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Libanon: Wie Israel beinahe den schärfsten Kritiker der Hisbollah ausschaltete

Aus Beirut berichtet Markus Bickel

Bei einem Luftangriff auf ein Beiruter Schiitenviertel wurden auch große Teile des Hauses von Lokman Slim zerstört. Damit traf Israel einen der schärfsten Kritiker der Hisbollah. Das mit deutscher Unterstützung angelegte Archiv des Intellektuellen ist vernichtet.

Beirut - Lokman Slim kann es nicht fassen, wenn er sein Haus betrachtet: "Obwohl ich den ganzen Bürgerkrieg über in Beirut verbracht habe, habe noch nie eine solche Qualität der Zerstörung gesehen", sagt der 44-jährige. Am Sonntagnachmittag hatte eine israelische Rakete ein schon zuvor beschossenes Gebäude im Südbeiruter Stadtteil Haret Hreik, schräg gegenüber des Familienhauses von Slim getroffen. Der Kollateralschaden an dem strahlend weißen Komplex, in dem auch Slims Mutter wohnte, ist erheblich: "Das Dachgeschoss ist fast komplett zerstört, sämtliche Stahltüren hat es durch die Wucht der Explosion aus ihren Verankerungen gerissen. Stühle und Tische sind wahllos in Räumen in allen drei Etagen verteilt, das Archiv und die Schnittplätze für Filmbearbeitung unbenutzbar."

Slim, der kurz zuvor erst von einer Vortragsreise in den USA nach Beirut zurückkam, hat keine Ahnung, weshalb das nach Außen hin nur als Wohnhaus erkennbare Angriffsziel beschossen wurde. "In den vergangenen Wochen sind in Haret Hreik so viele Gebäude zerstört worden, warum es nun dieses traf, weiß ich nicht. Es ist eines von vielen." Ein Hisbollah-Sprecher lehnte es ab, Auskünfte über einzelne Ziele zu geben. Eine Anfrage bei der Israelischen Armee, den Israeli Defence Forces (IDF), brachte ebenfalls keinen Aufschluss. Auf die Frage, ob der Angriff am Sonntag um 17 Uhr Beiruter Zeit einer Hisbollah-Einrichtung gegolten habe, erklärte ein IDF-Sprecher: "Uns ist ein solches Ereignis nicht bekannt."

Die in Dutzenden Archivkästen aufbewahrten Zeitungen des von Slim gemeinsam mit der deutschen Filmemacherin Monika Borgmann betriebenen und von der Frankfurter Hilfsorganisation medico international finanzierten Dokumentationszentrums "Umam" sind jetzt in Tausende Schnipsel zerstückelt. Jahre wertvoller Dokumentationsarbeit – in Sekunden vernichtet.

Traurige Ironie der Geschichte: Mit der Zerstörung des in der schiitisch dominierten südlichen Beiruter Vorstadt Dahye gelegenen Wohn- und Arbeitshauses Slims traf die israelische Armee einen der wichtigsten innerlibanesischen Gegner der Hisbollah. Der gegen die "Partei Gottes" gerichtete Luftschlag schädigte einen vehementen Verfechter einer "Politik ohne Gott" – trotz liberaler Medien und eines pluralistischen politischen Systems eine Seltenheit in der immer noch stark von konfessionellen Zugehörigkeiten und Klientelbeziehungen geprägten libanesischen Gesellschaft.

Slim muss versuchen zu retten, was zu retten ist. Angesichts der unkalkulierbaren israelischen Luftangriffe können er und Borgmann sich immer nur kurz im Haus aufhalten. Fünf Lastwagen seien notwendig, um alle Archivkisten, Filmrollen und anderes Material aus dem Gebäude heraus zu schaffen, sagen sie. Doch sie fürchten, dass diese für die israelische Luftwaffe sofort zum Angriffsziel würden.

Als jüdischer Spion beschimpft

"Ich habe das Existenzrecht Israels immer verteidigt", sagt Slim, der mit dieser Position eine Außenseiterrolle einnimmt im von Hisbollah-Kadern dominierten innerlibanesischen Diskurs über den hier oft als "zionistische Entität" bezeichneten südlichen Nachbarstaat. Auf syrischen Internetseiten werden Slim und seine seit gut einem Jahr im säkularen Bündnis "Hayya bina" ("Los geht’s!") zusammengeschlossenen undogmatischen Kampfgefährten schon als "Verräter" und "jüdische Spione" beschimpft.

Noch sind es nur Drohungen im Netz, doch nach Ende des neuen Libanon-Krieges könnten körperliche Angriffe folgen, fürchten die beiden Autoren des im Februar 2005 auf der Berlinale mit dem Preis der internationalen Kritik ausgezeichneten Dokumentarfilms "Massaker". Schon ihre kommentarlose Darstellung von sechs Tätern des von Israels Armee im September 1982 zugelassenen Massenmordes in den südlichen Beiruter Palästinenserlagern Sabra und Schatila fanden viele libanesische Zuschauer "zu menschlich".

Dabei fällt Slims Kritik der israelischen Kriegspolitik nicht minder scharf aus als die der totalitären und autoritären Methoden der Hisbollah. "Wenn Israel eine Demokratie ist – und ich glaube, dass es das ist – zerstört es gerade die einzige andere Demokratie in der Region." Das könne nicht im Sinne einer Demokratie sein, sagt der Dissident. "Sämtlichen Extremisten wird damit der Weg geebnet."

Angst vor der Zeit nach dem Krieg

Was Borgmann und Slim schon heute umtreibt, ist die Angst vor der Zeit nach Ende des Krieges. "Die Zukunft des Libanon hängt von der Zukunft der Schiiten des Landes ab", sagt der säkular aufgewachsene Sohn einer protestantischen Mutter und eines schiitischen Vaters. "Aber die Frage ist, welche Schiiten die Führungsrolle übernehmen – jene, die sich als Satellit des Iran betrachten oder jene, die den Libanon als multikonfessionelles Beispiel für andere Staaten in der Region betrachten." Mit der Frage nimmt Slim die Antwort im Grunde vorweg: "Bislang waren wir geschützt dadurch, dass wir in Haret Hreik von denselben Bomben bedroht waren wie die Hisbollah." Nach Ende des Krieges rechnet er damit, dass die Kaderpartei noch rücksichtsloser gegen ihre Kritiker vorgehen werde.

Ein Wegzug aus der schiitisch dominierten Dahye käme für Borgmann und Slim deshalb einer Niederlage gleich, dem Eingeständnis, dass säkulare Kräfte neben der "Partei Gottes" keinen Platz mehr in den südlichen Beiruter Vorstädten haben. Der endgültige Tod des anderen, des dissidenten Dahye, das so gar nicht in das nicht zuletzt von westlichen Medien gezeichnete Bild einer totalitären schiitischen Stadtkultur passen will.

Schon seit Kriegsbeginn patrouillieren in den ausgestorbenen Vierteln zwischen der alten Autobahn zum Flughafen und dem nach Nasrallahs im September 1997 von israelischen Truppen getöteten Sohn benannten Hadi Nasrallah-Boulevard Hisbollah-Kader mit Kalaschnikows. Auch wegen der Rückkehr der Milizen fürchtet Slim die Nachkriegszeit, selbst bei einer militärischen und diplomatischen Niederlage der Nasrallah-Organisation. "Wir haben unsere Glaubwürdigkeit immer gewahrt, weil wir schon vor Gründung der Hisbollah in Haret Hreik waren. Aufrechterhalten können wir diese nur, wenn wir auch jetzt bleiben."

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