Libanon Uno-Koordinator nennt Israels Kriegsführung unmoralisch

Jan Egeland, Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, hat die Kriegstaktik Israels im Libanon scharf kritisiert. 90 Prozent der Streubombeneinsätze seien in den letzten drei Tagen des Krieges geflogen worden. Bis zu 100.000 dieser Sprengkörper seien noch nicht explodiert.


New York - Der für offene Worte bekannte Egeland nannte die Verwendung der Streubomben bei den kriegerischen Auseinandersetzungen mit der radikalislamischen Hisbollah nach Uno-Angaben in New York "unmoralisch". Er warnte davor, dass bis zu 100.000 dieser Sprengkörper noch nicht explodiert seien und im Südlibanon Menschen bedrohten. Egeland bezog sich auf Informationen des Uno-Zentrums zur Koordinierung der Minenbekämpfung, wonach 359 Abwurfstellen von Streubomben gezählt wurden.

Streubombe: Bis zu 100.000 Sprengsätze noch nicht explodiert
AP

Streubombe: Bis zu 100.000 Sprengsätze noch nicht explodiert

Gar "vollständig unmoralisch" nannte er es, dass 90 Prozent der Streubombeneinsätze in den letzten 72 Stunden des Konflikts gelegen hätten. Zu dem Zeitpunkt sei bereits klar gewesen, dass eine Uno-Resolution vorliegt und dass die kriegerischen Auseinandersetzungen beendet werden. Jeden Tag würden Menschen von diesen Waffen verletzt oder getötet, sagte Egeland.

Neben den Streubomben gebe es auch andere gefährliche Überreste der kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Hauptbedrohung für die zurückkehrenden libanesischen Flüchtlinge darstellten. Etwa 200.000 Flüchtlinge könnten nach Uno-Einschätzung nicht in ihre Häuser zurückkehren, weil sie zerstört oder wegen Blindgängern unbewohnbar seien, sagte Egeland.

Hilfsorganisationen kämpfen bisher vergeblich für eine ausdrückliche Ächtung der Streubomben, deren Einsatz gegen Zivilisten sie als Verstoß gegen das Völkerrecht bezeichnen. Blindgänger von Streubomben können noch nach Jahren explodieren.

In Deutschland wurde Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) vom Zentralrat der Juden kritisiert, weil sie eine Uno-Untersuchung zum israelischen Einsatz von Streubomben im Libanon gefordert hatte. Im "Handelsblatt" verteidigte sich Wieczorek-Zeul gegen die Kritik des Zentralrats. "Das Engagement für das Existenzrecht Israels und gegen Antisemitismus gehört zu den politischen Konstanten meines Lebens", sagte sie. Ihre Kritik am Einsatz von Streubomben im Libanon gelte genauso anderswo auf der Welt, "denn Streubomben gefährden Zivilisten, vor allem Kinder".

Libanon-Geberkonferenz soll 500 Millionen Dollar bringen

In Stockholm beraten heute Vertreter von 60 Regierungen und internationalen Organisationen über Hilfsmaßnahmen für den vom Nahost-Krieg im Sommer stark zerstörten Libanon. Nach Angaben der schwedischen Regierung werden Hilfszusagen über etwa 500 Millionen Dollar (390 Millionen Euro) erwartet. Die EU-Kommission kündigte unmittelbar vor der Konferenz die Bereitstellung von 42 Millionen Euro an.

Wie aus Stockholm verlautete, geht es nun vor allem um die schnelle Bereitstellung von Geldern für erste Instandsetzungen von Schulen und Notunterkünften. Umstritten ist bei der Konferenz die Beteiligung der radikalislamischen Hisbollah. Israel wurde von den schwedischen Veranstaltern nicht zu der Konferenz eingeladen.

Die libanesische Regierung verspricht jeder Familie, deren Haus im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz zerstört wurde, je 33.000 Dollar (23.400 Euro) Entschädigung. Insgesamt seien 130.000 Wohnungen beschädigt oder zerstört worden, davon 50.000 in den südlichen Vororten Beiruts, sagte Ministerpräsident Fuad Siniora gestern vor seiner Abreise zur Hilfskonferenz.

Er werde die Konferenzteilnehmer bitten, den Wiederaufbau von 38 Dörfern im Südlibanon zu unterstützen. Zudem werde er dazu aufrufen, den obdachlos gewordenen Libanesen Wohnwagen als vorübergehende Unterkunft zur Verfügung zu stellen, kündigte Siniora an. Der Ministerpräsident wies Kritik zurück, die Regierung sei den Bürgern zu langsam zu Hilfe gekommen. "Die Regierung nimmt ihre Verantwortung wahr (...) und wird das Äußerste tun, die öffentliche Dienste zu verbessern", sagte Siniora in Beirut.

Die Kriegsschäden werden von der libanesischen Regierung auf insgesamt 3,6 Milliarden Dollar (2,8 Milliarden Euro) geschätzt.

asc/AFP/dpa/Reuters



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