Kämpfe in Libyen Aufstand gegen das Kartell von Tripolis

Libyens Hauptstadt Tripolis erlebt die schwersten Gefechte seit Jahren. Kämpfer aus dem Umland wollen die herrschenden Milizen stürzen. Die international anerkannte Regierung wackelt.

Gefechte in Tripolis
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Gefechte in Tripolis

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Tarhuna ist ein kleiner Ort in der libyschen Wüste. Nur etwas mehr als 15.000 Menschen leben in der Kleinstadt 65 Kilometer südöstlich von Tripolis. Doch die in Tarhuna herrschende Miliz hat nun den Versuch unternommen, die Hauptstadt zu erobern.

Anfang vergangener Woche begann die sogenannte Siebte Brigade aus Tarhuna ihren Vormarsch auf die ersten Viertel der Millionenstadt. Bei den Kämpfen sind seit vergangenem Montag nach offiziellen Angaben 47 Menschen getötet und 130 weitere verletzt worden, darunter viele Zivilisten. Die Siebte Brigade hat unter anderem den internationalen Flughafen erobert, der inzwischen geschlossen wurde. Am Sonntag rief die Regierung den Ausnahmezustand aus.

Die Siebte Brigade wird von drei Brüdern angeführt. Sie haben eine "Schlacht gegen Korruption und die Diebe öffentlicher Gelder" ausgerufen. Ziel sei es, "Tripolis von den korrupten Milizen zu säubern". Dafür haben sich die Kämpfer aus Tarhuna mit Milizen aus Misurata und Zintan zusammengeschlossen. Beide Orte beherbergen nach Tripolis die größten Milizen in Westlibyen. Es ist also in vielerlei Hinsicht ein Aufstand der Peripherie gegen das Zentrum.

Tripolis wird gegenwärtig von vier großen Milizen kontrolliert. Formal hat jede von ihnen ihre Loyalität gegenüber der Einheitsregierung von Premierminister Fayez Sarraj erklärt.

Ministerpräsident Fayez Sarraj
AFP

Ministerpräsident Fayez Sarraj

Tatsächlich ist es jedoch genau umgekehrt: Die Milizen haben sich die Regierung untertan gemacht, sie treffen die eigentlichen Entscheidungen in der Hauptstadt. Sie kontrollieren Politik, Wirtschaft und Verwaltung und plündern das, was nach dem Sturz des Langzeitdiktators Muammar al-Gaddafi 2011 vom libyschen Staat übriggeblieben ist.

Ihnen unterstehen Gefängnisse und sie betreiben auch Gefangenenlager, in denen afrikanische Migranten in verheerenden Bedingungen festgehalten werden. Sie schmuggeln Menschen, Öl und Drogen. Regierungschef Sarraj, der seit 2016 in Tripolis residiert, ist vom Wohlverhalten der vier Milizen abhängig:

  • Die Spezielle Abschreckungseinheit ist formal dem Innenministerium unterstellt. Ihr Anführer ist Abdul Raouf Kara, ein ehemaliger Schmied. Bis zur vergangenen Woche beherrschten sie den Flughafen der Hauptstadt, entschieden also, wer ins Land kommt, und wer das Land verlässt. Zudem kontrollieren sie das berüchtigte Gefängnis Abu Salim, in dem Gaddafi islamistische Oppositionelle inhaftierte. Heute hat die Spezielle Abschreckungseinheit selbst rund 2600 Häftlinge in ihrer Gewalt, darunter rund 500 Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat". Unter anderem hat die Miliz frühere Guantanamo-Insassen und den Bruder des aus Libyen stammenden IS-Attentäters von Manchester in ihren Händen. Ideologisch wird Karas Truppe dem Madchalismus zugerechnet, eine Strömung innerhalb des Salafismus, die sich eher unpolitisch gibt.
  • Die Nawasi-Brigade ist für den Schutz der Regierung hauptverantwortlich. Die islamistische Miliz ist berüchtigt dafür, angebliche Homosexuelle, Trinker und Drogenkonsumenten hart zu bestrafen. In den vergangenen Jahren hat sich die Brigade mehrfach Scharmützel mit der Speziellen Abschreckungseinheit geliefert.
  • Die Revolutionären Brigaden von Tripolis waren einst die mächtigste Miliz der Hauptstadt, haben aber seit 2016 an Einfluss verloren. Formal sind auch die Revolutionären Brigaden dem Innenministerium unterstellt. Ihr Anführer ist Haitham al-Tajouri. Er gilt nicht als politischer Kopf, sondern als eine Art Mafiaboss, der sich vor allem um den Schutz seiner wirtschaftlichen Interessen sorgt.
  • Die Abu-Salim-Brigade unter dem Befehl von Abdelghani al-Kikli gilt in ähnlicher Weise als Mafiamiliz, die nicht für eine politische Ideologie sondern für wirtschaftliche Interessen kämpft.

