Machtkampf im Libanon Der beängstigende Erfolg des Scheich Assir

In Syrien tobt ein blutiger Bürgerkrieg, im Nachbarland Libanon erschüttert er das politische Gleichgewicht: Sunnitische Hardliner erhalten regen Zulauf, sie fiebern einem bewaffneten Konflikt mit der Schiiten-Miliz Hisbollah geradezu entgegen. Ein blutiger Machtkampf zeichnet sich ab.

Aus Sidon berichtet Ulrike Putz

AP

Als Prediger ist Scheich Ahmad Assir ein Mann, der seine Worte sehr bewusst wählt. Wenn der sunnitische Geistliche über seine Erzfeinde spricht, bleiben keine Zweifel, was er von ihnen hält: Um zu unterstreichen, dass die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah und das syrische Regime für ihn ein und dasselbe sind, nennt er deren Anhänger "Schabiha", Geister. Das ist auch der Begriff, unter dem die marodierenden Banden des Regimes in Syrien berüchtigt geworden sind. Der Begriff Hisbollah, Partei Gottes, kommt ihm gar nicht erst über die Lippen - er nennt die Organisation die "Partei Irans".

Ein Besuch in Assirs Hauptquartier in der libanesischen Sunnitenhochburg Sidon gleicht dem Besuch in einem Wehrlager. Rund um seine auf einem Hügel mit Meerblick gelegene Moschee stehen in konzentrischen Kreisen schwer bewaffnete Wachen. Alle Männer hier tragen den langen Bart und kahlen Schädel der strenggläubigen Sunniten. Einige humpeln etwas: Sie sind bei einer der jüngsten Schießereien mit schiitischen Stoßtrupps verwundet worden. Ein Bodyguard zeigt Einschusslöcher in einem BMW-Geländewagen: "Zum Glück saß der Scheich in einem anderen Auto. Aber zwei meiner Kollegen sind bei einem Überfall im November erschossen worden."

Das Leben von Scheich Assir ist in Gefahr, weil er so erfolgreich ist: Innerhalb eines Jahres hat er sich quasi aus dem Nichts kommend einen Namen als neuer starker Mann der libanesischen Sunniten gemacht. Mit kriegerischer, anti-schiitischer Rhetorik bedient er die Gefühle jener, die es satthaben, dass die Hisbollah in den vergangenen Jahren ihre Vormachtstellung mit Hilfe ihrer Verbündeten in Syrien und Iran so ausgebaut hat, dass sie das politische Leben im Libanon dominiert.

Assir ist Hoffnungsträger jener, die mit dem sich abzeichnenden Ende des Assad-Regimes in Syrien auch auf ein Ende der Dominanz der Hisbollah hoffen. Tausende versammeln sich, wenn er predigt, und selbst säkulare Sunniten sagen, dass Assir ihnen ihren Stolz wiedergegeben hat, nachdem die sunnitische Politikerkaste vor der Konfrontation mit der Hisbollah ins Ausland geflohen ist. Saad Hariri etwa, der seinen 2005 ermordeten Vater Rafik als Führer der libanesischen Sunniten ablösen sollte, lebt seit nunmehr zwei Jahren in Frankreich beziehungsweise Saudi-Arabien, viele seiner Anhänger fühlen sich im Stich gelassen. Assir gibt sich derweil volksnah: Wenn er nicht gerade in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt ist, organisiert er mit seinen Anhängern Badeausflüge ans Mittelmeer oder Schneeballschlachten in den libanesischen Bergen.

Jeder vierte im Libanon Lebende ist Syrer

Der sunnitisch-schiitische Konflikt im Libanon hat sich seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs vor zwei Jahren stetig zugespitzt. Der Kampf zwischen dem dortigen Regime, das von der dem Schiitentum nahe stehenden Sekte der Alawiten dominiert wird, und einer mehrheitlich sunnitischen Opposition gefährdet das fragile Gleichgewicht, das seit 1990 im Libanon herrscht, also seit Ende eines 15 Jahre dauernden Bürgerkriegs. Besonders der massive Zustrom von - mehrheitlich sunnitischen - Flüchtlingen in den Libanon könne die Situation außer Kontrolle geraten lassen.

"Wenn man syrische Gastarbeiter und Flüchtlinge dazu rechnet, leben schon jetzt gut eine Million Syrer im Libanon. Das ist ein Viertel der Bevölkerung", sagt Imad Salamey, Professor für Politikwissenschaften an der Lebanese American University. Die Flüchtlinge stellten eine enorme Gefahr für den Libanon dar. "Sie können sich jederzeit vor Ort Verbündete suchen, sich bewaffnen lassen und ihren Krieg dann hier ausfechten", sagt Salamey.

