Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Libanon: "Hisbollah wird die Waffen nicht strecken"

Die Gotteskrieger der Hisbollah werden sich nicht entwaffnen lassen - und im Libanon glaubt auch keiner daran, sagt Michael Young, 44, von der Beiruter Tageszeitung "Daily Star" im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er erwartet, dass ihr Anführer Nasrallah Karriere in Iran machen will.

SPIEGEL ONLINE: Drei Wochen nach Kriegsende stehen libanesische Truppen im Südlibanon, die Uno schickt Blauhelme, aber das Grundproblem des Krieges ist ungelöst: die Entwaffnung der Hisbollah. Wie will die Regierung in Beirut das Problem lösen?

Schiitenführer Nasrallah: Das letzte Wort fällt in Teheran
AFP

Schiitenführer Nasrallah: Das letzte Wort fällt in Teheran

Young: Die offizielle Linie lautet, eine Entwaffnung soll nur im nationalen Dialog entschieden werden. Doch das ist Rhetorik. In Wahrheit rechnet niemand damit, dass die Miliz ihre Waffen streckt. Die beiden Hisbollah-Minister haben mit Rücktritt gedroht, sollte die Regierung insistieren. In diesem Fall gäbe es Neuwahlen, die den Libanon gefährlich destabilisieren würden. Und was auch immer der Dialog bringen würde: Das letzte Wort sprechen die Machthaber in Teheran.

SPIEGEL ONLINE: Der Dialog, der schon vor dem Krieg geführt wurde, war also eine Farce?

Young: Zumindest insofern, als dass er nur unter Libanesen geführt wurde. Es gibt diesen Irrglauben, dass die Hisbollah so etwas wie eine bewaffnete Version von Christdemokraten oder Sozialdemokraten geworden ist. Eine normale politische Partei im Libanon, die nur noch nach Macht im eigenen Land strebt und mit der man entsprechend verhandeln kann. Sie sitzen im Parlament und in der Regierung. Aber vergessen wir nicht den regionalen Faktor. Die Hisbollah ist eben auch ein Kind des iranischen Militärgeheimdienstes und ein Spielball der Iraner und Syrer, die sie seit über zwei Jahrzehnten mit Milliarden von Dollar, Waffen und Kämpfern unterstützt haben.

SPIEGEL ONLINE: Gleichwohl hat Nasrallah erklärt, sich von der libanesischen Armee langfristig entwaffnen zu lassen. Viele Kommentatoren glauben ihm und gehen davon aus, dass die Hisbollah künftig nur noch als politische Partei agieren wird.

Young: Ich glaube das nicht, denn die vorrangige Identität der Hisbollah ist eine militärische. Es sind ja nicht die Hisbollah-Abgeordneten im Parlament, die die strategischen Entscheidungen übernehmen, das macht nach wie vor der Sicherheitsapparat der Hisbollah. Es ist schwer vorstellbar, dass die Bewegung ihre militärische Identität ablegt. Die Vorstellung, die Hisbollah mit politischen Geschenken zu besänftigen, ist naiv und missversteht ihre Natur.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Krieg die Hisbollah geschwächt oder gestärkt?

Young: Militärisch hat er sie klar geschwächt. Wenn Nasrallah gewusst hätte, wie der Krieg ausgehen würde, hätte er ihn nicht angefangen. Die libanesische Armee ist im Süden des Landes, die Blauhelme sind im Süden, das war bis vor kurzem undenkbar. Auch politisch hat der Krieg der Hisbollah geschadet. Vor dem Krieg gab es in der Bevölkerung einen breiten Konsens, die Partei Gottes als einzig effiziente Widerstandsbewegung gegen Israel zu akzeptieren, dieser Konsens besteht nicht mehr. Lediglich unter den Schiiten ist die Macht der Hisbollah unbestritten. Nasrallah hat es geschafft, dass sich seine eigene Gemeinschaft nicht gegen ihn auflehnt, das hätte auch anders verlaufen können. Er ist und bleibt der Heilsbringer der Schiiten.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Kluft zwischen den Glaubensgemeinschaften tiefer geworden?

Young: Vielleicht. Dieser Eindruck wird der Hisbollah jedenfalls nutzen. Sie wird sagen: Schaut mal, der Staat hat nicht verhindert, dass eure Häuser zerstört wurden, er hat sich auch in der Vergangenheit nicht um euch gekümmert. In der Tat ist der libanesische Staat sehr fragil; er ist ein einfaches Ziel für die Hisbollah. Meine größte Sorge ist, dass die Hisbollah den Staat diskreditieren wird. Nicht durch Gewalt, aber durch Störmanöver, politischen Druck, Demonstrationen. Es ist kein Geheimnis, dass die pro-syrischen Kräfte im Libanon eine andere Regierung wollen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Schritt wird Nasrallah als nächstes gehen?

Young: Er wird eine wesentliche Entscheidung treffen müssen: Bin ich eigentlich Libanese oder Iraner, welchen Interessen will ich langfristig folgen, wo will ich Karriere machen? Und ich denke, er wird sich für Iran entscheiden. Warum? Weil Nasrallah ein sehr ambitionierter, ehrgeiziger Mann ist. Einer, dem die libanesische Bühne zu klein ist. Nasrallah sieht sich als zentrale Figur im Kampf gegen die israelisch-amerikanische Hegemonie im Nahen Osten. In Iran mitzuspielen, verleiht ihm ein ganz anderes Gewicht. Dafür nutzt ihm auch in Zukunft eine militärische Hausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Spaltungsbewegungen innerhalb der Hisbollah? Von außen scheint die Partei sehr hierarchisch und ideologisch homogen zu sein.

Young: Man weiß, dass einige Mitglieder dem geistlichen Führer der Hisbollah, Mohammed Hussein Fadlallah, näher stehen als Nasrallah. Einige gelten als radikaler und kompromissloser, Leute wie Naim Kassem, Nasrallahs Stellvertreter; andere als pragmatischer, Mohammed Fneisch etwa, der nicht ohne Grund als Energieminister in die Regierung delegiert wurde, weil er für einen integrationswilligen Kurs steht. In diesen Tagen wird sicherlich über den Verlauf und die Folgen des Krieges gestritten, aber davon dringt nichts nach außen.

Das Interview führte Daniel Steinvorth

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: