Libanon-Schutztruppe Schlimmster Feind ist die Langeweile

Zwei Monate nach Kriegsende wimmelt es im Südlibanon von Militär. Aber 6000 Unifil-Soldaten und 14.000 libanesische Männer kämpfen vor allem gegen eins: Langeweile. Zwischenfälle mit der Hisbollah oder der israelischen Armee sind rar. Trotzdem soll die Zahl der Blauhelme verdoppelt werden.

Von Ulrike Putz, Beirut


An der Grenze zu Israel ist heute wieder einiges los. Vier Blatt Papier hat der Wachhabende spanische Unifil-Soldat auf Außenposten 9-15 seit Beginn seines Dienstes vor eineinhalb Stunden beschrieben. "17:34 Uhr: Zwei Ghanbat-Fahrzeuge von Süd nach Nord. 17:36 Uhr: Truppentransport der libanesischen Armee von Nord nach Süd. 17:37 Uhr: Ein Spanbat-Hummer nach Norden", steht säuberlich notiert untereinander. Mit dem Fernglas beobachten der Soldat des spanischen Unifil-Batallions von der auf einer Bergspitze gelegenen Basis aus die Bewegungen entlang der etwa ein Kilometer Luftlinie entfernten Blue Line, die Israel und den Libanon trennt. Unterhalb des Unifil-Postens drängen sich auf libanesischer Seite die Häuser von Kfar Kila am Hang. Der ehemalige Grenzübergang "Fatima-Gate" ist verrammelt, kurz dahinter stehen die ersten Häuser des israelischen Städtchens Metula.

Die Lage ist ruhig, wie jeden Tag seit dem Ende des Krieges zwischen Israel und der Schiiten-Miliz Hisbollah im August. "Kein Wunder", sagt ein Soldat, als die Offiziere außer Hörweite sind. "Im Südlibanon ist ja auch mehr Militär unterwegs, als Zivilisten leben."

Tatsächlich begegnet man auf den Straßen des Südlibanon in diesen Tagen beinahe minütlich Unifil-Fahrzeugen oder Transporten der libanesischen Armee. "Wir stehen uns hier doch auf den Füßen herum", lästern spanische Marineinfanteristen im Bauch des Panzerfahrzeugs vom Typ Piranha, mit dem die Spanier heute auf Patrouille unterwegs sind. Alle 20 Minuten halten die beiden Fahrzeuge, die Soldaten stehen dann an der Straße herum und werden philosophisch. "Was wir hier machen, können wir genau sagen: Wir sind hier, um hier zu sein."

Wie die Filmkulisse für einen M.A.S.H.-Film

"Beobachten der Veränderung im Verhalten der einheimischen Bevölkerung", hatte der Patrouillenchef vor Abfahrt aus der Basis "Isla de León" zwei Kilometer westlich von Taibe diesen Teil des Dienstes genannt. Das Camp, das mit seinen Tarnnetzen und Hunderten Zelten aussieht wie die Filmkulisse für einen M.A.S.H.-Film, ist seit sechs Wochen das Zuhause der 523 Männer und Frauen der spanischen Elitetruppe, die schon in Haiti und Bosnien Dienst tat.

Dass eine starke internationale Truppe zusammen mit der libanesischen Armee im Südlibanon die Hisbollah in Schach halten soll, war die Hauptbedingung Israels, um einem Waffenstillstand zuzustimmen. Etwa 5700 Soldaten hat die Unifil bislang südlich des Litani-Flusses stationiert, die libanesische Armee ist mit 14.000 Soldaten präsent. Macht mehr als 20.000 Soldaten auf einem Gebiet, das mit 50 mal 30 Kilometern äußerst überschaubar ist. "Die Lage ist saturiert, die Zone mit Militär gesättigt," sagt denn auch der Unifil-Sprecher Alexander Ivanko bei einem Gespräch in Beirut. Trotzdem soll die Truppenstärke der Unifil bis Ende November noch einmal verdoppelt werden, auf 11.500 Mann.

