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Libanon: "Wenn der Krieg vorbei ist, wird es noch schlimmer"

Von Markus Bickel, Beirut

Ein Ende des Krieges im Libanon ist nicht in Sicht - seine Folgen sind ungewiss. Schon heute fürchtet man, dass die Aussöhnung zwischen Christen, Sunniten und Schiiten schwierig sein wird.

Beirut - Diana Moukalled ist verzweifelt. Die Auslandschefin des libanesischen Fernsehsenders al-Mustaqbal (Future TV) kann nicht fassen, wie die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die schiitische Hisbollah am vergangenen Mittwoch ein derartiges Massenbombardement auslösen konnte. "Ich stehe nicht auf Seiten von Hisbollah", sagt die Fernsehjournalistin. "Aber die israelische Militärreaktion als 'unverhältnismäßig' zu bezeichnen, ist wirklich eine Untertreibung."

Ihre Angst um Leib und Leben von Verwandten und Freunden, die in den am heftigsten von den israelischen Angriffen betroffenen südlibanesischen Gebieten leben, ist bereits jetzt gepaart mit Sorge vor der mühsamen gesellschaftliche Aussöhnung. "Schon vor der israelischen Militärreaktion waren wir Libanesen gespalten in so vielen Dingen. Wenn der Krieg vorbei ist, wird es noch schlimmer", sagt Moukalled. Sie rechnet damit, dass die Schiiten des Landes die Hauptleidtragenden sein werden. "Ich fürchte, dass Christen und Sunniten nicht in der Lage sein werden, die mit der Hisbollah identifizierten Schiiten gebührend zu behandeln. Triumphgefühle über deren Niederlage werden siegen."

Seit Beginn der israelischen Angriffe am vergangenen Mittwoch ist immer wieder Unmut über die von vielen nichtschiitischen Libanesen als Alleingang empfundene Entführungsaktion zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah laut geworden. Sowohl in mehrheitlich christlichen wie sunnitisch dominierten Stadtteilen werden schiitische Flüchtlinge aus den südlichen Vierteln Beiruts wie Haret Hreik bislang zwar nicht abgewiesen, doch mit offenen Armen empfangen werden sie auch nicht. Die Angst, in einen Konflikt hineingezogen zu werden, mit dem sie nichts zu tun haben, ist groß. Als 1982 Mitglieder von Jassir Arafats Palästinensischer Befreiungsorganisation (PLO) ins Westbeiruter Hamra flohen, wurde das Viertel zum Ziel israelischer Attacken.

"Eine Lose-Lose-Situation"

Fadi Abi-Allam hingegen hält ein Auseinanderbrechen der libanesischen Gesellschaft nach dem neuen israelisch-libanesischen Konflikt nicht für möglich. Der Vorsitzende des Permanent Peace Movement (PPM) glaubt, dass die langen Jahre des Bürgerkrieges (1975 bis 1990) die Libanesen gelehrt hätten, dass gewaltsamer Konflikt zu nichts führt. "Am Ende ist es eine Lose-Lose-Situation, aus der keine Seite Profit ziehen kann", sagt er. Seine Organisation kämpft seit Jahren gegen die weite Verbreitung kleiner und mittlerer Schusswaffen. Mehr als zwei Millionen sollen im Libanon kursieren – in einem Land mit nur vier Millionen Einwohnern. "Im Vergleich zu den jetzt verwendeten Geschossen sind diese kleine Waffen natürlich harmlos. Was wir jetzt brauchen, ist deshalb unbedingt ein schneller Waffenstillstand."

Dass es Racheaktionen christlicher und sunnitischer Kreise gegen die Hisbollah gibt, hält Abi-Allam angesichts der Entstehungsgeschichte der Partei für ausgeschlossen. "Die ganze Ideologie der Hisbollah gründet doch auf dem Befreiungskampf gegen Israel. Und darin wird sie von allen Libanesen unterstützt."

Ein Optimismus, den Ziad Majed nicht teilt. Der stellvertretende Präsident der Demokratischen Linken war einer der führenden Köpfe des kurzen "Beiruter Frühlings" der Demokratie, der im vergangenen April für den Abzug der syrischen Truppen nach fast drei Jahrzehnten Militärpräsenz im Libanon sorgte. "Wir haben schon im vergangenen Jahr viele Chancen verpasst, zu einem wirklichen nationalen Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen zu kommen", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Nach der militärischen Auseinandersetzung wird es noch schwieriger, die Hisbollah mit den anderen Parteien an einen Tisch zu kriegen."

Majed teilt die Kritik Moukalleds am Alleingang der von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführten Organisation. "Entweder haben sie völlig unterschätzt, zu welchen Reaktionen Israel in der Lage ist, oder sie sind von äußeren Akteuren dazu gedrängt worden." Doch hält Majed die Forderungen von USA und EU, die libanesische Armee an die Grenze zu Israel zu schicken, für einen Fehler. "Es ist klar, dass die westliche Staatengemeinschaft einen Preis vom Libanon verlangt, ehe es Israel zum Einlenken wird bewegen können. Doch das wird unweigerlich zu internen Konflikten führen."

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