Libanon Rent a Warzone

Die Libanesen sollten ihr Land an jene Völker vermieten, die Krieg führen wollen, schlägt der libanesische Schriftsteller Charles Chahwan vor. Iranischer Größenwahn, syrische Ranküne und israelische Angriffe sorgten für den langsamen Tod des Landes.


Es gibt da einen sehr lukrativen Plan für unser Land, den Libanon, den ich auch schon einigen Freunden vorgestellt habe. Er könnte uns Millionen oder sogar Milliarden an Einkünften bescheren. Vielleicht wirkt das Projekt auf den ersten Blick lächerlich, verrückt oder surreal. Trotzdem schlage ich dieses gleichermaßen kommerzielle, touristische, politische und künstlerische Projekt vor: und zwar die Vermietung unseres Landes an jede Seite auf dieser Welt, die einen Krieg führen möchte.

Spielzeugtiger inmitten der Zerstörungen in Beirut: "Der Libanon stirbt"
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Spielzeugtiger inmitten der Zerstörungen in Beirut: "Der Libanon stirbt"

Wenn beispielsweise Mosambik mit Dänemark Krieg führen möchte, dann können sie beide den Libanon für ein Jahr oder länger anmieten, während wir Libanesen die Miete nehmen und während der Laufzeit des Vertrages eben in Dänemark oder in Mosambik wohnen. Wir können uns dort amüsieren und erholen - und wenn wir anschließend wieder in unser zerstörtes Land zurückkommen, dann ohne Schmerz oder Reue ... und lebendig.

Den Libanon, so wie wir ihn von unseren Ahnen geerbt haben, die um ihre Unabhängigkeit gekämpft hatten, den gibt es nicht mehr - höchstens in einigen Liedern unserer Gesangsikone Fairouz. Doch der Libanon, wie ihn sich die ersten Intellektuellen wie Michel Msheha vorgestellt haben, ist auf ewig verschwunden.

Der Libanon, in dem wir vor diesem Krieg zwischen der Republik der Hisbollah und dem Staat Israel gelebt haben und der auch im Alten Testament erwähnt wird ("Die Berge des Libanon"), hat eigentlich keine Ähnlichkeit mit den schlimmsten Orten dieser Erde, doch ich bin sicher, dass wir ihn bald beschämt mit Somalia vergleichen können, wenn uns nämlich die Iraner mit ihrem wirren System und ihren verrückten, mumifizierten Überzeugungen noch weiter dazu missbrauchen, um aus dem Libanon etwas zu machen, das mindestens so schrecklich und hässlich ist wie Afghanistan während der Herrschaft der Taliban.

Der Gipfel des iranischen Projektes im Libanon, so glaube ich, ist ihre einzige vorhandene Atombombe, mit deren Abwurf sie uns beehren wollen. Sie werden die "Teufel" Amerika und Israel bis zum letzten Libanesen bekämpfen.

Die Iraner, die Saddam mit Hilfe der arabischen Sunniten am Golf sowie der Amerikaner bekämpft hatte, wollen sich rächen. Die schiitischen Perser werden bis zum letzten Schiiten und letzten Libanesen kämpfen, um sich geschichtlich, religiös und ethnisch an den sunnitischen Arabern zu rächen, an den Amerikaner und schlussendlich vielleicht auch an den Israelis.

Iran, trunken von den Milliarden aus den Öleinnahmen, träumt von einem neuen Imperium, das den Ruhm der alten Perser wiederbelebt, und von Atomwaffen, nicht wahr? Doch egal wie, auf jeden Fall hat ihnen Syrien den Weg geebnet, jenes syrisches Regime, das den Libanon 15 Jahre lang regierte und besetzt hielt, und das sich alle Institutionen nutzbar machte, von der Justiz über die Sicherheit bis zur Armee, indem es sich eine Klientelgruppe schuf, die als Nutznießer aus allen unterschiedlichen Konfessionen stammten.

Dieses Regime, das sich oberflächlich aus dem Libanon zurückgezogen hat, half mit seinem Hass zweifellos dabei, die Errungenschaft der weltweit bewunderten sogenannten libanesischen "Zedern-Revolution" zu vernichten. Ebenso wie es dabei half, dem iranischen Regime den Zugriff auf den Libanon zu ermöglichen, und zwar mittels der schiitischen, schwer bewaffneten, illegalen und völlig außerhalb des libanesischen Rechts stehende Hisbollah, die mit Millionen iranischer Dollars unterstützt wurde.

Irans Dämon hat das Tor von Damaskus durchschritten

Der iranische Einfluss im Libanon hat es in weniger als einem Jahr geschafft, diesen Krieg zu entfesseln, in dem wir Libanesen sterben. Er ist ein Geschenk der Syrer primär an die Libanesen, aber auch an die Amerikaner und an jede weitere Seite, die daran mitgearbeitet hat, die Syrer aus dem Paradies des Libanon bzw. aus ihrer ganz privaten Ali-Baba-Höhle zu vertreiben. Präsident Rafik Hariri wurde umgebracht. Möglicherweise hat der Libanon seit seiner Unabhängigkeit niemanden anderes hervorgebracht, der mit ihm vergleichbar wäre. Wahrscheinlich kommt auch niemand mehr von diesem Kaliber, und vielleicht gibt es auch den ganzen Libanon bald nicht mehr - das befürchte ich wirklich.

Der umgebrachte Hariri - und jeder weiß wer ihn getötet hat - wollte aus dem Libanon das Hongkong der Levante machen. Er wollte Frieden und Prosperität. Er liebte den Libanon im Sinne derjenigen, die ihn gegründet und aufgebaut hatten - ganz genau so wie früher Michel Mscheha. Ein friedliches Land als Verbindungsglied zwischen Orient und Okzident, eine Oase für die Araber und die ganze Welt und ein vorbildliches Land, in dem alle Religionen, Ethnien und Gruppen friedlich zusammenleben.

Hariri wollte einen Libanon, wie er ihn von seinem Vater, einem libanesischen, verwurzelten und sein Land liebenden Landwirt beschrieben bekommen hatte. Doch diese Liebe wurde mit Neid und Hass beantwortet, denn weder die Syrer wollten dieses Modell, dem das syrische Volk vielleicht würde nachstreben wollen, noch die Israelis wollten so etwas in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. In den Augen der Syrer und der Israelis gab es keinen Platz für das Modell eines Zusammenlebens, wie es von Hariri erträumt bzw. von den Begründern des Libanon geerbt worden war.

Für viele bildet der Libanon eine schöne Frau, die sie gerne vergewaltigen würden - die platonische Liebe findet man im Umfeld des Zedernlandes jedoch nicht. Die Amerikaner ihrerseits sind mit der Zedern-Revolution nur den halben Weg gegangen, wie eine Mutter, die ihre halbwüchsigen Töchter einfach sitzen lässt. Diverse neue Demokratien, für die die Amerikaner vorgearbeitet hatten, ja gerade die frisch gegründeten, neuen und noch wackligen Demokratien wurden von ihnen im Stich gelassen. Und sie verlangten von dieser kopflosen Regierung, von der doch jeder wusste, dass ihr Präsident ein Produkt der Syrer war, als diese den Libanon besetzt hielten, Wunder zu wirken und die Uno-Resolution 1959 umzusetzen, also die Hisbollah zu entwaffnen.

Es war der nationale Dialog, die verlorene Zeit oder der Übergang, über den der iranische Dämon - das Tor von Damaskus durchschreitend - in den schwachen, unfähigen Libanon eindrang.



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