"Der Krieg ist letztlich positiv für Israel ausgegangen", sagte Ivanko. An der politischen Lage vor Ort habe sich nichts geändert, nur seien die Uno-Truppen nun wesentlich präsenter und besser bewaffnet. Mit der Entwaffnung der Hisbollah habe die zuständige libanesische Armee noch nicht im Ansatz begonnen, ob die Miliz jemals ihre Waffen abgeben werde, sei fraglich. Ob die massive Präsenz der lokalen und internationalen Truppen die Hisbollah daran hindert, sich neu aufzustellen und ihre im Krieg beschädigte Infrastruktur wiederherzustellen, ebenso. Nachts werde aus Sicherheitsgründen keine Patrouille gefahren, gibt Ricardo Ortax, Presseoffizier der spanischen Elite-Einheit zu Protokoll. Was die ortskundige Miliz im Schutz der Dunkelheit so treibt, entziehe sich der Kenntnis der Unifil.

Ein Monat Schadensbegrenzung nach Merkels Aussetzer

Die Unifil ist in diesen Tagen damit beschäftigt, das auszuräumen, was ihr Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE als "großen Fehler" bezeichnet: Die anfängliche Entsendung von hoch spezialisierten Schnellen-Einsatztruppen und "hoch aggressiven" Kampfeinheiten, vor allem von Seiten der Franzosen. "Diese Männer und Frauen sind dazu ausgebildet, massiv Stärke zu zeigen", sagte Ivanko. Das sei jedoch nur kurz nach Ende des Krieges notwendig gewesen. Dass die Unifil-Truppen außer beim Minenräumen kaum je als Helfer auftreten, sondern nur als Aufpasser, führe inzwischen zunehmend zu Irritationen bei der Bevölkerung. "Wenn Patrouillen mit Kampfpanzern in Dörfer einrollen, nehmen die Menschen das nun mal als aggressiven Akt wahr", sagt der Sprecher. "Es wird Zeit, dass wir diese Einheiten rausrotieren."

In der Bevölkerung habe sich der Eindruck festgesetzt, dass die Anwesenheit der Unifil nur Israel nützt: "Angela Merkel wurde hier so verstanden, dass die Blauhelme nur hier sind, um Israel zu schützen", sagte Ivanko. Die Bemerkung habe die Zivilbevölkerung gegen die Schutztruppen aufgebracht. "Wir sind heute, einen Monat nach Merkels Ansprache, immer noch damit beschäftigt, Schadensbegrenzung zu betreiben."

Welche Aufgaben die in den kommenden Wochen eintreffenden zusätzlichen Einheiten übernehmen können, ist unklar. Jetzt schon herrscht bei den Soldaten der Schutztruppe eins: Frust. Er sei froh, dass sein Bataillon Anfang November wieder nach Cadíz in Südspanien zurückverlegt und von normaler Infanterie ersetzt werde, sagt ein Unteroffizier, der anonym bleiben möchte. "Das ist doch absurd, wir sind hier angelandet, haben unsere Zeltstadt aufgebaut und das Camp seitdem nur verlassen, um herumzufahren und dabei gesehen zu werden." Kontakt mit der Bevölkerung gebe es wegen der Sprachbarriere kaum, Ausflüge nach Dienstschluss in die umliegenden Dörfer seien verboten. Das Café in Taibe, dass sich hoffnungsvoll in "Amigo Bar" umbenannt hatte, macht kein Geschäft.

Finnische S auna im Außenposten

Vielleicht sollten sich die Spanier ein Beispiel an ihren Vorgängern im oftmals eintönigen Dienst der Unifil nehmen. Seit Einsetzung der Interims-Truppen im Libanon 1978 haben die Soldaten aus aller Welt Phantasie darauf verwandt, ihre Zeit im Südlibanon schöner zu gestalten. Die Finnen zum Beispiel, die vor Jahren den Außenposten 9-15 oberhalb Kfar Kila ausgebaut haben, zimmerten sich eine echte Finnsauna. Sie steht immer noch, komplett mit Kiefernholzverschalung und Panoramafenster mit Blick auf den Grenzzaun. Die Inder, die die Spanier vor zwei Wochen auf der Bergspitze abgelöst haben, vergnügten sich damit, Wände, Fenster und Türen mit indischer Folklore-Malerei zu schmücken.

Allerdings ist das Leben als Unifil-Soldat nicht nur beschaulich, seit 1978 kamen knapp 300 Mann der Schutztruppe im Südlibanon ums Leben. Während des Krieges saßen die indischen Unifil-Soldaten auf Posten 9-15 aus Angst vor israelischem Beschuss tagelang im Bunker.

Außerhalb der Mauer ist immer noch ein Unterstand zu erkennen. "Eine Hisbollah-Stellung", sagt der diensthabende Offizier. "Bislang hat sich da keiner blicken lassen. Wollen wir hoffen, dass das auch so bleibt."



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