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Libanon: Neue Märtyrer am Märtyrerplatz

Von Markus Bickel, Beirut

Tausende Demonstranten haben die vierte Nacht in Folge in der Beiruter Innenstadt ausgeharrt. Die schiitisch-katholische Protestbewegung will den Rücktritt der pro-westlichen Regierung erzwingen - und ist zuversichtlich, das bald zu erreichen.

Um kurz nach neun zieht die Menge mit ihrem "Märtyrer" stadteinwärts. Über dem weißen Leichenwagen, in dem der 20-jährige Ahmed Ali Mahmoud vom Beiruter Märtyrerplatz in Richtung seines letzten Wohnsitzes Tayoune im Süden der libanesischen Hauptstadt gefahren wird, weht die grüne Fahne der schiitischen Amal-Bewegung. "Wir alle fürs Vaterland, für den Ruhm und für die Fahne", singen hunderte junger Männer, die dem Fahrzeug folgen. Es ist die erste Zeile der libanesischen Nationalhymne. Und Ahmed Mahmoud ist der erste Tote der katholisch-schiitischen Massenproteste, die am Freitag mit einer Großdemonstration im Herzen Beiruts begannen.

Demonstranten tragen den Sarg Ahmed Mahmouds: Er war der erste Tote der katholisch-schiitischen Massenproteste
REUTERS

Demonstranten tragen den Sarg Ahmed Mahmouds: Er war der erste Tote der katholisch-schiitischen Massenproteste

Hunderttausende pilgerten an dem herrlichen ersten Dezembertag aus der schiitisch dominierten südlichen Beiruter Vorstadt Dahyye und anderen Teilen des Landes zum Märtyrerplatz und dem nur zwei Kreuzungen entfernten Riad-al-Solh-Platz. Ihr Ziel: die Regierung des sunnitischen Premierministers Fuad Siniora zu Fall zu bringen.

Tausende von ihnen sind bis heute geblieben, dem vierten Tag der Straßenoffensive von Hisbollah und Freier Patriotischer Bewegung (FPM). Überall in der dicht gedrängten Menge wehen die gelben Hisbollah-Fahnen mit dem grünen Maschinengewehr und das orangene Tuch des katholisch-maronitischen Verbündeten der von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführten "Partei Gottes", Exgeneral Michel Aun.

Die beiden ungleichen Partner sind das neue starke Gespann im Libanon. Während Nasrallah mit seinem auf Postern im ganzen Land als "Göttlichen Sieg" gefeierten Krieg gegen Israel schon im Sommer Heldenstatus in der arabischen Welt erlangte, ist die Popularität des 70-jährigen Auns schwerer verständlich. Zum Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) kämpfte er unerbittlich gegen die syrischen Protektoratstruppen im Libanon, nun steht er an der Seite des engsten Verbündeten von Syriens Präsident Baschar al-Assad im Libanon.

Ché Guevara im Angebot

"Natürlich bin ich für General Aun", beteuert Fatima Surkud. Die 20-Jährige verkauft mit ihrem Verlobten inmitten des Protestgeländes Fahnen, auf ihrem Kopf trägt sie eine orangene FPM-Mütze. "Wir bleiben hier, bis die Regierung geht", lacht sie zuversichtlich. Die Fahnen von Hisbollah, Amal, und Auns Freier Patriotischer Bewegung sind immer noch zu haben, auch das Tuch des christlichen Politikers Samir Frangieh und von Talal Arslan, dem prosyrischen drusischen Counterpart zu Walid Dschumblat. Ché Guevara ist ebenfalls im Angebot. "Weil er für den Widerstand ist", sagt Surkud. "Widerstand" im Libanon – das ist niemand anders als die Hisbollah und ihr in den achtziger Jahren begonnener Kampf gegen Israel.

Ein paar Schritte weiter haben Demonstranten ein Chamäleon mit dem Gesicht Dschumblats auf ein Stück Pappe gezeichnet. "Jeden Tag verändert er seine Farbe", steht darunter. Der drusische Vorsitzende der Sozialistischen Fortschrittspartei hielt auch zu Beginn des Krieges der Hisbollah mit Kritik an deren Entführungsaktion zweier israelischer Soldaten nicht hinter dem Berg. Seitdem gilt er der neuen Protestbewegung rund um Märtyrer- und Riad-al-Solh-Platz als Hauptfeind neben Siniora.

"Die Regierung hat mit Israel kollaboriert", sagt etwa Hassan Shahin. Gemeinsam mit einer Handvoll Freunde ist er am Abend aus dem Süden Beiruts in die Innenstadt gekommen.

Volksfeststimmung herrscht nun hier, wo den Rest des Jahres über nur die Wohlhabenden verkehren. Doch seit Beginn der Straßenproteste haben die teuren Restaurants und Cafés im nach dem Bürgerkrieg wieder aufgebauten Staddteil Solidere mal wieder geschlossen – so wie in den Wochen des "Nationalen Dialogs" im Frühjahr und Anfang November, als die zerstrittenen Politiker des Landes um eine Lösung am Verhandlungstisch rangen. Vergebens.

Kein Ausweg aus der Krise

Stattdessen steht nun eine große Videoleinwand schräg gegenüber des ebenfalls in "Downtown" gelegenen Hauptquartiers der Vereinten Nationen, auf der der Hisbollah-Fernsehsender "Al Manar" läuft. Im rechten oberen Eck der Leinwand hängt ein Bild des ersten Opfers der Bewegung: Ahmed Ali Mahmoud. Umgekommen am Sonntagabend, als er auf dem Rückweg vom Riad al-Solh-Platz angeschossen wurde. Die Auseinandersetzung begann mit Steinwürfen und endete in einer Schießerei – ein Szenario, das noch öfter Wirklichkeit werden könnte in den kommenden Wochen, fürchten viele. Denn weniger als vier Monate nach Ende des Krieges zwischen Israel und Milizionären der Hisbollah ist das Viermillioneneinwohnerland mitten in eine Krise hereingerutscht, aus der zur Zeit kein Ausweg in Sicht scheint.

Den Mord an Industrieminister Pierre Gemayel vor zwei Wochen deuten manche, wenn auch in erster Linie ausländische Analysten schon als Startschuss für einen neuen Bürgerkrieg. Der aber scheint zwischen Maisverkäufern, Fahnenhändlern und munter neue, überkonfessionelle Slogans kreirenden jungen Demonstranten weit entfernt. Vor ihren Zelten, die überall zwischen dem Hauptquartier der Vereinten Nationen und dem Beginn des Ostbeiruter Ausgehviertels Gemayzeh entstanden sind, rauchen sie an diesem Montagabend ihre Wasserpfeifen. Ein Hauch von Lagerfeuerstimmung.

Bereits unmittelbar nach dem Rücktritt der sechs prosyrischen Minister, die bis Mitte November in Sinioras Kabinett vertreten waren, hatte die "Partei Gottes" hunderte Zelte geordert. So schnell werden die Demonstranten sie nicht verlassen. "Wir bleiben zur Not auch ein Jahr hier", versichert Salim Ajub, der gerade sein letztes Schuljahr begonnen hat. Und zieht noch einmal tief an seiner Wasserpfeife.

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