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Libanon-Resolution: Frieden auf dem Flugblatt

Aus Beirut berichtet

In Beirut gab es gestern Nacht zum ersten Mal Hoffnung auf ein Ende des Kriegs, doch sie währte nicht lang. Aus der Luft und auf dem Boden setzte die israelische Armee ihren Krieg gegen die Hisbollah fort. Die antwortete mit Raketen. Auf Frieden zu hoffen, fällt vielen schwer.

Beirut - Am Tag nach der Entscheidung in New York fielen ausnahmsweise keine Bomben. Abgeworfen von Flugzeugen in großer Höhe rieselte es Flugblätter. Zu Tausenden regneten die kleinen weißen Zettel am frühen Morgen aus dem wolkenlosen Himmel über der libanesischen Hauptstadt Beirut herab. Überall in der Stadt griffen die Beiruter nach den Nachrichten aus Jerusalem. Doch was sie lasen, stimmte sie nicht hoffnungsvoll.

Zum dritten Mal in Folge teilte die israelische Armee den Libanesen mit, was zu tun sei. Leicht verschlüsselt forderten die Armee die Beiruter auf, Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah aus dem Libanon zu vertreiben, ihm die Anhängerschaft zu verweigern. Im Flugblatt selbst war weder der Namen des Milizen-Chefs noch die Organisation selber. Neben dem kurzen Text stand ein Zedernbaum, das Nationalsymbol des Libanon. Nasrallahs Gesicht lugte aus den Ästen hervor.

"Es wird noch Tage so weitergehen"

"Ihr könnt den wahren Geruch der Zedern zurück in den Libanon bringen", so der Text. In den Flugblättern zuvor hatte die Armee indirekt heftige Angriffe auf den Beiruter Süden angekündigt. Folglich sind mittlerweile fast alle Gebiete unterhalb des Stadtzentrums menschenleer. Bisher gab es noch keine Attacken, doch niemand hier in Beirut rechnet mit einem ruhigen Wochenende. Dass die lauten Detonationen in der vergangenen Nacht ausblieben, bescherte lediglich einige Stunden ruhigen Schlafs.

Was das aktuelle Flugblatt meinte, verstanden viele schnell. Der 24-jährige Chalib ist gerade auf dem Weg zu Verwandten, als er ein Flugblatt von der Straße aufhebt. "Sie werden nicht aufhören, uns zu bombardieren", glaubt der Student, "Uno-Entscheidungen haben Israel doch noch nie wirklich interessiert." An ein schnelles Ende der Kämpfe kann er nicht mehr glauben. "Es wird noch Tage so weiter gehen, wenn nicht Wochen", sagt er, "auf Normalität werden wir noch lange warten."

Es war schon gegen 1 Uhr in der Nacht, als die Bilder aus der Uno-Vollversammlung in Beirut über die Fernsehschirme flimmerten. Dort hatte sich die Weltgemeinschaft nach langem Ringen auf eine Resolution geeinigt, die den brutalen Kämpfen im Libanon und den täglichen Bombardements ein Ende setzen soll. Nur wann dies geschehen soll, ist kaum absehbar. Schnellstmöglich, so der Uno-Text. Das kann viel bedeuten.

In der Nacht und am frühen Morgen jedenfalls war von einem Waffenstillstand nichts zu spüren. Keine Stunden waren nach der New Yorker Sitzung vergangen, da warfen Kampfjets über einem Flüchtlingskonvoi im Süden Bomben ab. Journalisten, die den Treck von Zivilisten begleitet hatten, sprachen am Morgen von drei Toten. Die israelische Armee bestätigte, dass sie die Wagenkolonne, die zuvor von der Uno bei den Israelis angemeldet worden war, angegriffen hatte.