Dass das noch nicht passiert sei, liege nur daran, dass keine der Sekten im Libanon derzeit das Gefühl habe, einen bewaffneten Machtkampf gewinnen zu können, sagt der Politologe. Heikel werde es, wenn die traditionellen Führer der verschiedenen Sekten durch militante Newcomer wie Scheich Assir abgelöst würden. Sobald die alten Führer ihre Gruppen nicht mehr im Griff hätten, werde es brandgefährlich, so Salamey.

Scheich Assir beteuert, er wolle "derzeit noch" einen Waffengang mit der "Partei Irans" vermeiden. Doch liege es nicht nur an ihm, ob der Frieden im Libanon hält: "Wenn mir etwas geschieht, wird es das Land ins Chaos stürzen", sagt der 45-Jährige.

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sysiphus-neu 08.04.2013
1. typisch
Es ist in der gesamten islamischen Welt das gleiche Problem. Überall sind es extremistische Sunniten, die vom saudischen Salafismus gehirngewaschen, den heiligen Krieg suchen. Versorgt mit dem geistigem Gift der wahabitischen Hassprediger aus Riad und Doha und alimentiert mit den Petrodollars der Feudalpotentaten aus Riad und Doha sind sie überall dabei, vermeintlich Falschgläubige und Ungläubige zu marginalisieren, zu vertreiben und zu ermorden. Sie zerstörten das halbwegs säkulare Libyen, sie zerstören das säkulare Syrien, sie werden den halbwegs ausbalanzierten Libanon zerstören, sie massakrieren Schiiten im Irak und in Pakistan, sie jagen Christen in Ägypten und Nigeria usw.usf. Falls unsere Politikerkaste glaubt, diesen blutigen Hass auf einen innerislamischen Konflikt begrenzen zu können, dann liegt sie falsch. Das angestrebte Kalifat hat noch Platz für viele. momentan noch "ungläubige" Länder und Orte. Jerusalem steht übrigens ganz oben auf der Liste. Wer diesen Wahnsinn stoppen will, muss endlich die die außer Kontrolle geratenen Golfdiktaturen domestizieren.
emeticart 08.04.2013
2. Nun, ...
... fuhle ich mich uninformierter als zuvor. Sehr dünn, der Artikel. Woher kommt der Mann, was will er, wer sind seine Verbündeten!?? MfG
mercadante 08.04.2013
3. Der Westen muss irgendwann doch Assad helfen
Irgendwann , wenn von Syrien wenig übergeblieben ist , wird sich der Westen umschauen und feststellen dass seine Vorstellung von Demokratie und Freiheit anders aussah als die vor Ort , aber wird er den Mut haben umzudenken ? Nein , solche Politiker haben wir nicht
geiserichiii 08.04.2013
4. Es wird
Von seinen schneeballschlachten wird berichtet, also schon ein netter geselliger Typ, dieser schöne Scheich. Hiesige Journalisten sind hier die größten Prostituierten. Mit denen kann man alles machen. Aus jemanden, der ein Land wieder in Chaos stürzen will, latent und kompetent einen sympathischen, zumindest nicht vornherein kritisch zu betrachtenden Faktor im Libanon zu machen, liegt wahrscheinlich daran, dass er den Iranern nicht gerade ein Kuchenfreund sein will. Man stürzt jedes islamische Land in Tiefe Krisen. Damit sie mit sich selbst beschäftigt sind, wenn hier die Mauern gestürzt sind. Aber das stabilste Land ist immer noch der Iran im nahen und mittleren Osten. Man versucht hier schon seit längerer zeit das Bild des Irans zu suggerieren, da gebe es nur Wüste, dumme unterentwickelte Menschen, die nichts können. Dann lässt euch mal überraschen. Die alten Leute im Iran haben seit Beginn der Revolution dort sich ans Werk gemacht auf diese Tage zu setzen und sie möglichst genau zu umrahmen. Profiteur der derzeitigen Lage wird der Iran sein. Und ich denke, man weiß es hier auch. Auch wenn man sich noch dagegen stellt. Was ja wiederum normal ist. Wir sind als Menschen von der Natur programmiert. Es gibt Jäger und gejagte!
alevihaydar 08.04.2013
5.
Die Aleviten sind keine Sekte!Besser recherchieren,schließlich kriegen sie Geld dafür. Dann ist das Christentum eine jüdische Sekte.
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