Libanon-Krieg Israel beschießt palästinensisches Flüchtlingslager

Das israelische Militär hat in der vergangenen Nacht erstmals ein palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon angegriffen. Dabei sind mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen. Außenminister Steinmeier kritisierte bei seiner Nahostreise besonders auch die humanitäre Situation.


Beirut - Der libanesischen Polizei zufolge beschoss die Marine das Lager Ain Helue in der Nähe der Hafenstadt Sidon. Von einem israelischen Schnellboot vor der Mittelmeerküste seien zwei Geschosse abgefeuert worden. Unter den 15 Verletzten seien mindestens fünf Kinder. Israelischen Angaben zufolge war das Ziel des Beschusses das Haus eines Hisbollah-Kämpfers im Bereich des Lagers gewesen.

Hilfslieferung: Das Rote Kreuz kann nur unter schwierigsten Bedingungen Medikamente und Lebensmittel in den Libanon bringen
AFP

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Das bombardierte Haus in dem Flüchtlingslager grenzte nach palästinensischen Angaben an ein Zentrum, das dem radikalen Führer der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, Munir Makdah, untersteht. Auch dieses Gebäude sei beschädigt worden. In dem zerstörten Haus suchten Helfer nach Verschütteten.

Ain Helue ist das größte von zwölf palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Dort leben rund 75.000 von insgesamt 350.000 palästinensischen Flüchtlingen. In dem Lager liefern sich rivalisierende palästinensische Extremistengruppen schon seit Jahren immer wieder heftige Gefechte. Nach Beginn der israelischen Offensive suchten auch rund 1000 Libanesen dort Zuflucht.

Bei Luftangriffen auf einen Lastwagen-Konvoi im Osten des Libanon starben gestern Abend mindestens fünf Menschen. Weitere vier wurden nach Polizeiangaben verletzt, als die israelische Luftwaffe den Konvoi in der Nähe der syrischen Grenze bombardierte. Bei Kämpfen mit der schiitischen Hisbollah-Miliz im Südlibanon wurden nach Angaben aus Militärkreisen mehrere israelische Soldaten bei Bint Dschbeil verletzt.

Inzwischen geht das diplomatische Tauziehen um eine Resolution weiter. Die Verhandlungen in New York sind ins Stocken geraten. Frankreich und die USA wollen ihren Entwurf überarbeiten, um die Bedenken des Libanons und der Arabischen Liga einzuarbeiten. Das kündigte der französische Uno-Botschafter Jean-Marc de la Sablière nach einem Treffen mit der Delegation der Arabischen Liga an. "Unser Problem ist es, den bestmöglichen Text zu entwerfen und darin die Bedenken aller zu berücksichtigen, es wird also einen neuen Text geben", sagte er. Er hoffe, dass dieser noch in dieser Woche angenommen werde.

Frankreich und die USA hatten im bisherigen Resolutionsentwurf das Ende der Feindseligkeiten zwischen Israel und der radikalislamischen Hisbollah-Miliz gefordert. Die libanesische Regierung lehnt den bisherigen Entwurf der Uno jedoch ab, weil Israel darin nicht zum Truppenabzug aufgefordert wird. Auch die Arabische Liga rief die Vereinten Nationen auf, in einer Entschließung zum Libanon einen Abzug der israelischen Truppen aus dem Nachbarland zu fordern.

Diese Forderung müsse Teil eines jeden "fairen und umfassenden" Friedensabkommens sein, sagte der katarische Außenminister, Scheich Hamad bin Dschassem al-Thani, im Namen der Arabischen Liga am Sitz der Uno in New York. Jede Entschließung des Uno-Sicherheitsrates müsse "einen sofortigen und umfassenden Waffenstillstand sowie einen Rückzug der israelischen Truppen" aus dem Libanon verlangen. Der Minister aus Katar sprach für die dreiköpfige Gesandtschaft der Arabischen Liga.

Israels Uno-Botschafter Dan Gillerman sagte dem Sicherheitsrat, es müsse eine "starke, robuste und effektive internationale Kraft" im Südlibanon geben, um der Hisbollah zu begegnen. Er rief auch zu internationalem Handeln auf, um Iran und Syrien zu stoppen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte bei seiner Nahost-Reise eine Verbesserung der humanitären Lage. Er sagte gestern Abend in der ARD eine "entscheidende Woche" voraus. Er wolle in der Region weiter um Zustimmung für eine Resolution werben. Zudem forderte er eine Verbesserung der humanitären Situation. "Hier müssen wir dringend zu Verbesserungen kommen", mahnte der SPD-Politiker. Dies werde er heute in Jerusalem bei seinen Gesprächen mit der israelischen Regierung zur Sprache bringen.

Nach fast vierwöchigem Krieg wird im Südlibanon die Lage immer dramatischer. Hilfsorganisationen suchen nach der Zerstörung einer wichtigen Brücke über den Litani durch das israelische Militär nach neuen Routen, um die Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten zu sichern.

Nach Informationen der "Bild"-Zeitung wird der Bundestag möglicherweise noch in den Sommerferien zu einer Sondersitzung einberufen, um über eine eventuelle Beteiligung der Bundeswehr an einer Friedenstruppe im Nahen Osten zu beraten. Das berichtet die Zeitung unter Berufung auf Koalitionskreise in Berlin. Die Fraktionschefs von Union und SPD, Volker Kauder und Peter Struck, wollen demnach heute in einer vertraulichen Runde über das Thema beraten.

ler/AFP/AP/Reuters

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