Angeblich seien auch Hisbollah-Kämpfer unter den Zivilisten gewesen, lautete die Erklärung aus Jerusalem. Auf den Fernsehbildern sind nur zivile Autos zu sehen, die meist direkt von Raketen getroffen wurden. Wie so oft steht auch hier Aussage gegen Aussage, keine wird je bewiesen oder widerlegt werden können.

Weitere Ziele wurden ebenfalls aus der Luft bombardiert. In der Flüchtlingsstadt Sidon, etwas nördlich vom Litani-Fluss, zerstörten israelische Bomben am frühen Morgen ein Elektrizitätswerk. Die Stadt, in der Tausende Menschen aus dem Süden Zuflucht gefunden haben, versank auf einen Schlag im Dunkeln. Am Morgen hieß es von den Hilfsorganisationen vor Ort, der Schaden an dem Verteilerzentrum sei erst in einer Woche oder gar zehn Tagen zu beheben. Ihre Arbeit wird das nicht erleichtern.

Auch in Tyrus, noch etwas weiter südlich von Sidon, krachte es wieder die ganze Nacht. Die letzten Korrespondenten, die in einem als sicher geltenden Hotel am Strand ausharren, berichteten am Morgen von heftigen Bomben-Angriffen östlich der Hafenstadt. Welchem Ziel die Raketen galten, konnten die Journalisten nicht herausfinden. Vermutet wurde, dass die Israelis die Stadt Rachaf angegriffen haben, etwa 11 Kilometer östlich von Tyrus.

So unsicher ist die Lage geworden, dass selbst die kriegserprobten Journalisten der amerikanischen Networks wie CNN das Hotel kaum noch verlassen. Nur bei Tag wagen sie sich ab und zu aus dem Haus - meist zu Fuß, da die israelische Armee jedes Auto als "legitimes Ziel" erklärt hatte. Auch das Internationale Rote Kreuz, das in Tyrus ein Lager für Medikamente betreibt, kann seine Transporte kaum noch durchführen. Von zehn Anfragen für eine Sicherheitsgarantie von den Israelis für Hilfsfahrten wurde nur eine gewährt, so der Verantwortliche vor Ort.

Waffenruhe als fahle Illusion

Wenig später kam die Bestätigung für die Vermutungen. In Rachaf, so die lokalen Rettungsteams, seien 15 Menschen bei dem schweren Bombardement ums Leben gekommen. In einem weiteren Dorf im Süden kamen drei Menschen durch die Raketen ums Leben, eine Journalistin wurde in ihrem Auto von Bombensplittern verletzt. Ebenso wurde in mehreren Gegenden des Südens intensiv am Boden gekämpft, wie israelische und arabische Medien berichteten.

"Wir werden unsere Militäroperation so lange fortsetzen, bis wir unsere Ziele erreicht haben", sagte der israelische Heereschef Dan Halutz. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums kündigte heftige Offensiven mindestens bis zur morgigen Kabinettsabstimmung über die Uno-Resolution an.

Auch die andere Seite des Konflikts zeigte keinerlei Zeichen, dass sie sich zurückziehen will. Während auf allen anderen Kanälen in der Nacht die Bilder aus New York liefen, strahlte der Hisbollah-Sender al-Manar neue Propaganda-Videos für den Kampf gegen die Israelis aus. Immer wieder zeigte der Sender Karten von Israel, mit Fadenkreuzen waren die israelischen Großstädte Haifa und Tel Aviv markiert. Die Uno-Entscheidung wurde bis in den Morgen hinein nicht einmal vermeldet.

Teilweise machten die Kämpfer von Scheich Nasrallah ihre Drohung heute wahr. Bis zum Nachmittag zählten die israelischen Streitkräfte rund 20 Raketenangriffe auf Israel. Bei den Attacken seien mindestens fünf Menschen verletzt worden. Alles deutet daraufhin, dass das Prinzip von Angriff und Gegenangriff weitergehen wird - ob nur noch einige Tage oder doch Wochen, war heute nicht abzusehen.

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