Libanon Die Illusion vom schnellen Krieg

Der Libanon-Feldzug gegen die Hisbollah läuft zäher als von vielen Israelis erwartet. Symptomatisch dafür ist die aufreibende Schlacht um das libanesische Dorf Bint Dschbeil - eine "Hölle auf Erden". An der Heimatfront gerät das Militär bereits in die Kritik.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Micky Hilbertal hatte alle Hände voll zu tun. 22 Verwundete wurden ins Rambam Medical Center in Haifa eingeliefert. Opfer der bisher verlustreichsten Schlacht der Israelis im Libanon. Der Arzt, der die Notaufnahme leitet, gab an: "Die meisten wurden von Splittern oder Kugeln getroffen." Hauptsächlich gebe es Verletzungen an den Gliedmaßen, aber auch in der Brust und im Magen.

Verluste der israelischen Armee im Libanon: Ein verletzter Soldat wird geborgen
AFP

Verluste der israelischen Armee im Libanon: Ein verletzter Soldat wird geborgen

Die verwundeten Soldaten berichten von einer mörderischen Schlacht: "Es war die Hölle auf Erden." Den Angaben zufolge hatte der Gegner das Kampffeld exakt für seine Belange präpariert - und die Israelis gingen in die Falle. "Um die Soldaten flogen die Kugeln von jeder und allen Seiten", berichtet die Zeitung "Haaretz". "Sie schossen auf uns aus einem Halbkreis von 180 Grad", beschrieb einer der verwundeten Soldaten den Hinterhalt.

Der Angriff, der von der Armee bereits am Dienstag als erfolgreich verkauft worden war - "Unsere Streitkräfte kontrollieren Bint Dschbeil", gaben Kommandeure bekannt, obwohl die Kämpfe noch immer andauern - war fehlgeschlagen. Israelischen Angaben zufolge ließen allein am Mittwoch fünf Soldaten und drei Offiziere der Golani-Brigade, alle zwischen 20 und 31 Jahre alt, in der Schiitenhochburg ihr Leben. Etwa doppelt so viele Hisbollah-Kämpfer sollen ebenfalls getötet worden sein.

Die meisten Toten und Schwerverletzten auf israelischer Seite habe es bei der ersten, rund einstündigen Angriffswelle von Bodentruppen auf ein Haus gegeben, berichten die Zurückgekehrten. In dem Gebäude sollten die Infanteristen islamistische Gotteskrieger aufspüren und gegebenenfalls ihre Waffenlager vernichten.

"Ich wurde mitsamt der Wand hinweg gerissen"

Die leicht Verletzten seien innerhalb der nächsten drei Stunden getroffen worden, als sie dabei waren, ihre toten und verletzten Kameraden zu bergen. Unteroffizier Tzachi Duda, der mit leichten Verletzungen am Bein davonkam, sagte, ein Teil der Verletzten und Toten sei auf offenem Feld gelegen, einige hätte man aus Häusern holen müssen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben waren einige der Soldaten mit der blutigen Realität des Krieges konfrontiert. "Die Schlacht begann um halb vier Uhr in der Früh", sagt Duda. Der Ort sei unter Raketen- und Granatbeschuss gelegen. Er selbst habe Kampfgefährten, die die Verluste bargen, über Stunden Feuerschutz gegeben. Dann sei eine Rakete auf dem Hof eingeschlagen, in dem er postiert war. "Ich wurde mitsamt der Wand, hinter der ich mich verborgen hatte, hinweg gerissen. In meinem Leben hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Leute sehen würde mit Kugeln in ihrem Leib." Unteroffizier Lior Sharabi beschrieb die Szene so: "Es war die Hölle auf Erden. Menschen riskierten ihr Leben nicht nur für Verwundete, sondern auch für die Bergung von Leichen."

Der bisher verlustreichste Tag für die israelische Armee in einem seit bereits 16 Tagen andauernden Feldzug gegen die Hisbollah-Milizen im Libanon wirft ein Licht auf die Fähigkeit der Streitkräfte insgesamt. Das Ziel, die schiitischen Gotteskrieger zu entwaffnen und zurückzudrängen, gestaltet sich als schwieriger als gedacht. Und die Aussichten sind nicht rosig: General Udi Adam sagte gegenüber Reportern, er nehme an, dass die Kämpfe "noch ein paar Wochen" andauern werden.

Kritik an der Kriegsführung

Schon werden in Israel nüchterne Stimmen laut, die die Militärs nicht gerne hören werden. Da der Einsatz von Bodentruppen immer relativ viele Verluste mit sich bringt, kritisieren Analysten die fehlende Durchschlagskraft der High-Tech-Waffen aus der Luft. "Der Hisbollah ist es wieder einmal gelungen, den technologischen Vorteil der israelischen Luftwaffe zu neutralisieren", schreibt der Kolumnist Shmual Gordon in der "Jerusalem Post". Anstatt massiven Bombardements fordert er eine bessere Kooperation zwischen kleinen Spezialeinheiten am Boden und der Luftwaffe. Die Bodeneinheiten sollten lediglich Ziele ausmachen und deren Daten an Jäger und Raketenabschussbasen weitergeben, damit gezielter und effektiver angegriffen werde.

Die Regierung von Ministerpräsident Ehud Olmert hingegen traf sich heute Morgen, um nach den schockierenden Verlusten vom Vortag über eine Ausweitung der Bodenoffensive zu beraten. Dies birgt eine weitere Gefahr: Skeptiker fürchten, Syrien könne dies als Vorbereitung einer Offensive auch gegen Damaskus werten - was Jerusalem mehrfach zurückgewiesen hat. Sollte es allerdings dazu kommen, würde die ohnehin schleppende israelische Offensive unabsehbare Folgen - und weitere hohe Verluste - mit sich bringen.

Am späten Nachmittag nach der Sitzung des Sicherheitskabinetts verlautete aus politischen Kreisen in Jerusalem, die Regierung halte vorerst an der Strategie fest, mit Luftangriffen und begrenzten Bodeneinsätzen gegen die radikal-islamische Hisbollah vorzugehen.



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