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Flüchtlinge in Libyen: Durch die Wüste, aufs Meer, in den Tod

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Libyen: Verzweifelte Flucht aus dem Öl-Land Fotos
AFP

Libyen ist ein Paradies für Menschenschleuser - endlose Küsten, rechtsfreier Raum, ein gewaltiger Flüchtlingsmarkt. Hunderttausende warten in dem Land auf ihre Überfahrt nach Europa.

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Es ist die gefährlichste Seeroute der Welt, nirgendwo sonst sterben so viele Flüchtlinge wie auf dem Mittelmeer. Für die meisten beginnt die riskante Überfahrt an der libyschen Küste, knapp 300 Kilometer Luftlinie von der italienischen Insel Lampedusa entfernt.

Im vergangenen Jahr waren über die Hälfte aller Mittelmeerflüchtlinge in die EU von Libyen aus nach Italien gereist. Dieses Jahr könnte der Anteil noch steigen.

In einem Interview mit der italienischen Nachrichtenagentur Ansa warnte Fabrice Leggeri, Leiter der EU-Grenzkontrollagentur Frontex, schon im März vor der Eskalation: "Wir müssen bereit sein für eine schwierigere Situation als 2014. Unsere Quellen sagen uns, dass zwischen 500.000 und einer Million Menschen bereit sind, Libyen zu verlassen."

Diktator Muammar al-Gaddafi hat einen kaum funktionsfähigen Staat hinterlassen: mafiöse Netze statt Institutionen. Seit seinem Sturz herrscht in weiten Teilen des Landes Chaos, seit Sommer 2014 tobt ein neuer Bürgerkrieg. Zwei Parallel-Regierungen ringen um die Macht. Zudem versucht sich der "Islamische Staat" einzunisten. Ob und inwieweit Libyens Behörden überhaupt noch funktionieren, ist unklar.

Niemand will im Land bleiben

"Libyen ist zunehmend gesetzlos, daher wird es leichter, unentdeckt ein- und auszureisen", sagt Gerry Simpson, Flüchtlingsforscher bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

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Das Land ist für die meisten Flüchtlinge eine entscheidende Station auf einem Tausende Kilometer langen Weg. Viele werden von ihren Schmugglern für viel Geld erst durch die libysche Wüste gekarrt - und dann in kaum seetüchtige Boote gepfercht.

In Libyen sehen sie trotz der katastrophalen Bedingungen ihr Schlupfloch nach Europa. Manche kamen bereits vor Jahren als Gastarbeiter in das ölreiche Land und finden sich nun gefangen im Kriegsgebiet, ohne Aussicht auf Rückkehr in die Heimat.

Andere, vor allem Syrer, suchten zunächst in Ägypten Schutz vor den Bürgerkriegen in ihrem Land. Doch nach dem Machtwechsel in Kairo 2013 ist die Situation für sie dort schwieriger geworden. Nun hoffen sie, nach Europa zu kommen. In Sicherheit.

Wenig verleitet die Flüchtlinge und Arbeitsmigranten dazu, in Libyen zu bleiben. "Es gibt kein Flüchtlingsgesetz oder -verfahren, die Sicherheitslage ist schlecht und ständig droht Gefahr, verhaftet und misshandelt zu werden. Das bedeutet, dass Asylsuchende Libyen schlicht verlassen", sagt Simpson.

Für Human Rights Watch besuchte Simpson vor einem Jahr libysche Gefängnisse, in denen Einwanderer festgehalten wurden: Fast alle Häftlinge berichteten von Misshandlungen. Sie wurden von ihren Wächtern mit glühenden Zigaretten und Peitschen malträtiert. Von ähnlichen Verstößen berichtet auch die Uno.

Die Hälfte der Flüchtlinge kommt aus Kriegsgebieten

Neue Zahlen der Uno-Flüchtlingsagentur UNHCR zeigen: 48 Prozent aller Bootsflüchtlinge, die in den ersten drei Monaten 2015 in Italien, Griechenland und Malta ankamen, stammten aus Syrien, Eritrea, Somalia und Afghanistan - vier Ländern, in denen seit Jahren Krieg herrscht.

Seit Jahren haben viele dieser Menschen an den verschiedensten Orten Schutz gesucht, sind von einem Land zum nächsten gezogen. Nun sehen sie in der gefährlichsten Überfahrt der Welt ihre beste noch verbliebene Option. Für dieses Risiko sind sie sogar bereit, rund 2000 Euro zu bezahlen, so viel verlangen Schmuggler für die Fahrt.

Menschenrechtler Gerry Simpson schildert die verzweifelte Lage der Boat People: "Die Hälfte der Menschen, die in Libyen in Boote steigen, kommen aus Ländern, die riesige Zahlen an Flüchtlingen hervorbringen." Ihnen bleibe kaum eine Wahl, so Simpson: "Die EU versperrt ihnen den Weg an ihrer Ostgrenze und sie gibt ihnen keine anderen, weniger gefährlichen Optionen, in die EU zu kommen. Sie haben keine andere Möglichkeit, als sich an Schmuggler zu wenden."


Zusammengefasst: Seit dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes gibt es in Libyen keine Führung mehr. Schleuser können dort fast ungehindert operieren. Fast täglich setzen sie Flüchtlinge in Boote mit dem Ziel Europa. Menschenrechtler beklagen die Zustände im Land - und gehen davon aus, dass bis zu eine Million Menschen auf ihre Überfahrt warten könnten.

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Die wichtigsten Flüchtlingsrouten über das Mittelmeer

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