Libanon-Krise Scharfschützen bringen Beirut zum Schweigen

Gewehrsalven, Explosionen - und dann plötzlich gespenstische Stille: Die Hisbollah hat weite Teile Beiruts besetzt, Scharfschützen patrouillieren in den Straßen. Die meisten Einwohner haben sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert - und hoffen auf eine politische Einigung in letzter Minute.

Von Irina Prentice, Beirut


Die Menschen in Beirut haben nur ein Gesprächsthema: Den seit Tagen anhaltenden Belagerungszustand durch die Straßenkämpfer. Kaum jemand kann sich in der libanesischen Hauptstadt frei bewegen, das öffentliche Leben ist nahezu lahmgelegt. Auch wenn es ein paar christliche Viertel gibt, in denen das Leben weitgehend normal weitergeht, sind die meisten Straßen doch menschenleer. Fast alle Läden haben geschlossen. Nur die Geräusche der Fernsehnachrichten dringen durch die Fenster der Beiruter, die auf neue Informationen hoffen.

Schiitischer Kämpfer in Beirut: Bewaffnete patrouillieren in den Straßen
AP

Schiitischer Kämpfer in Beirut: Bewaffnete patrouillieren in den Straßen

Neben den Fernsehern dominiert vor allem ein Geräusch die Stadt: Der dauernde Lärm von Maschinengewehren, dazwischen Explosionen von Panzerabwehrraketen und Schüsse von Handfeuerwaffen, die den Bewohnern den Schlaf rauben.

Der Libanon droht im Chaos und in einem neuen Bürgerkrieg zu versinken. Bei blutigen Straßenkämpfen hat die schiitische Hisbollah-Miliz bis Freitag fast alle muslimischen Viertel Beiruts unter ihre Kontrolle gebracht. Mindestens 14 Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen der Hisbollah und ihren sunnitischen Gegnern getötet, die der prowestlichen Regierung nahestehen. Über 20 weitere Personen wurden verletzt. Es ist die schwerste innere Krise in dem Land seit fast 20 Jahren. Journalisten zufolge versuchen Hunderte Menschen, das Land zu verlassen.

Scharfschützen lauern in der Innenstadt

In der Nacht zum Freitag mischte sich der Lärm der Straße plötzlich mit dem Donnern eines unerwarteten Gewitters. Für einen Moment glaubten vielleicht sogar die Atheisten in der Stadt an eine höhere Macht, die auf das Geschehen antworte.

Am Freitagnachmittag berichteten lokale Nachrichtensender dann von 30 Autos, die bis auf den letzten Platz mit bewaffneten Hisbollah-Kämpfern besetzt gewesen seien. Sie sollen in der Nähe des Regierungsgebäudes wilde, unkontrollierte Warnschusssalven in die Luft gefeuert haben. Vermutlich wollte die Hisbollah-Kolonne eine nicht zu überhörende symbolische Drohung an die pro-westliche Regierung in den Himmel schicken.

Mittlerweile ist der Platz um das Regierungsgebäude wieder still und menschenleer - aber die Armee ist seit Tagen in Alarmbereitschaft, was es für Zivilisten nahezu unmöglich macht, in die Innenstadt zu gelangen. Bei dem Versuch, ein Nachrichtenbüro im Zentrum zu erreichen, blockiert ein Soldat mit Maschinengewehr die Straße und warnt vor Scharfschützen in der Gegend.

"Libanon den Libanesen"

Zurück im Osten der Stadt, erklärt Maroun, ein christlicher Oppositionsanhänger, in seinem Wohnzimmer seine Sicht der Dinge. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich dich Lage wieder beruhige, sagt er und nippt an seinem Kaffee. Maroun betrachtet die Hisbollah als notwendige Kraft, um einen politischen Wandel durchzusetzen. Die pro-westliche Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora müsse gestürzt werden, damit eine "neue Macht die Korruption beseitigt und den Libanon den Libanesen zurückgibt".

Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Corbis
Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.
1968: Kairoer Abkommen
Corbis
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
DPA
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
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Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
REUTERS
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
DPA
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

AFP
Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.

"Ich bin ein hundertprozentiger Anhänger der Hisbollah, und ich glaube fest daran, dass sie die Regierung stürzen wird", sagt Maroun. "Dann wird alles wieder normal werden. Es ist an der Zeit, dass sich die internationalen Truppen aus unseren Angelegenheiten raushalten. Sie haben hier nichts zu suchen. Der Libanon soll ein für allemal den Libanesen gehören". Sogar manche Christen plädieren also mittlerweile für eine Machtübernahme der schiitischen Hisbollah.

Ganze Ladenregale leergeräumt

Doch im Gegensatz zu Maroun haben viele Beiruter Zweifel an einem eindeutigen Ende der blutigen Kämpfe: Die vorherrschende Meinung ist, dass niemand genau wissen kann, ob sich die Lage weiter verschärft oder sogar zu einem neuen Krieg führt. Selbst die, die nur an eine kurze Krise glauben, wollen ihre Wohnungen in den kommenden Tagen sicherheitshalber nicht verlassen.

Die wenigen geöffneten Läden wurden am Freitag von Beirutern bestürmt, die neue Vorräte kauften, vor allem Essen, Wasser und Zigaretten. Ganze Ladenregale waren bereits am Vormittag ausgeräumt - die Menschen bereiten sich darauf vor, die Krise auszusitzen. Internationale Büros und Botschaften ließen Warnungen an Arbeitende und Besucher aus dem Ausland verbreiten, sich möglichst in geschlossenen Räumen aufzuhalten.

Steht man auf den Straßen Beiruts, wirkt fast die ganze Stadt blockiert und verriegelt, die Stimmung ist angespannt. Die Menschen warten auf neue Ansagen. Es ist ein Warten auf politische Entscheidungen, ein Warten auf einen möglichen Kompromiss - und die Hoffnung auf eine mögliche Einigung.

Die Autorin ist freie Journalistin in Beirut.

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