Libanon gedenkt Hariri-Mord "Letztlich hat sich nichts geändert"

Die Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri trieb vor einem Jahr Hunderttausende auf die Straße. Sie demonstrierten für eine demokratische Zukunft. Nun randaliert der Mob wegen der Mohammed-Karikaturen. Am Jahrestag des Attentats ist das Land noch immer weit von der Demokratie entfernt.

Von Sabine Brachmann, Beirut


Beirut - "Der Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit ist manchmal nur ein Wort", mahnt der im Dezember ermordete libanesische Journalist Gebran Tueni von einem haushohen Transparent im Stadtzentrum Beiruts. Sein Blick ist auf den Märtyrerplatz gerichtet, jener Platz, auf dem libanesische Jugendliche im Frühling des vergangenen Jahres eine Zeltstadt errichteten, die das Zentrum antisyrischer Proteste war. Mit dem Slogan "Independence 05" und Gebran Tueni als einem ihrer populären Sprecher forderte Libanons Jugend die Regierung auf, Licht in die Hintergründe um die Ermordung von Ministerpräsident Rafik al-Hariri zu bringen.

Aschura-Prozession in Beirut: "Mohammed zu Diensten"
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Aschura-Prozession in Beirut: "Mohammed zu Diensten"

Das Attentat am 14. Februar 2005 war für viele eine Initialzündung, um ihrer Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen im Land Luft zu machen. Hunderttausende formten sich auf dem Platz zu einer libanesischen Flagge, um dem Ausland zu zeigen: Es gibt eine nationale Einheit in dem seit Jahrzehnten zerrissenen Land. Westliche Medien versahen die Demonstrationen mit dem Etikett "Zedernrevolution".

Der Märtyrerplatz avancierte zum "Freedom-Square", auf dem junge Libanesen nahezu aller Konfessionen nicht nur den Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon forderten, sondern auch den Rücktritt korrupter libanesischer Politiker. Mit bunten Tüchern, Designersonnenbrillen und modischen Outfits riefen sie in Sprechchören nach "Freiheit, Souveränität und Unabhängigkeit", und die populäre Rhetorik ließ den Mythos eines arabischen Frühlings der Demokratie entstehen.

Heute jährt sich der Tag, an dem das Attentat auf Hariri verübt wurde. Der Todestag wird nun auch von der libanesischen Regierung offiziell als Märtyrertag bezeichnet, die Gedenkfeier wird auf dem Märtyrerplatz unmittelbar neben Hariris Grab stattfinden. Wer allerdings in diesen Tagen eine erneute Welle der Demokratie erwartet, der wartet vergebens. Die "Independence 05"-Bewegung, die im Licht der Euphorie über den Abzug der syrischen Truppen stand, ist verpufft. Nach der Ermordung Gebran Tuenis im Dezember entstand ein neuer Slogan - "Freedom 06", doch anders als mit dem Spruch "Independence 05" kam mit "Freedom 06" die Dunkelheit.

Die Enttäuschung über den Stillstand der libanesischen Politik, in der noch immer willkürlich wechselnde Allianzen konfessioneller Clan-Führer dringende Reformen verhindern, ließ Beiruts Jugend verstummen. Der Märtyrerplatz ist nahezu geräumt. Zurückgelassen haben die einstigen Zeltbewohner, die noch im letzten Sommer wochenlang ausharrten, ein verlassenes Zelt, dessen Wände nach und nach den Böen des Meereswindes nachgeben.

Abgeschreckt von den kühlen Temperaturen des Winters haben sie ihr Forum ins Internet verlegt. "Das Zelt hat eher eine symbolische Funktion", sagt Elie, ein 23-jähriger Medizinstudent. "Es dient dazu, der libanesischen Jugend einen Ort zu bieten, an dem sie sich versammeln können, um ihre Meinungen, aber auch ihre Ängste und Visionen frei äußern zu können, eine libanesische Version des Hyde Parks eben." Doch es ist ein Ort, an dem sich keine jungen Menschen mehr versammeln, keiner mehr spricht und niemand mehr zuhört.

Patrick, ein 25-jähriger Informatiker, kennt jeden Stein des Märtyrerplatzes. 78 Tage hat er im letzten Jahr dort in einem der Zelte gelebt. Doch morgen will er zu Hause bleiben. Zu groß ist seine Enttäuschung über die Ereignisse des letzten Jahres: "Wir haben in dieser Zeit gelitten, doch letztlich hat sich nichts geändert. Noch immer haben wir nur 18 Stunden Strom am Tag und eine Verfassung, die politischen Kuhhandel legitimiert."