Wolfram Lacher, Libyen-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, die auch die Bundesregierung berät, warnte bereits im Mai vor einem Milizenkartell, das sich in Tripolis herausgebildet habe. Dieses Kartell habe zwar die Sicherheitslage in der Hauptstadt erheblich verbessert, zugleich aber einen neuen Konflikt heraufbeschworen.

Europa ist abhängig von der Regierung in Tripolis

Denn die Hauptstädter-Guerillas haben die Milizen aus Misurata, Zintan und Tarhuna von den Geldquellen und den politischen Ämtern in Tripolis ausgeschlossen. Nun wollen die Kämpfer aus dem Umland dieser Entwicklung nicht länger tatenlos zusehen. Mit militärischen Mitteln versuchen sie, Einfluss in der Regierung zurückzugewinnen.

Über kurz oder lang könnte das den Fortbestand der international anerkannten Regierung gefährden. Sollten die herrschenden Milizen aus Tripolis vertrieben werden, könnte sich das Kabinett von Sarraj kaum an der Macht halten. Das wäre auch für Europa ein Problem: Denn schließlich ist Premier Sarraj der Politiker, der dafür sorgen soll, dass die Zahl der Flüchtlingsboote, die von Libyen aus in See stechen, weiter zurückgeht.

insgesamt 73 Beiträge
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troka 03.09.2018
1. Tja....
Tja, sowas kommt von sowas. Dan kann man sehr anschaulich sehen, mit welchen "fortschrittlichen revolutionären" Kräften der Westen und hier speziell die NATO eine legitime Regierung unter Gaddhafi und ein funktionierendes Staatenbildend in finsterste Kolonialzeiten zurückgebombt hat und sich einen eigenen Umschlagplatz für Flüchtlinge, Drogen, Öl und IS Nachschub aufgebaut hat. So sieht der Feldzug des Westens für Demokratisierung und Freiheit in der arabischen Welt aus. Glückwunsch!
Benjowi 03.09.2018
2. Chaotische Folgen einer fehlgeleiteten westlichen Kriegspolitik!
Und das sind also die realen Auswirkungen des "arabischen Frühlings", den die westlichen Staaten unter der Anführerschaft Frankreichs herbeigebombt haben. Ganz offensichtlich waren das Ghaddafi-Regime ähnlich wie im Irak das Saddam-Regime immer noch die besseren Lösungen. Man muss sich nachträglich noch bei den damaligen deutschen Politikern bedanken, dass unser Land zumindest aus diesen beiden schmutzigen Auseinandersetzungen weitgehend herausgehalten wurde. Außerdem sollte das eine Lehre sein, von sowas in Zukunft verstärkt die Finger weg zu halten. Also nix Militärintervention auf der halben Welt-China macht gerade in Afrika vor, wie vieles sehr viel eleganter geht.
kajosch55 03.09.2018
3. Ein weiterer grandioser Sieg der Nato!
Unter der ruhmreichen Führung des beinahe Mutterlandes des Kapitalismus hat es der Westen geschafft einen bösen Diktator in die Gosse zu bomben und einem System lupenreiner Demokraten den Weg zu bereiten. Ganz wie es für Syrien geplant ist. Es geht voran, Geschichte wird gemacht! Vorwärts immer - rückwärts nimmer!
latrodectus67 03.09.2018
4. Hexenkessel
Und dahin wollen manche Leute die Mittelmeer-boatpeople zurückschicken? Ich warte auf den ersten Politiker der vorschlägt Libyien zum "sicheren Herkunftsland" zu erklären. Aber so verrückt ist es gar nicht, hat man in Afghanistan ja schon gemacht. Und nicht vergessen, der Artikel geht um die 4 Milizen von Tripolis. Da sind noch nicht die Milizen und Clans und Lords und andere einbezogen. Und die letzten Wahlen auf die sich diese "international anerkannte Regierung" beruft hatten 18% Wahlbeteiligung. Das einzige was die internationale Öffentlichkeit in Libyien um keinen Preis und niemals zugeben will, ist dass der "humanitäre und alternativlose" Regimechange ein völliger Fehlschlag war und das heute in Libyen mehr gefoltert und gemordet wird als unter dem Dikatator zuvor. Und das man sich bloss nicht die sauberen demokratischen Finger schmutzig machen will. Seit 1945 hat es nicht einen langfristig "erfolgreichen" Regimechange durch Bomben gegeben. Aber wir haben die Welt gerettet als wie Ghadaffis Armee zerbombten damit die Rebellen siegten, die nun das Land und seine Bürger zerfleischen. Und die Menschen zahlen dafür . Indem sie ggf auf der Flucht im Mittelmeer ersaufen.
kroenc 03.09.2018
5. Auffanglager für Flüchtlinge
Und Frau Merkel und andere Politiker sind nach wie vor der Meinung, daß man dort Auffanglager einrichten kann und dorthin auch Flüchtlinge zurückschicken kann. Aus den Augen, aus dem Sinn. Was sind das für Menschen, die ernsthaft solche Pläne haben? Und gerade Frau Merkel sprach mal davon, daß das nicht mehr ihr Land sei, wenn man Menschen in Not nicht helfen würde.
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