Libanon Experten befürchten neuen Zuspruch für Hisbollah

Mit jeder Stunde vergrößert sich das Leid der libanesischen Bevölkerung, Hunderttausende sind auf der Flucht, Hunderte starben bereits. Dennoch sind die Menschen im Zedernstaat uneins darüber, ob die Hisbollah-Kämpfer, die den Krieg provozierten, Terroristen sind.

Aus Beirut berichtet


Beirut - Zehntausende marschieren durch die Straßen und schwenken die hellgelbe Hisbollah-Fahne. Sie tragen das Bild des Miliz-Chefs Hassan Nasrallah, skandieren die Parolen der Gottes-Partei und verbrennen israelische Flaggen. Wann immer in diesen Tagen solche Bilder im Fernsehen laufen ist eins klar: Aus dem Libanon stammen sie nicht. Sie kommen aus Teheran oder Damaskus, wo die Begeisterung für die Schiitenmiliz die Menschenmassen auf die Straßen treibt.

Dass man solche Bilder aus dem Libanon nicht sieht, liegt nicht nur daran, dass die Libanesen derzeit zu Hause sitzen, zur Untätigkeit verdammt durch die Gefahr, die sich alle paar Stunden mit Detonationen wie Donnerschlägen in Erinnerung ruft. Im Gegensatz zu anderen Nationen des Nahen Ostens stehen die Libanesen nicht geschlossen hinter der Hisbollah, im Gegenteil.

Die Aktionen der Guerillatruppe aus dem Süden spaltet die libanesische Gesellschaft: Die einen halten die Schiitenmiliz für heldenhaft, andere hassen sie, weil sie den Krieg über den Libanon gebracht hat. Um das zu verstehen, müsste man weit in die Geschichte zurückgehen: Erkennen, was jahrtausendelange Fremdherrschaft, schwunghafter Handel mit Freund und Feind und ein barbarischer Bürgerkrieg, in dem jeder mal mit jedem paktierte, um sich Wochen später abzuschlachten, an kollektiver Erinnerung zurückgelassen hat. "Der Libanon ist eine große Lüge, aber eine süße Lüge", hat es Ziad Rahbani, Libanese und einer der berühmtesten Musiker der arabischen Welt, einmal auf den Punkt gebracht. Eine Lüge, bei der alle miteinander auskommen, so lange nicht geschossen wird, die Geschäfte gut gehen und die Sonne scheint. Eine Lüge, die jetzt bröckelt.

Etwa 40 Prozent der Libanesen sind Schiiten, weitere 30 Prozent Sunniten. Der Rest setzt sich zusammen aus Christen aller Konfessionen. Christen, die während des Bürgerkriegs zu großen Teilen auf Seiten der Israelis standen, weil die versprachen, die Vorherrschaft der christlichen Oberschicht zu sichern. Nur wäre es in diesem komplizierten Land zu einfach, anzunehmen, dass demnach die Schiiten für die Hisbollah seien, die Sunniten neutral und die Christen strikt gegen die "Partei Gottes".

"Die Regierung ist gescheitert, erledigt"

"Schon vor der jetzigen Eskalation haben etwa 60 Prozent der Bevölkerung Forderungen der Hisbollah unterstützt", sagt Amal Saad-Ghorayeb. Die Politik-Professorin an der Amerikanischen Universität in Beirut ist Autorin des Buches "Hisbollah, Politik, Religion", dem Standardwerk über die Schiitenmiliz. Die Radikalislamisten fingen die Sympathien ein, indem sie sich populäre Themen auf die Fahnen schrieben, vor der die amerika-freundliche Regierung immer zurückgescheut ist. Die Forderungen der Hisbollah, Israel solle die besetzten Gebiete der Sheeba Farms zurückgeben, würden sehr viele Libanesen unterschreiben.

Auch das Schicksal Samir Kuntar, der seit 26 Jahren als Libanese in einem israelischen Gefängnis einsitzt und der gegen die entführten israelischen Soldaten ausgetauscht werden soll, bewegt die Nation. Zudem wurde respektiert, dass die Hisbollah - im Gegensatz zu wohl jeder anderen Partei des Libanon - sich nie gespalten oder selbst verraten hat. Die Miliz ist dank einer eindeutigen ideologisch-religiösen Indoktrinierung äußerst diszipliniert, von Alleingängen radikaler Splittergruppen ist nichts bekannt.

