Beirut - Erste politische Reaktionen nach dem verheerenden Bombenanschlag in Beirut: Der libanesische Ministerpräsident Nadschib Mikati hat am Samstag verkündet, seinen Rücktritt angeboten zu haben. Auf Bitten von Präsident Michel Suleiman bleibe die Ministerrunde aber für eine Übergangszeit im Amt, sagte Mikati laut der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Opposition fordert den Rücktritt der Regierung, der auch Mitglieder der prosyrischen schiitischen Hisbollah angehören. Die Regierungsgegner machen Syrien für die Explosion einer Autobombe im christlichen Viertel Aschrafija verantwortlich, bei der am Freitag acht Menschen getötet und 80 verletzt worden waren. Unter den Toten ist auch General Wissam al-Hassan, ein Sunnit und hochrangiger Funktionär des libanesischen Geheimdienstes. Ihm soll der Anschlag nach Ansicht von Beobachtern gegolten haben. Hassan stand der antisyrischen Zukunftsbewegung des Oppositionspolitikers Saad Hariri nahe.
Die libanesische Regierung sieht eine Verbindung zwischen dem tödlichen Anschlag und dem Bürgerkrieg in Syrien. Der Angriff stehe in Zusammenhang mit den jüngsten Ermittlungen Hassans, erklärte Ministerpräsident Mikati am Samstag.
Der Geheimdienstchef hatte Ermittlungen gegen den früheren Informationsminister Michel Samaha geleitet, einen der engsten Verbündeten der syrischen Regierung im Libanon. Samaha wurde am 9. August verhaftet und anschließend wegen der Planung von Terroranschlägen angeklagt. Nach Angaben aus Polizeikreisen hat er zugegeben, persönlich Sprengstoff von Syrien über die Grenze in den Libanon transportiert zu haben. Neben ihm wurde auch der syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk in Abwesenheit angeklagt.
Im Bekaa-Tal eskalieren Proteste
Libanesische Medien berichteten, das Kabinett sei am Samstag in Beirut zusammengekommen, um über die Konsequenzen aus dem Anschlag zu beraten. Der Hisbollah-Minister Mohammed Fneisch sprach sich der libanesischen Zeitung "Daily Star" zufolge gegen einen Rücktritt Mikatis aus: Dies würde die Lage nur weiter eskalieren lassen.
Die libanesische Bevölkerung reagierte mit Trauer und wütenden Protesten auf den Bombenanschlag. Aufgebrachte Menschen besetzten am Samstag zahlreiche Straßen. Sie errichteten Blockaden und zündeten Reifen an. Die Proteste konzentrierten sich nach Behördenangaben vor allem auf mehrheitlich von Sunniten bewohnte Viertel in Beirut, in der südlich gelegenen Stadt Sidon, in Tripoli im Norden sowie in mehreren Städten im Bekaa-Tal im Osten des Landes.
Im Bekaa-Tal soll die Situation eskaliert sein: Die libanesische Armee eröffnete Augenzeugen zufolge in dem Dorf Bar Elias das Feuer auf eine Gruppe, die eine Straße blockierte. Zwei Menschen seien verletzt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.
Die Regierung hatte Staatstrauer ausgerufen, an allen Regierungsgebäuden wehten die Fahnen auf halbmast, Geschäfte und Schulen blieben geschlossen.
Papst und Weltsicherheitsrat schalten sich ein
Der Weltsicherheitsrat verurteilte den Versuch, den Libanon "mit politischen Hinrichtungen zu destabilisieren" und verlangte ein sofortiges Ende der Gewalt gegen Politiker. Das höchste Uno-Gremium forderte die Libanesen auf, an der nationalen Einheit festzuhalten und den nationalen Dialog fortzusetzen.
Auch die USA verurteilten den Anschlag "aufs Schärfste". Die Regierung in Washington habe keine Informationen über die Attentäter, sagte Außenamtssprecherin Victoria Nuland.
Papst Benedikt XVI. wünschte dem Libanon sowie dem gesamten Nahen Osten Frieden und Versöhnung. In einem am Samstag vom Vatikan veröffentlichten Beileidstelegramm an den maronitischen Patriarchen Béchara Pierre Raï drückte das katholische Kirchenoberhaupt seine Trauer und sein tiefes Mitgefühl mit den Familien der Opfer und dem libanesischen Volk aus. Bei seinem Besuch in Beirut Mitte September hatte der Papst eindringlich Friedensbemühungen im Syrien-Konflikt verlangt.
siu/Reuters/dpa
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