Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Libanon: Israels Luftwaffe beschießt Kleinbus - 20 Tote

Erneut fliegt Israels Luftwaffe heftige Angriffe im Libanon: Im Süden des Landes wurden laut libanesischen Sicherheitskreisen 20 Menschen getötet. Das Hauptquartier der Hisbollah in Beirut wurde zerstört. Auch im israelischen Tiberias am See Genezareth schlugen Raketen ein.

Beirut/Tel Aviv - Die israelischen Streitkräfte griffen am vierten Tag in Folge Brücken, Straßen und Dörfer im Libanon an. Bei einer Attacke auf einen Fahrzeug-Konvoi kamen laut Augenzeugen im Süden des Landes viele Menschen ums Leben. Libanesische Sicherheitskreise sprachen von mindestens 20 Toten. Damit würde die Zahl der Todesopfer im Libanon seit Beginn der israelischen Angriffe am Mittwoch auf fast 90 steigen. Bei den Opfern handele es sich um flüchtende Dorfbewohner, unter ihnen Frauen und Kinder, hieß es. Nach Krankenhausangaben waren in der vergangenen Nacht bereits neun Menschen getötet worden.

Auch das Hauptquartier der Hisbollah-Miliz im Süden Beiruts war heute Ziel eines israelischen Luftangriffs. Das neunstöckige Gebäude sei vollständig zerstört worden, meldete die offizielle libanesische Nachrichtenagentur ANI unter Berufung auf die Polizei. Der israelische Einwanderungsminister Seev Boim hatte zuvor gesagt, Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah solle "bei der ersten sich bietenden Gelegenheit" getötet werden. Am Freitag hatte die israelische Armee bereits das Büro und das Haus Nasrallahs zerstört.

Erstmals seit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen im Grenzgebiet zwischen dem Libanon und Israel schlugen heute mindestens drei Raketen in der nordisraelischen Stadt Tiberias am See Genezareth ein. Nach israelischen Militärangaben wurden dabei mehrere Menschen verletzt. Die Raketen seien vom Libanon aus abgefeuert worden, hieß es. Sie seien unter anderem in der Nähe eines Hotels eingeschlagen. Angaben zur Zahl der Verletzten lagen zunächst nicht vor.

Die israelische Kriegsmarine suchte unterdessen weiter nach drei Soldaten. Die Männer gelten seit gestern Abend als vermisst, als eine von der radikal-islamischen Hisbollah abgeschossene Rakete ein israelisches Kriegsschiff in Brand geschossen hat. Die Leiche eines vierten Soldaten wurde geborgen. Das Schiff wurde von einer Rakete getroffen, erklärten die israelischen Streitkräfte heute und korrigierten damit frühere Angaben, wonach eine Drohne den Angriff ausgeführt habe. Nach israelischen Angaben stammte die Rakete vom Typ C-802 aus iranischer Produktion. Die Hisbollah pries den Angriff als Erfolg. Ein weiteres Geschoss der Miliz traf laut Nachrichtenagenturen ein ägyptisches Handelsschiff.

Rund 150 Bewohner eines libanesischen Dorfes an der Grenze zu Israel mussten heute nach einem Ultimatum der israelischen Streitkräfte ihre Häuser verlassen, wie aus libanesischen Sicherheitskreisen verlautete. Soldaten hätten die Bewohner von Marwahin aufgefordert, das Dorf binnen zwei Stunden zu räumen, andernfalls werde die Ortschaft zerstört. Laut dem Fernsehsender der libanesischen Hisbollah-Miliz, al-Manar, wurden bei einem israelischen Angriff in Hermel im Bekaa-Tal mindestens drei Menschen getötet. Sicherheitskräfte sprachen dagegen von sechs Verletzten. Ein israelischer Militärsprecher sagte heute Morgen, die Luftwaffe habe in den vorangegangenen 24 Stunden 44 Ziele im Libanon angegriffen, darunter das Hauptquartier der Hisbollah in Beirut.

Laut einem Bericht des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira feuerte die Hisbollah in der vergangenen Nacht erneut Dutzende Raketen auf die nordisraelische Ortschaft Naharija ab. Auch im Gaza-Streifen gingen die Gefechte weiter. Die israelische Luftwaffe beschoss in der Nacht das palästinensische Wirtschaftsministerium, zahlreiche Büros gingen in Flammen auf. Die israelischen Streitkräfte erklärte, das Ministerium werde von der radikalislamischen Hamas kontrolliert. Bei einem Luftangriff auf ein Wohnhaus in Gaza wurden heute Morgen zwei Palästinenser getötet, wie Rettungskräfte mitteilten. Nach palästinensischen Augenzeugenberichten hatten sie in dem Haus Raketen für Angriffe auf Israel präpariert.

Krisentreffen der Arabischen Liga

Die Außenminister der Arabischen Liga kamen heute in Kairo zu einem Krisentreffen zusammen. Der libanesische Ressortchef Fausi Salluch legte seinen Kollegen einen Resolutionsentwurf vor, in dem die israelische Militäroffensive verurteilt und dem Libanon das Recht zugesprochen wird, sich "der Besatzung mit allen legitimen Mitteln zu widersetzen". Liga-Generalsekretär Amr Mussa hatte Syrien zuvor in Schutz genommen. Es gebe keine Beweise, dass Damaskus hinter den Angriffen der radikal-islamischen Hisbollah stehe. Der Westen wirft Syrien vor, die Hisbollah zu steuern. In der arabischen Welt protestierten gestern Abend Tausende gegen die israelische Offensive im Libanon und im Gazastreifen.

US-Präsident George W. Bush machte die Hisbollah für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich. Vor Beginn des G-8-Gipfels in Sankt Petersburg forderte Bush die Gruppe auf, die Waffen niederzulegen und die Angriffe zu stoppen. Syrien müsse seinen Einfluss geltend machen und die Hisbollah zum Niederlegen der Waffen bewegen. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush, die Angriffe und Entführungen durch die Hisbollah seien inakzeptabel. In diesem Zusammenhang seien die Sorgen Israels aus russischer Sicht gerechtfertigt. Er warnte jedoch vor dem Einsatz übermäßiger Gewalt.

"Wir bereiten uns auf alle Szenarien vor"

Die deutsche Bundesregierung ist laut eigenen Angaben angesichts der israelischen Luftangriffe besorgt um die rund 1100 Bundesbürger, die sich im Libanon aufhalten. Das Auswärtige Amt empfiehlt derzeit, am jeweiligen Aufenthaltsort zu bleiben und Reisen zu vermeiden. Wer ausreisen wolle und sich melde, dem werde geholfen, sagte eine Sprecherin heute in Berlin. Weiterhin versuchte das Ministerium, eine Bestätigung für Hinweise auf den Tod einer deutsch-libanesischen Familie bei einem Luftangriff zu erhalten.

Zu einer möglichen Evakuierung deutscher Staatsbürger sagte eine Ministeriumssprecherin, die Sicherheitslage werde permanent geprüft. "Wir bereiten uns auf alle Szenarien vor." Deutschen Staatsbürgern im Libanon wurde angesichts der Bombenangriffe geraten, sich nicht in unmittelbarer Umgebung von wichtigen Infrastrukturobjekten wie Flughäfen, Kraftwerken, Verkehrsknotenpunkten und Hisbollah-Stützpunkten aufzuhalten.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul verurteilte die Angriffe der israelischen Armee im Libanon. "Dass mittlerweile zivile Einrichtungen und Zivilisten in einem anderen Staat bombardiert werden, ist völkerrechtlich völlig inakzeptabel", sagte die SPD-Politikerin dem "Tagesspiegel am Sonntag". Die israelische Regierung forderte sie auf, "alles zu tun, die Zivilbevölkerung zu schützen". Dazu sei Israel völkerrechtlich verpflichtet.

har/ap/dpa/afp

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Nahost: Dauerfeuer im Grenzgebiet

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: