Libanon-Offensive "Als die Rakete einschlug, sah ich nichts mehr"

Im Rambam Medical Center in Haifa herrscht derzeit hektischer Betrieb. Jeden Tag werden etliche der im Libanon verwundeten Soldaten per Helikopter eingeliefert und behandelt. So auch Ran Wizer, der trotz schwerer Verletzungen möglichst schnell wieder an die Front zurück will.

Aus Haifa berichtet Alexander Schwabe


Haifa - Manchmal sind es drei, vier Helikopter am Tag, die hinter dem großen Klinikkomplex des Rambam Medical Centers im Zentrum Haifas landen. An Bord sind bis zu vier Verwundete. Wenn die Helis im Anflug sind, stehen die Ärzte schon bereit. Sie sind bereits darüber informiert, welche Verletzungen die einfliegenden Soldaten haben und wie gravierend sie sind. Derzeit liegen rund 20 im Libanonfeldzug Verwundete in der Klinik.

Verwundeter Soldat Wizer: "Ich weiß nicht, ob unsere Leuten feuerten oder die Araber"

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Unter ihnen ist Ran Wizer. Seit Sonntag liegt er auf der Station, die mit dem Wort "Verbrennungen" überschrieben ist. Wizer ist an Armen, Hals, Rücken und Kopf verbunden. Inzwischen ist sein Kopf nicht mehr kohlrabenschwarz wie noch am Tag zuvor. Inzwischen kann er auch die verbrannten, verklebten Augen wieder öffnen. Wizer zog sich bei einer Panzerattacke nahe der libanesischen Ortschaft A-Taibe schwere Verletzungen zu.

"Vor zwei Tagen hatten wir eine Operation im Libanon", berichtet er. "Unserer Aufgabe war es, in ein arabisches Dorf hineinzugehen, drei Kilometer hinter der Grenze." Es war fünf Uhr am Nachmittag. Der 21-Jährige saß als Kommandeur im ersten Panzer einer Kette gepanzerter Fahrzeuge. Sie seien über einen Hügel gekommen und in ein Wadi hinuntergefahren, so werden die trockengefallenen Flussbetten genannt. Man sei vorsichtig gewesen und habe sich überall umgesehen.

"Dann wurden wir von einer Rakete getroffen. Wir wussten nicht, woher sie kam. In der Sekunde, in der sie einschlug, sah ich nichts mehr, hörte ich nichts mehr." Der Panzer fing Feuer. Die Luken des Panzers waren geschlossen. Als Rauch eindrang und die drei anderen Soldaten in dem Gefährt zu schreien begannen, gab Wizer den Befehl, das Vehikel zu verlassen.

"Ich sagte meiner Besatzung, sie sollten sich hinter dem Panzer in Schutz bringen", erzählt Wizer weiter. "Ich selbst schoss wild um mich. Dann rannten wir rund hundert Meter zurück, wo ein 'Puma' stand (gepanzertes Fahrzeug ohne Kanone). Ich schoss weiter aus meiner Pistole. Die Situation war konfus." Die ganze Zeit seien sie weiter unter Feuer gestanden. "Ich weiß nicht, ob von unseren Leuten oder von den Arabern", sagt der junge Offizier. Mit Tragen hätten sie vier Verwundete geborgen. "Der Puma brachte uns dann raus."

"Ich habe Glück gehabt"

Wizers Verletzungen sind schwer. Besonders am Nacken setzte ihm die Hitze des feindlichen Feuers zu. Die Verbrennungen reichen tief hinein in den Körper. "Doch ich habe Glück gehabt", sagt der Soldat. "Es war eine Anti-Panzer-Rakete. Sehr modern. Normalerweise sieht man nach einem solchen Treffer schlimmer aus." Wizer zeigt sich heldenhaft. "Ich will zurück in den Libanon", sagt er. "Ich will meinem Land dienen", sagt er. Es sei eine schwierige Aufgabe, niemand könne sie erledigen außer Bodentruppen, sagt er.

Doch zuerst einmal wird Ran Wizer für ein paar Wochen in der Klinik bleiben. Dann hat er mindestens noch ein Jahr Armee vor sich. Und danach will er nach Südamerika. Urlaub machen. Nicht Wochen - Monate, sagt er.

Heute Morgen gab die israelische Armee bekannt, dass drei Soldaten, darunter ein Offizier, bei Kämpfen mit der Hisbollah in Aita al-Shaab, nördlich von Biramit, getötet wurden. 25 Soldaten seien leicht verletzt worden. Die Zahl der seit dem 12. Juli gefallenen Israelis steigt damit auf 36.

Nach Angaben der Armee hatte die Hisbollah aus Aita al-Shaab Raketen nach Israel gefeuert. Seit Montag lag die Ortschaft unter israelischem Beschuss. Dabei stießen die Soldaten auf heftige Gegenwehr. Hisbollah-Kämpfer setzten Anti-Panzer-Raketen ein und solche vom Typ "Sager".

Hinweis: Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE hat die israelische Armee den Soldaten Wizer als Interviewpartner ausgewählt. Während des Gesprächs mit dem Verwundeten waren zwei Pressesprecher des Militärs anwesend, zuvor war der Mann 10 Minuten lang von den Pressesprechern gebrieft worden.

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