Auch die Freude über den Abzug der syrischen Truppen Ende April 2005 war nur von kurzer Dauer. Denn wie die libanesische Bevölkerung ist auch die Regierung in anti- und prosyrische Fraktionen gespalten. So ist die antisyrische Zukunftsbewegung des im Mai 2005 gewählten Ministerpräsidenten Saad al-Hariri, Sohn des Ermordeten, in allen Parlamentsbeschlüssen auf die Stimmen der prosyrischen schiitischen Parteien Amal und Hisbollah angewiesen. Und auch der Präsident Emile Lahoud, dessen politischer Schutzpatron der syrische Ministerpräsident Baschar al-Assad ist, blieb trotz massiver Rücktrittsforderungen im Amt.

Die politische Fehde, die bereits zu Rafik al-Hariris Regierungszeit zwischen ihm und Lahoud bestand, geht nun mit Hariris Sohn Saad in eine neue Runde. Wir bedrohlich die Situation nach wie vor für antisyrische Politiker und Journalisten ist, zeigt eine seit Wochen in den libanesischen Medien kursierende syrische "Hitliste" prominenter Libanesen, die als mögliche Opfer eines nächsten Anschlags gelten. Saad al-Hariri ist einer von ihnen, weshalb er sein Amt hauptsächlich aus dem französischen Exil betreibt.

Neue Welle religiöser Gewalt

Doch während im Beiruter Stadtbild die omnipräsenten Hariri-Plakate und "Independence 05"-Sticker an die friedliche Revolution des letztes Jahres erinnern, überschattet eine neue Welle religiös motivierter Gewalt die Stadt, die einst durch einen 15 Jahre andauernden konfessionellen Bürgerkrieg gespalten war.

Was als friedlicher Protest Tausender muslimischer Libanesen gegen die Abbildung des Propheten Mohammed in europäischen Zeitungen geplant war, schlug vorvergangenen Sonntag in gewaltsame Ausschreitungen und Vandalismus in Beiruts christlichen Stadtteil Achrafieh um. Sunnitische und schiitische Extremisten setzten das Gebäude der dänischen Botschaft - in dem sich auch die österreichische Botschaft befand - in Brand. Sie zerstörten Autos und beschädigten katholische Kirchen. Auch die Aschura-Prozession vergangene Woche im südlibanesischen Nabatiye, in der Tausende Schiiten durch Selbstgeißelungen dem einstigen Imam Hussein gedenken, stand ganz im Zeichen der Protestaufrufe radikaler Islamisten gegen die Publikation der Mohammed-Karikaturen, die sich wie ein Flächenbrand in der islamischen Welt verbreiteten.

Aus Angst, diese bedrohlichen Szenarien könnten sich bei der Gedenkfeier Hariris wiederholen, wollen vor allem christliche Libanesen den Feierlichkeiten fern bleiben. "Die Bilder sind noch zu frisch. Ich traue der Regierung nicht mehr zu, dass sie in der Lage ist, ihre Bürger zu schützen", begründet eine junge Christin ihre Entscheidung, der Gedenkfeier fern zu bleiben.

Die Regierung bereitete sich mit der Errichtung zahlreicher Sicherheitschecks und einem erhöhten Militäraufgebot in Beiruts Straßen vor. Sie sollen Sicherheit garantieren. Doch dieser Zustand ruft in der Bevölkerung eher Unbehagen hervor, denn er erinnert an die jahrelange Präsenz der syrischen Truppen, die als Ordnungsmacht den libanesischen Sicherheitsapparat kontrollierten.

Die demokratische Welle gänzlich verebbt

Es scheint, als sei die demokratische Welle, die den Libanon im letzten Jahr erfasste, gänzlich verebbt. Stattdessen steht das kleine Land vor einer existentiellen Krise und ist - wie so oft in der libanesischen Geschichte - zum Opfer seiner Heterogenität geworden, eine Vielfalt, die teils groteske Züge annimmt: Der Sunnit Hariri avanciert post mortem zum Symbol einer jungen Generation libanesischer Christen.

Insgesamt ist die libanesische Politik deutlicher denn je von Clan-Strukturen und konfessionellen Zweckbündnissen geprägt. Die wieder erstarkte radikale Hisbollah ruft die schiitische Bevölkerung zur Reislamisierung des Landes auf, woraufhin europäische und christliche Einrichtungen attackiert wurden. Die geplante Gedenkfeier für Hariri droht erneut in einen religiös motivierten Konflikt zu eskalieren.

Es ist anzunehmen, dass die gegenwärtige Treibhausatmosphäre im konfessionell fragmentierten Mittelmeerland heute ihren Höhepunkt erreichen wird, wenn westliche Regierungen und die internationale Presse erneut ihr Augenmerk auf den Libanon richten - und damit auf ein Land, das nach allen bisher stattfindenden religiösen Konflikten nie Sieger, sondern immer nur Verlierer hervorbrachte.



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