Libanon: "Historische Mission" für deutsche Flotte

Von Markus Bickel, Beirut

Die deutsche Marine hat das Kommando über die Unifil-Flotte vor der libanesischen Küste übernommen. Dabei gibt sich der deutsche Admiral Krause gut gerüstet, warnt aber auch vor Risiken des ersten bewaffneten Einsatzes der Bundeswehr im Nahen Osten.

Kameradschaftlich legt General Alain Pellegrini am Ende der Zeremonie seinen Arm über die Schulter von Guiseppe de Giorgi und schlendert mit ihm in Richtung des kalten Buffets. Fast sechs Wochen lang hatte der italienische Flottillenadmiral die Geschicke der knapp tausend Mann starken maritimen Komponente der Übergangseinheiten der Vereinten Nationen im Libanon (Unifil) gelenkt. Dabei hat er "Unifil eine Menge Dinge beigebracht, die der Einheit bislang unbekannt waren", wie der französische Unifil-Oberkommandierende Pellegrini zum Abschied lobend über den scheidenden de Giorgi sagt. So war Unifil zuvor immer nur an Land im Einsatz gewesen, aber niemals in den libanesischen Gewässern.

Deutsch-italienischer Kommando-Wechsel: "Besonnen" auf Bedrohung reagieren
DPA

Deutsch-italienischer Kommando-Wechsel: "Besonnen" auf Bedrohung reagieren

Es ist ein Abschied im Regen: Weil schon in den frühen Morgenstunden heftige Gewitter und Regenfälle den langen schwülen Beiruter Sommer beendet hatten, verlegten die Militärs den deutsch-italienischen Kommandowechsel kurzerhand vom Deck in den Rumpf des italienischen Flugzeugträgers "ITS Guiseppe Garibaldi".

Dort stehen rund 150 italienische, türkische, bulgarische, dänische, deutsche, griechische, libanesische, norwegische und schwedische Marinesoldaten Spalier, bis Pellegrini den italienischen Flottillenadmiral schließlich von seiner Aufgabe, den ersten Marineeinsatz in der Geschichte der Vereinten Nationen zu führen, entbindet.

Zum neuen Kommandierenden der Maritimen Task Force (MTF) von Unifil ernennt Pellegrini den Deutschen Andreas Krause. Am 21. September war der mit 49 Jahren jüngste Admiral der deutschen Marine an Bord der Fregatte "Mecklenburg Vorpommern" von Wilhelmshaven aus in See gestochen – mit zwei Versorgern, vier Schnellboten und der Fregatte "Karlsruhe" im Schlepptau.

"Großes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten"

Von einer "historischen Mission" spricht Krause bei seiner Antrittsrede und davon, dass der erste Uno-Marineeinsatz "nicht ohne Risiko" sei. Und nimmt dann seine nicht nur aus 1040 deutschen Kräften bestehende, sondern auch aus bulgarischen, dänischen, griechischen, norwegischen, schwedischen und türkischen Marinesoldaten zusammengesetzte Einheit in die Pflicht: "Ich habe großes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten." Das Training für den Einsatz in zypriotischen Gewässern hätten ihn "komplett davon überzeugt, dass Sie jeder Situation gewachsen sind".

Knapp einen Monat nach der lange umstrittenen Entscheidung des Bundestags, die Bundeswehr zu ihrem ersten bewaffneten Einsatz im Nahen Osten zu schicken, wirken die Worte wie eine Selbstvergewisserung. Schließlich hatte der Generalsekretär der schiitischen Hisbollah (Partei Gottes), Hassan Nasrallah, sich in seinem ersten öffentlichen Auftritt nach Ende des Krieges mit Israel direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt und ihr Ende September unverhohlen gedroht: "Selbst wenn sie die See, den Luftraum und das Land überwachen – wir haben mehr als 20.000 Raketen und sind stärker als je zuvor."

Eine Bedrohungslage, die Krause und seiner Besatzung kennen und auf die der Admiral im Interview mit Spiegel Online "besonnen zu reagieren" verspricht. "Wir nehmen jede Bedrohung Ernst", sagt er, und nennt dann eine politisch-militärische Doppelstrategie, um möglichen Gefahren zu begegnen: So müsse einerseits die "politische Situation sehr genau im Auge behalten" werden, auf der anderen Seite aber auch die Bereitschaft da sein, "militärische Praxis walten zu lassen, um angemessen auf jede Situation, die da kommen mag, reagieren zu können."

Bedrohung durch Selbstmordattentäter

Mit 76 Millimeter-Kanonen sind die beiden deutschen Fregatten ausgestattet, kleinere Geschütze zur Abwehr "asymmetrischer Bedrohung" gehören ebenfalls zur Standardausstattung. Schließlich sind militärische Szenarien wie der Anschlag auf die "USS Cole" im Hafen von Aden im Oktober 2000 oft durchgespielt worden. Ein sechs Meter hohes und zwölf Meter breites Loch hatten die islamistischen Selbstmordattentäter in die Seiten des Vorzeigeschiffs der US-Marine bei dem Anschlag vor der Küste Jemens gerissen.

Die Hisbollah hat mit ihrem Beschuss eines israelischen Kriegsschiffes vor der libanesischen Küste Mitte Juli deutlich gemacht, dass sie über weitaus besser entwickelte Waffen verfügt als Militärexperten bislang annahmen. Die wohl im Iran produzierte Silkworm C-802 hat eine Reichweite von 120 Kilometern und sorgte nach dem Sinken der israelischen INS Hanit rund zehn Kilometer vor der libanesischen Küste dazu, dass die Israelis ihre Flotte danach in größerem Abstand zum Festland positionierten. Aber die Drohungen gegen die Unifil kommen nicht nur von der schiitischen Parteimiliz: Auch die Ende vergangenen Jahres mit einem Raketenbeschuss auf israelisches Territorium erstmals im Libanon militärisch in Erscheinung getretene sunnitisch-islamistische Terrorbewegung al-Qaida lehnt die in Uno-Sicherheitsratsresolution 1701 beschlossene Entsendung von bis zu 15.000 internationalen Soldaten vehement ab.

Bislang gab es keine konkreten Bedrohungen gegen die Maritime Task Force, hätte ihm sein italienischer Vorgänger de Giorgi versichert, sagt Krause, ehe er sich von der "Garibaldi" aufmacht in Richtung der zwei Landestellen weiter im Beiruter Hafen gelegenen "Mecklenburg-Vorpommern".

"Allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel", wünschte er seinem italienischen Kameraden zum Abschied im Marinejargon. Aufmunternde Worte, die er und seine Truppe sicherlich selbst gut vertragen können. Denn vom eigentlichen Auftrag der Bundesmarine, den Waffenschmuggel auf dem Seeweg zu unterbinden, war an diesem Sonntagmittag seltsam selten die Rede.

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