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Libanon-Krieg: Nasrallah rettet Olmert

Von , Jerusalem

Seit den Fehlern im Libanon-Krieg steht Ehud Olmert in Israel massiv unter Druck. Doch das überraschende Interview von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, er bedauere die Entführung israelischer Soldaten, hat dem angeschlagenen Ministerpräsidenten Luft verschafft.

Jerusalem - Etwas Besseres hätte Ehud Olmert nicht passieren können. Seit zwei Wochen versucht der israelische Ministerpräsident mit der Botschaft durchzudringen, Israel habe den Krieg im Libanon gewonnen. Doch angesichts immer neuer Berichte über mangelnde Ausrüstung der Soldaten, arrogante Generäle oder wirre Befehle des Kabinetts in Jerusalem mag ihm das so recht niemand abnehmen. Vor allem, weil das oberste Kriegsziel, die Freilassung der zwei am 12. Juli entführten Soldaten noch immer nicht erreicht wurde.

Nasrallah bei seiner TV-Ansprache: "Reue-Rede"
AFP

Nasrallah bei seiner TV-Ansprache: "Reue-Rede"

Ausgerechnet Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah ist dem angeschlagenen israelischen Premier nun zur Hilfe geeilt. "Hätten wir gewusst, dass die Gefangennahme der Soldaten all dies nach sich ziehen würde, hätten wir es nicht getan", sagte der Scheich und gab damit – nach übereinstimmender Meinung aller israelischer Kommentatoren – eine Niederlage zu.

Mit diesem Eingeständnis schaffte es Nasrallah auf die Frontseiten aller israelischen Tageszeitungen. "Nasrallah: Ich habe mich geirrt", titelte "Jediot Acharonot". "Die Reue-Rede", dichtete "Maariv".

"Nasrallah hat offen seinen Fehler zugegeben", sagt Eyal Zisser, Chef der Abteilung für Nahost-Geschichte an der Tel Aviver Universität. Immerhin müsse der Schiiten-Führer, der sonst die großen Massenkundgebungen liebt, von einem Versteck ins nächste eilen. Diese von Israel erzwungene Quarantäne, so Zisser, sei für Nasrallah wie die Abtrennung von der Sauerstoffzufuhr.

Plötzlich wirken die Siegesreden, die Olmert seit zwei Wochen hält, weit weniger aufgesetzt als bislang. Noch wenige Stunden vor Nasrallahs überraschendem Interview hatte Olmert bei der wöchentlichen Kabinettssitzung einmal mehr die Erfolge Israels gepriesen. Auch wenn viele Kriegsziele nicht erreicht wurden, so kann Regierung in Jerusalem nach dem Nasrallah-Interview immerhin mit einiger Berechtigung behaupten, die Front der Abschreckung sei wiederhergestellt. Noch vor wenigen Wochen habe niemand damit gerechnet, dass eine multinationale Friedenstruppe im Südlibanon die Hisbollah entwaffnen würde, so Olmert. Doch an eine wirkliche Entwaffnung der Terror-Milizen glaubt in Israel kaum einer.

Im Jerusalemer Regierungsviertel fordern Reservisten seit mehr als einer Woche einen Untersuchungsausschuss. Nasrallah hat dem israelischen Regierungschef nun ein paar Tage Zeit verschafft, diese Frage zu entscheiden. Verhindern kann Olmert ein solches Gremium nicht mehr. Er kann nur noch Einfluss darauf nehmen, mit welchen Befugnissen die Kontrolleure ausgestattet werden. Eine sogenannte Regierungskommission kann Olmert weniger gefährlich werden als ein unabhängiger staatlicher Untersuchungsausschuss.

Aber selbst wenn Olmert es schaffen sollte, die Versäumnisse während der Krieges auf die Armeeführung und seinen Verteidigungsminister Amir Perez abzuwälzen, das größte Problem muss er selbst lösen: Die Freilassung der von der Hisbollah entführten Soldaten.

Berichte über Verhandlungen ließ der Premier rasch dementieren. Dass Nasrallah in seinem Interview einen Austausch der Soldaten gegen libanesische Gefangene angeboten hat, konnte Olmert von seiner Meinung nicht abbringen. Zu groß sei die Gefahr, so die Botschaft, dass die Hisbollah durch einen solchen Deal zu weiteren Geiselnahmen ermutigt werde.

Die Familien der entführten Soldaten sehen das freilich pragmatischer. "Ich glaube, dass Nasrallahs Ankündigungen ein Aufruf an die israelische Regierung sind, mit Hilfe von Vermittlern mit der Hisbollah zu reden", sagt Benny Regev, der Bruder einer der beiden entführten Soldaten. "Und ich meine, Israel sollte dem nachkommen."

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