Libanon Flucht aus der Todesfalle

Zwei Tage Feuerpause hat die israelische Luftwaffe nach dem verheerenden Angriff auf Kana eingeräumt. Die zerstörte Stadt liegt wie erstarrt unter dem Summen israelischer Drohnen. Die meisten der noch im Südlibanon ausharrenden Menschen nutzen die Zeit zur verzweifelten Flucht.

Aus Kana berichtet Ulrike Putz


Drei Paar Kinderschuhe und einige Frauenkleider sind das einzige, was geblieben ist. Irgendwer muss sie aus den Trümmern gezogen und säuberlich an der Hauswand abgelegt haben. Vermutlich war es derjenige, der auch die Besitzerinnen der Kleider und Schuhe, die toten Mütter und ihre toten Kinder aus dem zerklüfteten Beton gezogen hat: Die mindestens 54 Menschen, die in der Nacht zum Sonntag starben, als eine israelische Bombe dieses Haus in der südlibanesischen Stadt Kana ein Massengrab verwandelte.

Das Haus liegt am nördlichen Stadtrand, in einem Viertel, wo es keine festen Adressen gibt: An den Tabakbeeten vorbei, hinter dem Maisfeld links, neben der Weinlaube, Sie werden schon sehen. Dann steht man vor Trümmern, die bis gestern das Zuhause einer großen Familie waren. Das Dach des massiven Betonbaus hat alles unter sich begraben, auch den Keller, in dem die Menschen Schutz gesucht hatten. Noch hundert Meter weiter sind Scheiben in tausend Splitter geborsten, haben geschoßschnelle Steinchen Wunden in Bäume geschlagen. Sieben Leichen sollen noch unter den Trümmern liegen, erzählt der einzige Nachbar, der hier noch ausharrt. Am Freitagabend habe er der Großfamilie noch eine Lieferung Brot gebracht, sagt Ali Hamoud. Die Verwandten seien im Haus eines Bruders zusammengerückt, um in den Zeiten der Angst zusammen zu sein. Vor dem Frühstück waren sie alle tot.

24 Stunden, nachdem Kana weltweit zum Begriff wurde, liegt die Stadt, in der Jesus bei der Hochzeit von Kanaan Wasser in Wein verwandelt haben soll, erstarrt. Über ihr summen israelische Aufklärungs-Drohnen, die Kampfjets, die über dem Süden patrouillieren, sind erst zu hören, wenn sie schon wieder außer Sicht sind. Kaum jemand läuft auf den kleinen Sträßchen, die sich um die Hügelkuppen winden: Fast alle, die den Angriff überlebten, sind geflohen, als mit dem Autos des Roten Kreuzes auch die der Fernsehstationen nach Kana kamen. Sie sind uns auf dem Weg nach Süden entgegen gekommen, Pickups mit Ladeflächen voller Menschen, Taxis, in denen sich neun, zehn Menschen drängen. Die Aufmerksamkeit der Welt, die Empörung, die Israel zur Waffenruhe zwang, bietet endlich Schutz, in dem sie fliehen können.

Die Wahrheit ist, dass die Katastrophe von Kana dank der daraus resultierenden Waffenruhe vermutlich Hunderten von Menschen das Leben gerettet hat. Fährt man durch den verwüsteten Landstrich südlich von Sour, scheint es unfassbar, dass bislang nicht mehr Tragödien vom Ausmaße Kanas stattgefunden haben. In Kana, in Saddiniqe, in Kafra, überall das gleiche Bild: Ausgebrannte Supermärkte, zerborstene Fassaden, Wohnstraßen mit klaffenden Bombenkratern. Vor allem aber immer wieder Häuser, die direkte Treffer abbekommen haben: Nur noch Berge aus Beton und Stahlstreben. Wüsste man es nicht besser, man wähnte sich in der menschleeren Kulisse eines Stalingrad-Films. Und plötzlich begreift man, warum sich ganze Dorfgemeinschaften auch während des schlimmsten Bombardements auf den höllisch gefährlichen Weg nach Norden gemacht haben: Ihre Dörfer waren Todesfallen, jedes Haus war ein potentielles Ziel. Wer im richtigen Keller saß, überlebte, wer im falschen hockte, starb.

"Die Israelis bomben wieder"

In Saddiqine steht Ahmed Balhaas auf der mit Schrapnells übersäten Hauptstraße und schreit. Zusammen mit einem älteren Cousin hat er die Waffenruhe genutzt, ist aus dem Flüchtlingscamp in Saida nach Hause gekommen, um ein paar Habseligkeiten zu holen. Jetzt lässt sich sein Cousin Hussein zu lange Zeit. "Komm endlich, die Israelis bomben wieder", brüllt Ahmed. Und tatsächlich wummern innerhalb zehn Minuten über 40 Detonationen durch die umliegenden Hügel: Israel hat nur seine Luftangriffe eingestellt, der Artillerie-Beschuss ist dafür umso schwerer. In der mit Wohnung der Cousins reißt Hussein die Schränke auf, stopft Papiere und Geld in eine Aktentasche, läuft raus, dreht um, und kommt mit einem Paar Socken wieder. Als der Fleischer auch noch anfängt in seinem zerstörten Geschäft nach Brauchbarem zu wühlen, besiegt Ahmeds Angst die Geduld mit dem Verwandten: Mit quietschenden Reifen rast der Tabakfarmer davon. Seinen Cousin lässt er zurück. In dem ausgebombten Supermarkt nebenan stehen zwei Kühe und kauen Lebensmittelverpackungen.

Auch wenn der Süden menschenleer zu sein scheint: Die Präsenz der Hisbollah ist nicht zu übersehen. In Hauseingängen und unter Bäumen, vor dem Blick der Spionage-Drohnen geschützt, sitzen ihre Männer und beobachten misstrauisch, wer kommt und geht. Durchfahrende Autos werden per Walkie-Talkie weiter gemeldet, Journalisten erhalten Anweisungen, was sie filmen dürfen. Bärtige Männer geben Geleitschutz in entlegene Dörfer. Der soll wohl verhindern, dass man die Stellungen der Hisbollah sieht, die hier in diesen Hügeln verborgen sind, dass man am gesuchten Ort ankommt, ist eher ein Nebeneffekt.

Der Weg nach Beit Lif ist beschwerlich. Die Straße ist mehrmals bombardiert worden, zwei von Artillerie abgeschossene Minibusse stehen am Wegesrand. Ein ausgebranntes Mofa liegt im Graben: Auf ihm starb ein Mann aus Beit Lif, der in Kana Schmerzmittel gegen die Zahnschmerzen seiner Tochter holen wollte, erfahren wir später. Wo die Straße ganz weggebombt ist, liegen zwei Strommasten als Notbrücke über dem Krater.

"Wir leben im Paradies - das will Israel nicht"

Auf dem Dorfplatz von Beit Lif sind große Diskussionen im Gange. Etwa 50 Menschen haben sich versammelt, die Hälfte sitzt schon in den aus Sour bestellten Mercedes-Taxis. Doch die Stimmung kippt: Soll man nicht doch besser bleiben und auf ein schnelles Ende des Krieges hoffen? "Viele haben Angst, dass es uns so geht wie den Palästinensern. Sie fürchten, dass wir nie wieder zurück können, wenn wir einmal unser Land verlassen", sagt Sainab Mayed. Mit ihrer Mutter, sieben Schwestern und zwei Brüdern wartet die 21-Jährige Literatur-Studentin darauf, dass der Vater entscheidet: gehen oder bleiben. "Wir haben keine Angst vor unbequemen Notunterkünften. Seit wir unsere Verwandten von außerhalb aufgenommen haben, wohnen wir hier auch mit 30 Verwandten in fünf Zimmern." Es ist das Land, um das es geht. "Das ist guter Boden hier. Wir leben im Paradies. Und genau das will Israel nicht."

Ab und an unterbricht eine Detonation das Palaver. Beit Lif ist nur 1500 Meter von der israelischen Grenze entfernt. Die Artillerie schlägt direkt hinter dem Hügel ein. Beit Lif ist bislang von schweren Angriffen verschont gewesen, sei es, weil es im Schatten eines Hügels liegt, sei es weil "die Hisbollah immer weit weg in den Tälern operiert hat, um uns nicht zu gefährden", wie Sainab sagt. Trotzdem haben die Menschen gelitten. Drei schwangere Frauen haben ihr Kind verloren, zwei außerhalb gelegene Bauernhöfe sind zerstört worden, berichten die Dörfler. Die Bauern hätten sich danach nicht mehr in die Gemüsegärten getraut, das Essen sei knapp geworden, sagt Sainab. Auch habe es im Dorf Streit gegeben. Als die Inhaber australischer, amerikanischer und auch deutscher Pässe von ihren Botschaften evakuiert worden seien, fühlten sich die Libanesen im Stich gelassen. "Das war so ungerecht, so unfair", sagt Sainab.

Eine erster Konvoi macht sich auf den langen Weg nach Beirut, es wird gewunken, die Frauen weinen. 150 Dollar soll die Fahrt pro Wagen kosten, ein Vermögen für die Kleinbauern und Tagelöhner. Familie Mayeb setzt sich mit einigen Nachbarn hin, um weiter zu beratschlagen. Vater Mayeb ist als Saatguthändler vergleichsweise wohlhabend, er will bleiben und so seinen Besitz schützen. Bei Kaffe und Weintrauben frisch von der Laube gibt ein Großvater die Geschichte von der Geburt seines jüngsten Enkels zum Besten. Drei Tage nach Kriegsbeginn habe seine Schwiegertochter ihn zur Welt gebracht – zu Hause, nur mit Hilfe einer alten Frau, ins Krankhaus hätten sie die Gebärende ja nicht bringen können. Raad habe er den Enkel genannt, bringt der Alte stolz die Pointe der Geschichte. Raad, so heißen die Raketen, die die Hisbollah gegen Israel feuert.



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