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Libanons Armee: Sozialarbeiter in Uniform

Von Markus Bickel, Beirut

Die libanesische Armee war bislang kaum in den Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz verwickelt. Doch jetzt häufen sich die Angriffe auf die Soldaten. Die international geforderte Rückkehr der Truppen in das Grenzgebiet zu Israel birgt jedoch innenpolitische Risiken.

Beirut - Nur vereinzelt sind Soldaten der libanesischen Armee zurzeit in den Straßen von Beirut zu sehen. Hinter dem Hafen, in einer Seitengasse, die wegführt vom zentralen Busbahnhof Charles Helou, steht eine Handvoll Uniformierter gelangweilt an einen Jeep gelehnt.

Libanesischer Soldat hilft verwundetem Kameraden: Aufgewacht aus dem Dornröschenschlaf
AFP

Libanesischer Soldat hilft verwundetem Kameraden: Aufgewacht aus dem Dornröschenschlaf

Doch auch schon vor Beginn des Konflikts zwischen Hisbollah-Milizen und Israel standen hier Einheiten der heimischen Armee. Selbst wenn niedere Ränge nach Sonnenuntergang durch die Haupteinkaufsstraße Hamra schlendern oder sich an der Einfahrt nach Aschrafieh, nahe der Green Line aus Bürgerkriegszeiten, positionieren, ist das nichts Außergewöhnliches. Soldaten gehören zum Stadtbild Beiruts wie Starbucks, McDonalds und die zahlreichen Kebab- und Falafel-Buden.

Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Kämpfern der schiitischen "Partei Gottes" von Generalsekretär Hassan Nasrallah und israelischen Einheiten haben die seit Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) in einem Dornröschenschlaf liegenden staatlichen Truppen plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Zwar steht die von libanesischen Militärexperten auf 40.000 Mann bezifferte Armee bislang nur am Rande des Konflikts. Die israelischen Angriffe richten sich seit dem Wochenende jedoch vermehrt gegen militärische Infrastruktur, vor allem Radaranlagen waren das Ziel. In Beirut zerstörten israelische Raketen elektronisches Militärgerät im Leuchtturm und auf einem Hafensilo. Auch im weiter nördlich gelegenen Jounieh, in Tripoli und Abdé wurden Einrichtungen des Militärgeheimdienstes gezielt beschossen.



Lokale Kritiker werfen der libanesischen Armee vor, zu passiv auf die israelischen Angriffe zu reagieren. Bislang kamen lediglich Boden-Luft-Raketen zum Abschuss israelischer Kampfjets zum Einsatz. Überhaupt sind die staatlichen Truppen schlecht ausgestattet. Die Hubschrauber etwa lassen sich nur mit tragbaren Maschinengewehren versehen. Auch die knapp tausend seit dem Abzug israelischer Truppen im Mai 2000 im Grenzgebiet zu Israel stationierten Soldaten, die hier bislang in enger Kooperation mit der Hisbollah operierten, halten sich zurück. Finanzminister Jihad Azour wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Die libanesische Armee tut eine Menge", befinde sich aber in einer schwierigen Situation, sagte er. "Unser Ansatz ist, so schnell wie möglich einen Waffenstillstand zu erreichen."

Peter Harling, der das Libanon-Büro der International Crisis Group (ICG) leitet, hält die von Repräsentanten der Armee vorgetragene Behauptung, alles zu tun, um den Libanon vor "der israelischen Aggression" zu verteidigen, für Rhetorik. "Die Armee verteidigt nicht die Nation, sondern versucht, sich aus dem Konflikt herauszuhalten", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. "Im Grunde nimmt sie die Rolle einer Zivilschutzorganisation ein, die seit einer Woche verstärkt in den Hauptflüchtlingsgebieten aktiv ist."

Entwicklungshilfeeinheit statt Kampftruppe

Zwar ist die Rolle der Armee in den anderthalb Jahrzehnten seit Ende des Bürgerkrieges bedeutend geschrumpft. Wie in früheren lateinamerikanischen Militärdiktaturen aber erfüllt sie weiterhin an vielen Stellen soziale Funktionen und ist beteiligt an Wiederaufbaumaßnahmen, sei es im Straßen- oder Brückenbau.

