Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Libanon: Die Angst vor dem Tag nach dem Krieg

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz

Eine Million Libanesen haben durch israelische Angriffe ihr Zuhause verloren - viele werden nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Das Schicksal der Flüchtlinge wird den Libanon vor eine gesellschaftliche Zerreißprobe stellen, die in einem neuen Bürgerkrieg enden kann.

Es ist das erste Mal, dass Ahmed Atieje unter Christen lebt. Seit über zwei Wochen haust der 20-Jährige in der staatlichen Schule von Baadad. 13 Familien, zusammengepfercht in den wenigen Klassenzimmern einer winzigen öffentlichen Lehranstalt: Baadad in den Bergen oberhalb Beiruts ist reich, die meisten Kinder gehen auf Privatschulen. Ahmed mag seine neuen Nachbarn nicht, auch wenn ihn deren Hilfsbereitschaft überrascht hat. "Sie haben uns aufgenommen, geben uns Essen und Kleidung, Milch für die Kinder. Trotzdem sind sie anders als wir", sagt er.

D och Ahmed hat keine Wahl: Die Eigentumswohnung seiner Eltern im Südbeiruter Vorort Harek Hreik gibt es nicht mehr, sein Zuhause ist vor fünf Tagen in einen Haufen Trümmer gebombt worden. "Was werde ich mit meiner Zukunft anfangen?" fragt sich Ahmed. Denn mit dem Haus ist auch sein Arbeitsplatz verloren, der Schuhmacherladen im Erdgeschoss. "Ich weiß nicht, ob ich auf der Straße werde leben müssen oder bei Verwandten", sagt Ahmed. Nur eines weiß er: Bei den Christen wird er nicht bleiben können. "Nicht für lange Zeit."

"Es kann zu Konfrontationen kommen"

Bis zu einer Million Libanesen sind seit Beginn des Krieges vor Bomben und Raketen aus ihrer Heimat geflohen, schätzt die Regierung. In der dritten Woche der Kämpfe ist in den meisten in Notunterkünften Routine eingekehrt, die Helfer, die die Gestrandeten mit dem Nötigsten versorgen, haben sich eingespielt. Noch hält die Solidarität, kommen jeden Nachmittag Clowns in die Schule von Baadad, um mit den Kindern zu spielen und ihnen vorzulesen. Doch je länger der Krieg dauert, je mehr Dörfer und Städte zerstört werden, desto mehr dämmert es sowohl den Flüchtlingen als auch ihren Gastgebern, dass die Vertriebenen bleiben werden: Weil sie nirgendwohin zurück können.

"Sie werden bleiben und das wird vielleicht ein sehr ernstes Problem werden", sagt der libanesische Innenminister Ahmad Fatfat. "Es gibt jetzt schon große Spannungen und es kann zur Konfrontation kommen." Fatfat sitzt mit Halskrause – "ich habe es im Nacken, das ist der Stress" - an seinem Schreibtisch in dem prächtigen Ministeriumspalast und schaut unglücklich drein, während er das Elend seines Landes durchdekliniert: Um 25 Jahre sei der Libanon zurückgebombt worden, der Verlust sei gewaltig, nicht zu fassen.

Notunterkünfte sind keine Lösung

Zwar werden Teile des Südens vielleicht innerhalb eines halben Jahres wieder bewohnbar zu machen sein, das große Problem jedoch seien die dicht besiedelten Vororte Beiruts, so der Minister. Mehr als 150.000 Menschen hätten dort gelebt, es werde mindestens zwei Jahre dauern, bis das Viertel wieder aufgebaut sei. Wo die Vertriebenen so lange ausharren sollen, weiß er nicht. "In den Schulen könne sie nicht bleiben, irgendwann muss wieder unterrichtet werden. Und in Camps können wir sie im Winter nicht unterbringen, dazu wird es hier zu kalt."

