Libanon-Krise Al-Qaida plant für die Nachkriegszeit

Noch wird im Libanon geschossen, doch Ideologen der Qaida bereiten sich bereits auf die Nachkriegszeit vor. Ihr Ziel: das ausgeblutete Land mit Kämpfern infiltrieren. Entsprechende Pläne kursieren im Internet. Oder handelt es sich um gezielt lancierte Fälschungen?


Hamburg - Die Dinge laufen derzeit schlecht für al-Qaida. Zwar überziehen ihre irakischen Zellen das Zweistromland täglich mit blutiger Gewalt, und auch in Afghanistan konnten ihr nahe stehende Taliban-Kämpfer den internationalen Schutztruppen zuletzt verstärkt zusetzen. Doch in der Presse, sowohl der westlichen wie der arabischen, dominiert ein anderes Thema: der Krieg im Libanon und die Versuche der israelischen Armee, den Widerstand der Hisbollah zu brechen. Zwischen Rabat und Teheran äußern politische und religiöse Kommentatoren Respekt für den Durchhaltewillen der kämpfenden "Gottespartei", auf den Straßen von Nahost-Metropolen wie Kairo oder Damaskus kommt es immer wieder zu Solidaritätsdemos.

Das kann al-Qaida und ihren Ideologen gar nicht gefallen. Denn das von Osama bin Laden und Aiman al-Sawahiri ins Leben gerufene Terrornetzwerk versteht sich als rein sunnitisch - die Hisbollah aber ist schiitisch. Damit gehören die beiden Organisationen zwei rivalisierenden Flügeln innerhalb des Islams an, die bereits seit dem 7. Jahrhundert um Macht und Einfluss konkurrieren. Immer wieder hetzen Propagandisten der Qaida im Internet und auf Videos gegen die schiitischen "Ketzer" – sei es die iranische Regierung, die schiitische Mehrheit im Irak oder eben die schiitische Bevölkerung im Südlibanon.

Zwar hatte Chefideologe Sawahiri kürzlich in einem Video anlässlich des Libanon-Kriegs weltweit zu Anschlägen aufgerufen. Allerdings vermied er es fast schon peinlich genau, eine offene Unterstützung der Hisbollah zu fordern. Die Propagandabotschaft blieb dadurch ziemlich blass – al-Qaida steht zumindest vorübergehend weiter im Schatten der Hisbollah.

"Sie hätten die Juden besiegt"

Genau diesen taktischen Rückstand scheinen einige Ideologen des sunnitischen Terrornetzwerks jetzt in eine Erfolgsstrategie umkehren zu wollen. In einem islamistischen Internet-Forum ist ein längeres Posting aufgetaucht, das von einer bekannten, al-Qaida nahe stehenden Website stammen soll. Das US-amerikanische Magazin "CQ" hatte jüngst über die Botschaft berichtet. Die rund 40-zeilige Stellungnahme der Qaida-Aktivisten liegt SPIEGEL ONLINE vor. Sie bezieht sich explizit auf die gegenwärtigen Ereignisse im Libanon und attackiert die Hisbollah scharf. Diese sei nur ein "Werkzeug der persischen (iranischen, Anm. d. Red.) Regierung" und dürfe daher nicht gefördert werden. "Die Hisbollah und ihren Sieg zu unterstützen würde uns ein großes Problem schaffen", schreiben die Autoren. "Denn das würde die Popularität der Abtrünnigen stärken. Sie wären die Kraft, die die Juden besiegt hätte, und die Zahl der Unterstützer für die Hisbollah würde steigen."

Deshalb, so die Aufforderung an alle Leser, sollten die sunnitischen Kämpfer nicht auf Seiten der Hisbollah in die Kämpfe eintreten, sondern abwarten, bis die libanesischen Krieger und ihre israelischen Gegner ausgeblutet seien: "Wir müssen warten, bis beide Seiten erschöpft sind. Der Kampf zwischen den Abtrünnigen und den Juden ist jetzt auf seinem Höhepunkt, und es ergibt sich die seltene Gelegenheit, beide Seiten sich erschöpfen zu lassen."

Gänzlich untätig sollen die Aktivisten unterdessen allerdings nicht bleiben – im Gegenteil: Die Autoren raten dazu, den Libanon heimlich zu infiltrieren und dort verdeckte Strukturen aufzubauen. Die sunnitischen Kämpfer sollen "Dschihad-Zellen" errichten und sich um die nötige Logistik kümmern, um hinterher losschlagen zu können: "Unterkünfte, Landkarten, finanzielle Unterstützung und andere bekannte Utensilien für den heiligen Krieg." Dabei sollen die bestehenden sunnitischen Dschihad-Gruppierungen einbezogen werden, "etwa jene in den palästinensischen Flüchtlingslagern". Bislang ist nicht bekannt, dass im Libanon Qaida-Netzwerke aktiv sind. Vermutlich sind mit dieser Anspielung nicht nur die Lager im Libanon, sondern auch jene in den palästinensischen Gebieten gemeint, in denen die Hamas großen Einfluss hat.

Eine neue Taktik für al-Qaida?

Womöglich um angesichts der täglichen Opfer im Libanon das Gewissen ihrer Anhänger zu beruhigen, rufen die Autoren schließlich dazu auf, die libanesischen Sunniten – und nur diese – mit humanitärer Hilfe zu unterstützen. Das Ziel: "Die Bevölkerung für sich einnehmen und eine große öffentliche Unterstützerbasis schaffen, weil das ein einfacherer Weg ist, die Herzen der Menschen zu gewinnen." Diese Strategie ist grundsätzlich nichts Neues, die Hamas macht in den palästinensischen Gebieten seit Jahren vor, wie man die breite Bevölkerung mithilfe sozialer Einrichtungen und Hilfsleistungen beeinflussen kann. Für al-Qaida wäre eine solche Taktik jedoch neu.

Deshalb sind zumindest vorsichtige Zweifel an der Authentizität des Dokuments angebracht. Das US-Magazin "CQ" schreibt, der frühere CIA-Mitarbeiter und spätere Enthüllungsjournalist Robert Baer bezweifele, dass al-Qaida im Libanon gegen die Hisbollah kämpfen wolle. Terrorexperte Peter Bergen, der vor dem 11. September Osama bin Laden interviewte, halte die Website dagegen für "sauber". Er erwarte nun in den kommenden Tagen eine klärende Stellungnahme Bin Ladens.

Weiter spekulierte "CQ" darüber, ob das Posting womöglich gezielt von saudischen Geheimdienstlern platziert worden sei, um zum einen die schiitische Hisbollah und damit den Rivalen Teheran zu schwächen und zum anderen über die "Feedback"-Funktion der Website die Identitäten potentieller Extremisten herauszufinden. Das allerdings dürfte aufgrund der Professionalität, mit der moderne Islamisten das Internet nutzen, schwierig sein.

Ob echt oder gefälscht - der Aufruf kursiert nun im Internet, und jeder, der sich angesprochen fühlt, kann nach den darin geforderten Maximen handeln. Für die Zukunft des Libanon verheißt das nichts Gutes.



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