Auch der israelische Angriff auf eine Armeebasis im östlich von Beirut gelegenen Jamhour traf wohl eine in solche Projekte engagierte Einheit. Von 11 toten und 40 verletzten Soldaten berichtete ein Armeesprecher, nachdem drei israelische Raketen in das Quartier einschlugen. 23 betrug die Gesamtzahl getöteter Soldaten bis Mittwochmittag. "Die Einheit kümmert sich um Entwicklungsprogramme in ländlichen Gegenden", sagte der Sprecher zur Beiruter Tageszeitung "Daily Star". "Es handelt sich dabei nicht um eine Kampftruppe, sondern um eine Entwicklungshilfeinheit."

Aufgewertet wurde die libanesische Armee im Frühjahr 2005. Nach dem Abzug der seit 1976 im Lande stationierten syrischen Einheiten wurde sie verstärkt an die Grenzen der einstigen Protektoratsmacht entsandt, um Waffenschmuggel und das Einschleusen militanter, mit Syriens Präsident Bashar Assad und der Hisbollah verbündeter Palästinenser zu verhindern. Nicht ohne Zwischenfälle: Wie im vergangenen Herbst kam es auch dieses Frühjahr zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Truppen und Kämpfern von Ahmed Dschibrils Palästinensischer Befreiungsfront - Generalkommando (PFLP-GC), bei denen ein libanesischer Soldat ums Leben kam.

"Syrien und die Hisbollah-Führung sind die Hauptgegner einer Entsendung der Armee bis an die Grenzen zu Israel", erklärt Exgeneral Nizar Abdel Kader, der nach 39 Dienstjahren nach Ende des Bürgerkrieges 1990 in Rente ging. "Und auch nach Ende des aktuellen Konflikts rechne ich nicht damit, dass staatliche Einheiten ihre Hauptstellungen nördlich des Litani-Flusses entscheidend nach Süden verlagern können", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Vormachtstellung der Hisbollah ungebrochen

Erst am Wochenende hatte Libanons Premierminister Fuad Siniora angekündigt, die Armee zur Wiederherstellung der staatlichen Souveränität in alle Teile des Landes zu entsenden. Zu Ende gedacht hieße das: ein Truppeneinmarsch auch in den Süden, wo die Hisbollah seit Jahren einen "Staat im Staat" unterhält. Das entspricht einer Forderung, die der Uno-Sicherheitsrat im September 2004 in seiner Resolution 1559 erhob. Zwar sprach Siniora in seiner "Rede an die Nation" das südlibanesische Territorium nicht direkt an und bezog sich in seiner Ansprache zudem auf einen Kabinettsbeschluss, den die beiden von der Hisbollah gestellten Minister mittrugen. Doch Abdel Kader hält ein Einrücken der Armee ohne ausdrückliche Zustimmung der Hisbollah für undenkbar. "Die Regierung ist sich des Risikos eines solchen Schrittes bewusst und nicht gewillt, deswegen interne Konflikte heraufzubeschwören."

Der internationale Druck auf die libanesische Regierung aber ist groß - und die Vormachtstellung der Hisbollah auf südlibanesischen Territorium trotz aller Zerstörungen offenbar weitgehend ungebrochen. ICG-Büroleiter Harling hält Konflikte zwischen Hisbollah-Milizen und staatlichen Soldaten deshalb für unvermeidbar, sollte die internationale Gemeinschaft Premier Siniora zu einem solchen Schritt zwingen. Angesichts des hohen schiitischen Anteils vor allem unter den niederen Rängen würde es zwangsläufig zu Loyalitätskonflikten kommen.

Ebenfalls besorgt zeigt sich Anthony Cordesman in einer vorige Woche vom Washingtoner Center for Strategic & International Studies veröffentlichten Studie mit dem Titel "Libanesische Sicherheit und die Hisbollah". So würden "die ethnischen und religiösen Spaltungen im Libanon und die Rolle, die die syrischen Besatzungstruppen gespielt hätten", die Schlagkraft der Armee noch für einige Jahre erheblich untergraben.

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