Die Regierung werde eine Lösung finden, beteuert Fatfat - was soll er auch anderes sagen. Bis dieses Wunder geschieht, wird das Flüchtlingsproblem von Tag zu Tag dringlicher, die Geduld der Unterkunft gewährenden kleiner. Schon hat der Minister Fernsehsendungen verbieten lassen, bei denen Zuschauer anrufen können, und ihrem Zorn freien Lauf lassen. "Da gab es sehr unterschiedliche Meinungen zu hören, das war sehr gefährlich."

Die Meinungen, auf die er sich bezieht, hört man in den guten Vierteln Beiruts, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand: Es passt vielen wohlhabenden Libanesen ganz und gar nicht, dass in ihren gepflegten Quartieren nun plötzlich arme Schiiten das Straßenbild bestimmen. Schiiten, die in ihrer großen Mehrheit die Hisbollah unterstützen: Die Partei, die dem Libanon nach Meinung vieler im Alleingang einen Krieg aufgezwungen hat, dessen Folgen nun alle gemeinsam tragen müssen.

Auch Jamal Arafat vom Uno-Flüchtlingshilfswerk verortet das größte Problem des Libanon in der Zukunft. "Eine ziemlich große Zahl Flüchtlinge wird auch nach einem Waffenstillstand für Monate und Monate in den Notunterkünften bleiben", sagt der Senior Regional Officer des UNHCR. Es habe zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden ein Graben geklafft. Die große Sorge sei, was geschehen solle, wenn das Schuljahr wieder beginne. "Wenn die Kinder im Norden nicht zur Schule gehen können, wird sich die Abneigung gegenüber den Flüchtlingen noch vertiefen", sagt Arafat.

Die Asylbietenden sind genervt

Das UNHCR sei dabei, Stadien und Grünflächen zu sichten, um dort Zeltstädte aufzubauen, sagt er. "Aber ich glaube nicht, dass wir die Kapazitäten schaffen können, um alle Flüchtlinge dort unterzubringen." In Städten wie Sidon, in denen 90.000 Sunniten schon über 32.000 Schiiten aufgenommen hätten, drohe das gesellschaftliche Gleichgewicht aus den Fugen zu geraten. "Wenn man sich die Geschichte des Landes und seiner Bevölkerungsgruppen anschaut, ist das ein absolutes Problem." Glaubt er also, dass ein Bürgerkrieg drohen könnte? "Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber die Spannung wird steigen, das ist sicher." Oberstes Gebot des UNHCR sei es deshalb, den Flüchtlingen so schnell als möglich die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen.

Baadad mit seinen 5000 Einwohnern hat bislang 300 Flüchtlinge aufgenommen. Es mag ein Zufall sein, dass die christlichen Vertriebenen in einer gepflegten privaten Klosterschule wohnen, während den Schiiten die kleine staatliche Schule zugewiesen bekommen haben. Marie-Therese, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, ist im Gemeinderat und ins Kloster gekommen, um Windeln und neue Kinderschuhe vorbeizubringen. Noch, sagt sie, gebe es keine Probleme mit den Schiiten, aber die würden kommen, früher oder später. "Sie passen von ihrer Mentalität nicht zu uns", sagt sie. "Wir können sie nicht hier behalten."

Wenn der Krieg erst vorbei sei, sollen sich bitteschön andere um die Menschen aus dem Süden kümmern, sagte die Gemeinderätin. "Vielleicht eine schiitische Organisation", sagt sie und meint die Hisbollah. Sie bringt der Miliz und ihren Anhängern keine Sympathien entgegen. "Die Juden haben den Krieg nicht angefangen. Wenn Israel die Hisbollah entwaffnen kann, umso besser. Sie sollen nur den Libanon als Ganzes in Ruhe lassen."

Auf das Kriegsende, also den Moment, wo sie ihre ungebetenen Gäste wieder los werden könnte, wird Marie-Therese nach Ansicht ihres Innenministers noch Wochen warten müssen. "Das geht noch den ganzen August weiter", hatte Ahmad Fatfat beim Abschied in seinem Palast gesagt. So leise, dass es fast im Summen der Klimaanlage untergegangen wäre.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Nahost: Zorn und Trauer
Fotostrecke
Nahost: Grauen auf beiden Seiten der Grenze


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: