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23. März 2008, 10:53 Uhr

Libanon

Der Kaiser von Nirgendwo

Von , Beirut

Im libanesischen Bürgerkrieg war er als grausamer Kämpfer gefürchtet, dann machte er als Musikproduzent Millionen. Doch Michel Elefteriades will mehr, nämlich die Welt retten - mit seinem eigenen Kaiserreich. Bisher haben sich 52.022 Untertanen freiwillig gemeldet.

Des Kaisers Kleider sind nicht nach der neuesten Mode geschneidert, im Gegenteil. Der reich bestickte Kaftan, den seine Hoheit Michel I. trägt, scheint aus der Zeit zu stammen, als Nahostpolitik noch von den Sultanen in Konstantinopel bestimmt wurde. Das Cape, das er über dem Kaftan trägt, könnte von Graf Dracula persönlich stammen. Und auch der Spazierstock, mit dem der 37-Jährige spielt, würde besser in einen Palast als in das Hinterzimmer eines Nachtclubs passen: Der silbern beschlagene Bambusstab ist das Geschenk des Sultans von Oman an einen Mann, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hat: von "Nowheristan", dem "Nirgendwoland".

Seine Majestät, Michel I, der Kaiser von "Nowheristan": "Demokratie ist ein schlechtes System."

Seine Majestät, Michel I, der Kaiser von "Nowheristan": "Demokratie ist ein schlechtes System."

Mit bürgerlichem Namen heißt der Mann, den seine Anhänger mit "Hoheit" ansprechen, Michel Elefteriades. Er ist Libanese und Weltbürger, viel gespielter Komponist, Musikproduzent und Nachtclubbesitzer, Philosoph und Herrscher über das von ihm gegründete Phantasieland. Wobei es Elefteriades erklärtes Ziel ist, sich wieder arbeitslos zu machen. Denn laut der Verfassung Nowheristans muss der Kaiser abdanken, sobald aus seiner Fiktion Wirklichkeit geworden ist. Dann übernimmt eine Priesterkaste des Guten die Herrschaft über eine freie Welt, in der Demokratie Schnee von gestern ist.

Die Biografie: vom Bürgerkrieger zum Musikproduzenten

Doch der Reihe nach: Dass frustrierte Bürger versuchen, aus dem Staatsgefüge auszuscheren und nach eigenen Regeln ihr eigenes kleines Reich zu gründen, ist an sich nichts Neues. Seien es Hippie-Kommunen in den USA oder Fürstentümer auf Nordsee-Plattformen. Der Drang nach der totalen Selbstbestimmung lässt immer mal wieder Kleinststaaten entstehen, die ein Weile für Medienwirbel sorgen und dann in Vergessenheit geraten. Genau das will Elefteriades vermeiden: Sein Projekt soll mehr sein als nur ein Wolkenkuckucksheim.

Der Grund dafür mag in seiner Biographie zu suchen sein. Elefteriades hat den Kampf für eine Welt nach seiner Vorstellung tatsächlich mit der Waffe in der Hand geführt. Als Teenager kämpfte er im libanesischen Bürgerkrieg für seine Ideale, als Kommandant einer christlichen Miliz, die General Michel Aoun nahe stand. Es war eine Zeit der Folter, des Todes und des Elends. "Ich war dafür berüchtigt, sehr grausam zu sein", räumt er heute ohne Umschweife ein.

Dass er ansonsten vage bleibt, wenn es um seine Vergangenheit als Kämpfer geht, ist typisch libanesisch. Fast alle in seiner Altersgruppe waren in irgendeiner Form am Bürgerkrieg beteiligt, in dem eigentlich jede Kriegspartei irgendwie Dreck am Stecken hatte. Viele Männer und auch einige Frauen um die 35 dürften getötet und vielleicht auch gefoltert haben – besser, man spricht nicht darüber.

Nach der Niederlage Aouns gründete Elefteriades, der nicht aufgeben wollte, eine geheime Widerstandsgruppe, die noch eine Weile weiter kämpfte. Zwei Mal entging er selbst einem Attentat, dann verließ er das Land. Es folgten Jahre im kubanischen und serbischen Exil, erst 1997 kehrte er in den Libanon zurück. Elefteriades hatte aus dem Ausland etwas mitgebracht, was ihn zum Millionär machen sollte: Musik. Seine Firma "Elef" ist heute das größte Weltmusik-Label im Nahen Osten. In seinem Beiruter Nachtclub "Music Hall" feiern an den Wochenenden Tausende gut betuchter Araber rauschende Feste zu Live-Musik aus allen Winkeln der Welt.

Tabula Rasa. Michel I. will mit einem neuen Land anfangen

Es dauerte nicht lange, dann war dem hyperaktiven Tausendsassa das Geldscheffeln nicht mehr genug. Religiöser Fanatismus, Politiker, die nach Feudalherrenart regieren, Korruption und Vetternwirtschaft: Die scheinbar endlose Staatskrise seines Heimatlands ließen ihn zum politischen Aktivisten werden - und fast verzweifeln. "Im Libanon etwas verändern zu wollen, heißt, sich zum Sisyphus zu machen", sagt Elefteriades an diesem Abend im Hinterzimmer seiner "Music Hall". "Deshalb habe ich mich also entschlossen, Tabula Rasa zu machen und mit einem neuen Land neu anzufangen."

