Libanon Israel will Bodenoffensive ausweiten

Der Nahost-Krieg steht vor einer gefährlichen Eskalation: Israels Sicherheitskabinett hat beschlossen, die Bodenoffensive im Südlibanon auszuweiten. "Wir müssen bereit sein für Schmerz, Tränen und Blut", sagte Israels Ministerpräsident Olmert.


Tel Aviv - Das israelische Sicherheitskabinett hat am frühen Morgen eine Ausweitung der Bodenoffensive im Südlibanon beschlossen. Damit soll die Hisbollah-Miliz hinter den Fluss Litani zurückgedrängt und ihre Stellungen an und in der Nähe der israelischen Grenze zerstört werden, bevor eine Waffenruhe ausgerufen werden kann, berichteten israelische Rundfunksender. Bis auf einen Minister hätten alle Mitglieder des Sicherheitskabinetts dem Plan zugestimmt. Die Luftangriffe im Südlibanon würden morgen nach Ablauf der 48-stündigen Feuerpause in vollem Umfang wieder aufgenommen, hieß es aus Kreisen des Sicherheitskabinetts.

Auch heute Morgen flogen israelische Kampfflugzeuge zwei Luftangriffe auf Ziele weit im Inneren des Libanons. Nach Angaben libanesischer Sicherheitskreise wurden dabei mindestens fünf Raketen auf den Ort Hermel abgefeuert, der 120 Kilometer nördlich der Grenze im Bekaa-Tal liegt. Ein weiterer Angriff habe einem Gebiet nahe der syrischen Grenze 10 Kilometer nördlich von Hermel gegolten. Israelischen Militärkreisen zufolge kam es zudem zu Gefechten nahe Aita al-Schaab und Taibe kurz hinter der libanesischen Grenze.

Wie die israelische Tageszeitung "Haaretz" in ihrer Onlineausgabe berichtete, soll die Zahl der im Libanon eingesetzten Soldaten verdoppelt werden. Weitere Reservisten würden dazu in den Libanon verlegt, bereits in der vergangenen Nacht wurden weitere Soldaten an der Grenze zum Libanon in Stellung gebracht.

Israel war schon 1978 in der "Operation Litani" in das Gebiet südlich des Flusses einmarschiert und hatte es drei Monate lang besetzt. Der Einsatz galt als militärischer Erfolg, da die Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) nach Norden abgedrängt werden konnten. Der Litani entspringt in der Bekaa-Ebene und mündet nördlich von Tyrus im Südlibanon ins Mittelmeer.

In einer Rede in Tel Aviv hatte Ministerpräsident Ehud Olmert zuvor bereits eine Waffenruhe für die kommenden Tage ausgeschlossen. Man werde solange kämpfen, "bis wir sie (die Hisbollah) von unseren Grenzen zurückgedrängt haben." "Es gibt keine Waffenruhe und es wird in den kommenden Tagen auch keine Waffenruhe geben", sagte Olmert weiter. "Wir müssen bereit sein für Schmerz, Tränen und Blut." Der "Krieg" könne erst beendet werden, "wenn die Bedrohung (durch die Raketen der Hisbollah) beseitigt ist, unsere verschleppten Soldaten in Frieden nach Hause zurückkehren und ihr in Sicherheit und Frieden leben könnt", sagte Olmert an die Bürgermeister der Ortschaften in Nordisrael gerichtet. Man habe die Hisbollah seit Beginn der Kämpfe vor 20 Tagen bereits schwer geschädigt. Deshalb dürfe man sie nicht wieder stärker werden lassen, "sie mehr Raketen bekommen lassen", so Olmert.

Olmert bedauerte erneut den Tod unschuldiger Zivilisten bei dem israelischen Luftangriff auf den Ort Kana im Südlibanon am frühen Sonntagmorgen, bei dem mindestens 56 Menschen ums Leben gekommen waren. "Ich bedauere von ganzem Herzen all die toten Kinder und Frauen in Kana. Sie waren nicht unsere Feinde, wir hatten es nicht auf sie abgesehen", sagte er.

Die israelische Regierung war nach dem Angriff auf Kana international stark unter Druck geraten, einer sofortigen Feuerpause zuzustimmen. Am Montag hatte die Armee die Luftangriffe für 48 Stunden weitgehend ausgesetzt, auch um der Bevölkerung im Südlibanon Gelegenheit zum Verlassen des Kampfgebiets zu geben.

In Jerusalem gehe man davon aus, dass eine von der Internationalen Gemeinschaft auferlegte Waffenruhe möglicherweise bereits am kommenden Wochenende in Kraft treten könnte, berichteten israelische Rundfunksender. Zum Abschluss ihres Besuchs in Jerusalem hatte sich gestern auch US-Außenministerin Condoleezza Rice zuversichtlich gezeigt, dass eine Waffenruhe noch in dieser Woche erzielt werden könne. Sie stellte Details eines Plans zur Lösung der Krise vor. Dazu gehörten eine Feuerpause und der Einsatz einer internationalen Stabilisierungstruppe, die zusammen mit der libanesischen Armee im Süden Libanons stationiert werden solle. Noch in dieser Woche soll der Uno-Sicherheitsrat laut Rice eine entsprechende Resolution beschließen.

Die USA wollen nach den Worten von Präsident George W. Bush keine Soldaten für eine internationale Schutztruppe im Libanon abstellen. Allerdings könnte das US-Militär logistische Unterstützung bereitstellen, sagte Bush am Montag in Miami. "Die meisten Nationen verstehen, warum wir dort keine Truppen auf dem Boden haben wollen." Er werde darauf dringen, dass die Vereinten Nationen noch in dieser Woche tätig würden, um einen Waffenstillstand zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz zu erreichen, fügte der Präsident hinzu. Für eine sofortige Waffenruhe sprach er sich indes nicht aus.

hen/dpa/AP/AFP/Reuters



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