Libanon Der Kaiser von Nirgendwo

Im libanesischen Bürgerkrieg war er als grausamer Kämpfer gefürchtet, dann machte er als Musikproduzent Millionen. Doch Michel Elefteriades will mehr, nämlich die Welt retten - mit seinem eigenen Kaiserreich. Bisher haben sich 52.022 Untertanen freiwillig gemeldet.

Von , Beirut


Des Kaisers Kleider sind nicht nach der neuesten Mode geschneidert, im Gegenteil. Der reich bestickte Kaftan, den seine Hoheit Michel I. trägt, scheint aus der Zeit zu stammen, als Nahostpolitik noch von den Sultanen in Konstantinopel bestimmt wurde. Das Cape, das er über dem Kaftan trägt, könnte von Graf Dracula persönlich stammen. Und auch der Spazierstock, mit dem der 37-Jährige spielt, würde besser in einen Palast als in das Hinterzimmer eines Nachtclubs passen: Der silbern beschlagene Bambusstab ist das Geschenk des Sultans von Oman an einen Mann, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hat: von "Nowheristan", dem "Nirgendwoland".

Seine Majestät, Michel I, der Kaiser von "Nowheristan": "Demokratie ist ein schlechtes System."

Seine Majestät, Michel I, der Kaiser von "Nowheristan": "Demokratie ist ein schlechtes System."

Mit bürgerlichem Namen heißt der Mann, den seine Anhänger mit "Hoheit" ansprechen, Michel Elefteriades. Er ist Libanese und Weltbürger, viel gespielter Komponist, Musikproduzent und Nachtclubbesitzer, Philosoph und Herrscher über das von ihm gegründete Phantasieland. Wobei es Elefteriades erklärtes Ziel ist, sich wieder arbeitslos zu machen. Denn laut der Verfassung Nowheristans muss der Kaiser abdanken, sobald aus seiner Fiktion Wirklichkeit geworden ist. Dann übernimmt eine Priesterkaste des Guten die Herrschaft über eine freie Welt, in der Demokratie Schnee von gestern ist.

Die Biografie: vom Bürgerkrieger zum Musikproduzenten

Doch der Reihe nach: Dass frustrierte Bürger versuchen, aus dem Staatsgefüge auszuscheren und nach eigenen Regeln ihr eigenes kleines Reich zu gründen, ist an sich nichts Neues. Seien es Hippie-Kommunen in den USA oder Fürstentümer auf Nordsee-Plattformen. Der Drang nach der totalen Selbstbestimmung lässt immer mal wieder Kleinststaaten entstehen, die ein Weile für Medienwirbel sorgen und dann in Vergessenheit geraten. Genau das will Elefteriades vermeiden: Sein Projekt soll mehr sein als nur ein Wolkenkuckucksheim.

Der Grund dafür mag in seiner Biographie zu suchen sein. Elefteriades hat den Kampf für eine Welt nach seiner Vorstellung tatsächlich mit der Waffe in der Hand geführt. Als Teenager kämpfte er im libanesischen Bürgerkrieg für seine Ideale, als Kommandant einer christlichen Miliz, die General Michel Aoun nahe stand. Es war eine Zeit der Folter, des Todes und des Elends. "Ich war dafür berüchtigt, sehr grausam zu sein", räumt er heute ohne Umschweife ein.

Dass er ansonsten vage bleibt, wenn es um seine Vergangenheit als Kämpfer geht, ist typisch libanesisch. Fast alle in seiner Altersgruppe waren in irgendeiner Form am Bürgerkrieg beteiligt, in dem eigentlich jede Kriegspartei irgendwie Dreck am Stecken hatte. Viele Männer und auch einige Frauen um die 35 dürften getötet und vielleicht auch gefoltert haben – besser, man spricht nicht darüber.

Nach der Niederlage Aouns gründete Elefteriades, der nicht aufgeben wollte, eine geheime Widerstandsgruppe, die noch eine Weile weiter kämpfte. Zwei Mal entging er selbst einem Attentat, dann verließ er das Land. Es folgten Jahre im kubanischen und serbischen Exil, erst 1997 kehrte er in den Libanon zurück. Elefteriades hatte aus dem Ausland etwas mitgebracht, was ihn zum Millionär machen sollte: Musik. Seine Firma "Elef" ist heute das größte Weltmusik-Label im Nahen Osten. In seinem Beiruter Nachtclub "Music Hall" feiern an den Wochenenden Tausende gut betuchter Araber rauschende Feste zu Live-Musik aus allen Winkeln der Welt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.