Dass die Bevölkerung zwar die Forderungen der Hisbollah befürwortete, die Miliz seit ihrer ersten Teilnahme an den Parlamentswahlen 1992 jedoch niemals allzu große Wahlerfolge verzeichnen konnte, hält Saad-Ghorayeb für symptomatisch. "Es ging den Leuten um die Inhalte, nicht um den bewaffneten Kampf gegen Israel." Saad-Ghorayeb hat beobachtet, dass selbst Hisbollah-Unterstützer in den ersten Tagen der israelischen Angriffe die Miliz für die plötzliche Gewalt verantwortlich machten.

Nach einer Woche eines De-facto-Krieges schlage die Stimmung nun allerdings um: "Die Armee hat in den vergangenen Tagen nur eins unter Beweis gestellt: Dass sie unfähig ist, zu reagieren." Bei der Bevölkerung sei dadurch der Eindruck entstanden, dass nur die Hisbollah sich schützend zwischen Israel und das libanesische Volk stelle. Zudem würfen die Libanesen ihrer Regierung vor, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Die Amerikaner, unter dessen Schutzmacht sich die Regierung nach dem Mord an dem ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar 2005 stellte, hätten den Zedernstaat gnadenlos im Stich gelassen. "Die Regierung ist gescheitert, erledigt", sagt Saad-Ghorayeb.

Die Politikwissenschaftlerin glaubt, dass ein lang anhaltender Konflikt die Hisbollah politisch stärken wird. "Bereits innerhalb von wenigen Tagen ist die Erinnerung daran, wer die Kämpfe initiiert hat, verblasst." Unter dem Eindruck der Bomben, die die südliche Vorstadt von Beirut in eine unbewohnte Kraterlandschaft verwandelt haben, sind selbst lebenslange politische Überzeugungen ins Rutschen geraten. "Heute findet man Christen, die erst die Hisbollah verfluchen und dann fragen, wann sie denn endlich Tel Aviv angreift."

"Uns stehen harte Zeiten bevor"

Was die zunehmende Unterstützung der radikalislamischen Guerilla für die politische Zukunft des Landes bedeuten wird, mag Saad-Ghorayeb nicht abschätzen. Fest stünde, dass in der derzeitigen Situation vor allem Iran die Möglichkeit habe, mäßigend auf die von ihm finanzierte "Partei Gottes" einzuwirken - oder sie aber auf verschlungenen Wegen weiter mit Waffen zu versorgen. Dass Syrien Einfluss auf die Hisbollah hat, hält die Expertin für sehr unwahrscheinlich. "Die USA wollen Syrien in den Konflikt mit hineinziehen, dass ist nicht nur kurzsichtig, sondern auch gefährlich."

Saad-Ghorayeb fürchtet, dass die Kämpfe noch lange anhalten könnten. Die Hisbollah ist - ironischerweise auch durch die zunehmende Beliebtheit - politisch in die Ecke gedrängt. Angetreten als Vertreter des gerechten Kampfes gegen die Zionisten muss die Führung nun einen Waffenstillstand verhandeln, der möglichst viele Vorteile und möglichst wenig Gesichtsverlust bringt. "Israel hat die Latte für eine Waffenruhe sehr hoch gehängt. Dabei hatte die Hisbollah von Anfang an signalisiert, dass es ihr nur um die Gefangenen und eventuell noch die Sheeba-Farms geht, sie aber ansonsten zu einem Waffenstillstand bereit ist."

Wenn nun davon gesprochen würde, dass die libanesische Armee als Puffer ins Grenzgebiet entsandt werden soll, so werde sich die Miliz darauf schwerlich einlassen können. "Die Hisbollah kann ihre starke Verhandlungsposition nur halten, wenn sie Israel weiterhin gefährlich werden kann." Die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone im Süden käme für die "Partei Gottes" demnach einer Niederlage gleich. "Es hätte den gleichen Effekt wie eine Entwaffnung, darauf kann sich die Miliz auch im Hinblick auf ihre Anhänger nicht einlassen."

Was also sind die Aussichten für die kommenden Wochen? "Mittelfristig wird die Hisbollah versuchen, sich mit Israel darauf einzuspielen, nur noch militärische Ziele anzugreifen", sagt Saad-Ghorayeb. Israel habe große Angst davor, dass die petrochemische Industrie getroffen wird, das werde die Hisbollah als Verhandlungsmasse zu nutzen wissen. Doch bis zu einer Übereinkunft könne es dauern: "Uns stehen noch harte Zeiten bevor."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.