Libanon-Krise Hisbollah-Kämpfer besetzen Fernsehsender

Dramatische Entwicklung in Beirut: Die Hisbollah hat den Großteil der Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht, Bewohner fliehen. Kämpfer der Schiiten-Miliz stürmten das Gebäude eines regierungstreuen TV-Senders, zwangen die Mitarbeiter, ihre Berichterstattung einzustellen.


Beirut - Kämpfer der Schiiten-Miliz stürmten das Gebäude des regierungstreuen Fernsehsenders Future News, meldet die Nachrichtenagentur Reuters, die Berichterstattung des Senders wurde eingestellt. Future News hat seinen Sitz im überwiegend von Muslimen bewohnten Westen Beiruts und gehört der Familie des sunnitischen Politikers Saad Hariri, der zu den Unterstützern der Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora zählt.

Hisbollah-Kämpfer: Heftige Kämpfe erschüttern Beirut
AFP

Hisbollah-Kämpfer: Heftige Kämpfe erschüttern Beirut

Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete am Morgen, rund um das Gebäude des Fernsehsenders Future TV hätten Soldaten Stellung bezogen. Beobachter in Beirut werteten es als Zeichen eine Niederlage der Regierungstruppen, dass der Fernsehsender der Zukunftsbewegung Hariris den Sendebetrieb einstellte.

Hariri appellierte im libanesischen Fernsehen an Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah, den Kämpfen Einhalt zu gebieten. Ein Abgleiten in einen Bürgerkrieg müsse unbedingt verhindert werden, sagte der Sohn des 2005 ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Nach Augenzeugenberichten brachten Kämpfer der Hisbollah und der mit ihr verbündeten Amal-Bewegung am Freitag auch die Redaktion der ebenfalls im Besitz Hariris befindlichen Zeitung "Al-Mustakbal" unter ihre Kontrolle. Aus dem Fenstern des Büros stiegen Rauchschwaden auf.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sind bei den Gefechten mindestens zehn Menschen getötet und 30 verwundet worden. In mehreren Stadtteilen hielten die Kämpfe der verfeindeten Lager an. Dabei schossen beide Seiten mit automatischen Waffen und Granaten.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief die rivalisierenden Parteien im Libanon zu einer sofortigen Einstellung der Kämpfe und zu Gesprächen über eine Beilegung der Krise auf.

Es sind die schlimmsten internen Auseinandersetzungen im Libanon seit dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Seit Beginn der Regierungskrise im Libanon nach dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Sommer 2006 warnen Beobachter in dem multikonfessionellen Land vor einer Neuauflage des Bürgerkriegs, der einst einen Großteil der Elite des Landes ins Exil getrieben hatte.

Auslöser der jüngsten Unruhen war am Mittwoch ein Generalstreik der Opposition. Am Donnerstag weiteten sich die Kämpfe auch auf andere Landesteile aus.

Nasrallah hat der Regierung vorgeworfen, seiner Organisation den Krieg erklärt zu haben. Das prowestliche Kabinett von Ministerpräsident Siniora hat beschlossen, das private Telekommunikationsnetz der schiitischen Miliz zu schließen. Hariri hatte am Donnerstagabend einen Vorschlag zur Beilegung der Krise zwischen der pro-westlichen Regierung und der von der schiitischen Hisbollah geführten Opposition vorgelegt. Der Vorschlag wurde von seinen politischen Gegnern jedoch abgelehnt.

Der Uno-Beauftragte für den Libanon, Terge Roed-Larsen, erklärte, angesichts des Machtvakuums der vergangenen Monate hätten offenbar mehrere paramilitärische Gruppen ihre Waffenarsenale ausgebaut. Die Hisbollah, die größte Miliz, unterhalte nach wie vor eine eigene paramilitärische Infrastruktur neben der staatlichen. Auch habe sie ein eigenes Kommunikationsnetzwerk entwickelt. Dies verstoße gegen die Vorgaben der Vereinten Nationen, die eine Entwaffnung der Milizen gefordert hatten.

Im Libanon besteht seit dem Ende der Amtszeit von Präsident Emile Lahoud am 23. November ein Machtvakuum. Die Wahl eines neuen Staatschefs musste wegen Uneinigkeit der Parteien immer wieder verschoben werden.

flo/AP/dpa/Reuters

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