan "der erste einer ganzen Serie ist - aus der Historie heraus würde ich es vermuten". Unter allen Zielen für ein Attentat sei Hassan jenes gewesen, das die Stabilität des Libanon am meisten ins Wanken habe bringen können.
Westerwelle warnt vor Flächenbrand
Auch Libanons Polizeichef Aschraf Rifi schloss weitere Attentate nicht aus. "Wir haben einen Stützpfeiler unserer Sicherheit verloren", sagte er. Dem Land stünden weitere Opfer bevor. "Wir wissen das. Aber wir lassen uns nicht brechen."
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigt sich "sehr besorgt über die wachsende Gefahr eines Flächenbrands in der Region". Es müsse alles getan werden, damit der syrische Bürgerkrieg nicht auf den Libanon übergreife, erklärte ein Sprecher des Außenministers in Berlin.
Der multireligiöse Libanon ist tief zerstritten zwischen Anhängern und Gegnern Assads. Viele Schiiten unterstützen den ihrer Konfession nahestehenden Alawiten Assad, die meisten Sunniten stehen auf der Seite seiner Gegner. Schon vor dem Anschlag hatten sich in Tripoli Sunniten und Alawiten Kämpfe geliefert. Tausende Syrer sind vor der Gewalt in ihrer Heimat in das Nachbarland Libanon geflohen. Syrien hatte jahrzehntelang die Rolle einer Vormacht im Libanon gespielt.
Auch lange nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs 1990 standen syrische Soldaten im Zedernstaat. Ihr Abzug konnte erst nach dem Attentat auf Hariri im Jahr 2005 durchgesetzt werden.
Bei dem Anschlag am Freitag kamen nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP neben Hassan sein Fahrer und ein weiterer Mensch ums Leben. Zunächst war von acht Toten die Rede gewesen. Zudem sollen 126 Menschen verletzt worden sein.
dab/Reuters/dpa/dapd
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