Michel I. hat ein "bescheidenes Projekt - die Welt zu retten"

Michel I. hat ein "bescheidenes Projekt - die Welt zu retten"

Es ist ihm wichtig zu sagen, dass dieser Akt nicht aus einer Laune heraus geschah, sondern das Ergebnis komplexer philosophischer Überlegungen war: Dazu nimmt er seine Besucher mit auf einen Parforceritt durch die antike wie die jüngere Geistesgeschichte. Indische Denker, "Das Kapital", Jesus, das alte Rom, der Unabhängigkeitskampf der Tschetschenen, Kant, Hegel, Chomsky. Er hat sie alle studiert, und das Ergebnis ist sein Staatsprojekt. "Nowheristan - wir haben die Lösung", heißt es im Internet, wo das Land derzeit noch zu Hause ist.

Nur arbeitslose Politiker sind gute Politiker

Während Elefteriades erzählt, klingt im Hintergrund Latino-Musik, die immer mal wieder abbricht. Der Club ist heute geschlossen, die engagierten Bands proben auf der Bühne neben seinem Büro neue Stücke ein. Ab und an schaut ein Kellner herein und bringt frischen Espresso und eine neue Flasche Mineralwasser für "seine Hoheit". Der Kaiser trinkt nicht, raucht nicht, und auch Drogen sollen bei seinen Kreativschüben nicht im Spiel sein. "Ich bin von Natur aus high", sagt der Mann mit der geschniegelten Bohemian-Frisur und dem adrett gestutzten Bärtchen.

Guter Laune ist er heute nicht: Wenige Stunden zuvor hat einer der täglichen Stromausfälle in Beirut die Festplatte eines Computers seiner Musikproduktionsfirma zerstört. Vier komplett durchproduzierte Alben sind für immer verloren - und die Techniker, die es versäumt hatten, Sicherheitskopien anzulegen, seitdem arbeitslos. Ein Kaiser muss auch mal streng sein können, auch wenn Elefteriades versucht, sich Verständnis für seine Angestellten abzuringen. "Wir stammen alle aus derselben Generation, anstatt zur Schule zu gehen, haben wir monatelang im Keller gehockt, während draußen die Bomben fielen." Wer in so chaotischen Zuständen aufwachse, der würde auch später nicht vorausplanen können. Trotzdem mussten die Unglücksraben gehen: "Der heutige Tag hat mich drei bis vier Millionen Dollar gekostet", sagt Elefteriades müde.

Irgendwann soll aus dem "Nirgendwo-Land" das "Überall-Land" werden, das ist das erklärte Ziel Michel des Ersten. Dann soll der Kaiser abdanken und ein Ältestenrat der Klügsten die Welt weise und gerecht lenken. "Demokratie ist ein schlechtes System, weil es diejenigen nach oben bringt, die den Menschen die besten Märchen erzählten", sagt Elefteriades. "Was die Welt heute braucht, sind mehr arbeitslose Politiker." Herkunft, Ethnie und Religion sollen in Nowheristan nichts gelten, auch deshalb soll "gebrochenes Englisch" die Landessprache werden.

Dass der Herrscher von "Nowheristan" jemals die Geburtsstunde seines Landes erleben wird, darf als unwahrscheinlich gelten. Man muss das Gedankengebäude, das Elefteriades unter diesem Namen entwickelt hat, als Auswuchs des tiefen Frusts verstehen, dem die junge, erfolgreiche Elite im Libanon konstant ausgesetzt ist. Treffen sich zwei Libanesen, dann wird sehr schnell der Nachname und das Heimatdorf der Großeltern abgefragt: Jeder Libanese versteht es, seinen Gegenüber anhand dieser Daten sofort in ein kompliziertes System religiöser und sozialer Schubladen einzusortieren.

52.022 Untertanen zählt sein fiktives Reich

In einem Land, indem so die gesamte Existenz davon geprägt wird, in welche Schicht man hinein geboren wird, ist die Idee, sich seine Identität als Bürger von Nowheristan selbst zusammensuchen zu dürfen, sehr verlockend: 52.022 Menschen haben sich inzwischen als Nowheristanis registrieren lassen, vermeldet die offizielle Webseite des Fiktiv-Landes. Viele sind Libanesen. "Die Libanesen haben es satt, dass sich alle Welt in unsere Angelegenheiten einmischt", sagt der "Kaiser". So lange er seinen Plan, "die Welt zu retten", nicht in die Tat umsetzen konnte, unterstützt er deshalb die pro-syrische libanesische Opposition, genauer gesagt seinen ehemaligen Befehlshaber General Aoun. "Natürlich wollen die Syrer Einfluss nehmen. Aber besser die Syrer, die wenigstens Araber sind und unsere Sprache sprechen, als die Amerikaner, die versuchen, den Libanon unter ihren Einfluss zu stellen." Er glaubt, dass es bald wieder zu einem Bürgerkrieg im Libanon kommen wird. "Wir versuchen, die Spielregeln zu ändern, aber solange auch nur ein Mensch bewaffnet ist, hat Pazifismus keine Chance."

Dass viele seiner Landsleute in Elefteriades bloß einen reichen Exzentriker sehen, der sich gern produziert, lässt den Geschäftsmann kalt. "Natürlich ist die Kaiser-Nummer ein Gag", sagt er. Ein Gag, der ihn nach eigenen Aussagen bislang eine halbe Million Dollar gekostet hat. Dank des "sexy Marketing-Pakets", das sein Team geschnürt hat, ist Elefteriades inzwischen Stammgast verschiedener libanesischer Talkshows.

Ob er dort bloß Wahlkampf für seinen ehemaligen Befehlshaber Michel Aoun treibt oder aber tatsächlich für eine bessere Welt kämpft, liegt im Auge des Betrachters. Er selbst sagt, diese Auftritte seinen notwendig, um "sein gutes Gift versprühen" zu können. "Ich habe ein sehr bescheidenes Projekt: die Welt zu retten", sagt Kaiser Michel der Erste. "Dafür muss man es auch ertragen, im Rampenlicht zu stehen."

Er meint das wirklich ernst.

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