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Libyen: Die flüchtige Macht der Rebellen

Von , Bengasi

Sie wollen die Macht in Libyen übernehmen - doch die Regierung der Rebellen in Bengasi ist ein flüchtiges Gremium: Der Chef hält sich versteckt, gemeinsame Treffen gibt es nicht, selbst viele Namen sind geheim. Im Interview erklärt der Generalsekretär, wie seine Leute die Zukunft des Landes organisieren wollen.  

Libyen-Militärschläge: Bomben auf Tripolis und Bengasi Fotos
DPA

Die neue Regierung der Rebellen, der Nationale Übergangsrat, soll aus 31 Mitgliedern bestehen, davon sind nur 13 bekannt. In Gänze miteinander beraten haben sie noch nie. Auf den Vorsitzenden des Rates, Mustafa Abdul Dschalil, haben Gaddafis Schergen ein Kopfgeld ausgesetzt.

Seit Tagen versuchen Journalisten in Bengasi jemanden zu finden, der erzählen kann, was eigentlich los ist, wer die Stadt unter Kontrolle bringen soll und wer für die Bodentruppen an der Front zuständig ist. Telefonisch ist keiner zu erreichen, E-Mails werden nicht mehr beantwortet. Im Gerichtsgebäude, in dem bisher wenigstens einige selbsternannte Pressesprecher herumliefen, sieht man keinen Verantwortlichen mehr.

Aber ein anderes zweistöckiges Gebäude direkt am Meer sieht vielversprechend aus. Frischgestrichene gelbe Fassade, großer Garten, sechs Männer mit Maschinengewehren stehen im Hof, das schmiedeeiserne Tor ist abgeschlossen. Ein Schild ist nicht an der Tür. Um ein ehemaliges Konsulat soll es sich handeln, sagen Nachbarn. Ist das der bisher unbekannte Sitz der Nationalen Übergangsregierung?

Im ersten Stock: Große lederbezogene Stühle, ein großes Fenster mit Blick aufs Meer, eine Fahne des neuen Libyens. Goldene Füllfederhalter und ein silberner Kampfjet auf dem Schreibtisch. Es wird Kaffee in kleinen, goldenen Porzellantassen gereicht. Boten kommen herein, mit Papieren, die unterschrieben werden müssen. Vor dem Schreibtisch sitzt Ahmed al-Senussi im Nadelstreifenanzug.

Hinter dem Schreibtisch sitzt ein vielbeschäftigter Mann, der vor allem telefoniert. Es ist Abdul Karim Basama. Acht Jahre war er im Gefängnis, fünf Jahre in Einzelhaft. Vor einem Jahr kam er frei, sagt er. Er war der Verschwörung angeklagt gegen die Regierung. Jetzt ist er Generalsekretär des Nationalen Übergangsrates und der erste selbsternannte Beamte, den man in der Stadt tatsächlich arbeiten sieht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Basama, wo sind wir hier?

Basama: Dieses Gebäude ist der Sitz des Nationalen Übergangsrates. Von hier aus bauen wir unsere neue Regierung auf. Aus dem Nichts. 42 Jahre der Diktatur und die Revolution haben keine funktionierende Verwaltung übriggelassen. Wir müssen uns um alles kümmern, Strom, Wasser, Banken, Sicherheit. Wir versuchen unser Bestes. Als Generalsekretär koordiniere ich die Zusammenarbeit des Rates. Aber als Gaddafis Truppen abgezogen sind, haben sie ein Kraftwerk zerstört und Wasserleitungen, darum muss ich mich auch kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Wir versuchen seit drei Tagen irgendjemanden aus dem Rat in der Stadt zu erreichen. Wo sind denn alle?

Basama: Ich bin hier. Abdul Hakim Ghoga, unser Sprecher, und Ahmed al-Senussi sind auch hier. Senussi ist Mitglied des Rates, er war zuständig für politische Gefangene, ist jetzt aber eine Art Innenminister. Viele des Rates sind in den Green Mountains (Berge östlich von Bengasi, Anm. d. Red.). Und Mustafa Abdul Dschalil, der Kopf des Rates, ist gerade in Tobruk.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind denn viele Mitglieder des Übergangsrats in den Green Mountains, ist das ein sicherer Ort?

Basama: Könnte man sagen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Situation in der Stadt gefährlich?

Basama: Nein, die Situation ist sicher. Vor zwei Tagen gab es die Invasion der Gaddafi-Truppen. Sie haben die Vororte erreicht. Aber unser Widerstand hat sie aufgehalten, und die sehr präzisen Luftschläge der Franzosen. Sie haben uns vorher kontaktiert, damit es keine zivilen Opfer gibt. Sie haben einen perfekten Job gemacht, wir sind ihnen sehr dankbar. Fast 59 Panzer und 57 gepanzerte Fahrzeuge wurden zerstört. Es hätte sonst ein Massaker gegeben. Ich hoffe, dass die Amerikaner jetzt in Misurata eingreifen. Dort wird die zivile Bevölkerung mit Panzern und schwerer Artillerie beschossen. Die Leute dort fragen nach Hilfe. Die Amerikaner müssen dort mit Luftschlägen eingreifen. Das ist die einzige Methode, wie man mit diesem Verrückten umgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist von Ihrer Seite aus in Kontakt mit der französischen, britischen oder amerikanischen Armeeführung?

Basama: Das ist General Abd al-Fattah Junis, der Chief of Staff (Generalstabschef, Anm. d. Red. ). Er ist vom Nationalen Übergangsrat dazu ernannt worden, er ist aber kein Mitglied des Rates.

SPIEGEL ONLINE: Es gab Gerüchte, dass Abd al-Fattah Junis, lange Jahre die rechte Hand Gaddafis, wieder die Seiten gewechselt hat und von Gaddafi reaktiviert wurde, stimmt das?

Basama: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Galt Omar Hariri nicht lange als Anführer der Armee?

Basama: Omar Hariri ist Mitglied des Übergangrats. Er ist eine Art Verteidigungsminister und Abd al-Fattah Junis überstellt. Aber wir benutzen solche Titel wie Verteidigungsminister nicht. Auch Ahmed al-Senussi hier neben mir ist Mitglied des Rates, er soll sich um die Sicherheit und all das kümmern, so wie ein Innenminister. Aber es gibt keine Titel, der Rat ernennt Leute, die sich um etwas kümmern. Ali al-Issawi zum Beispiel ist für auswärtige Angelegenheiten zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Straße zwischen Bengasi und Adschdabija war am Montag auch Chalifa Belkasim Haftar unterwegs. Der alte General Gaddafis, der aus den USA zurückgekehrt ist, scheint zur Zeit eine sehr populäre Figur in der Armee zu sein. Ist er verantwortlich für die Bodentruppen? Soll er den Krieg gegen Tripolis gewinnen?

Basama: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kommunizieren Sie untereinander, wenn auf Ihren Vorsitzenden ein Kopfgeld ausgesetzt ist?

Basama: Wir telefonieren viel und wir haben uns in der letzten Woche getroffen. Ein Treffen vorgestern wurde abgesagt, wegen der angespannten Sicherheitslage. Und am Dienstag gab es ein Treffen in Tobruk.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich alle Mitglieder in Tobruk getroffen?

Basama: Nein, nur einige.

SPIEGEL ONLINE: Wen denn?

Basama: Ich glaube, Fatih Elbaaja in Tobruk und natürlich den Vorsitzenden, Mustafa Abdul Dschalil und unseren Uno-Gesandten.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist alles Mitglied des Rates?

Basama: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Basama: Aus Sicherheitsgründen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Polizei in der Stadt?

Basama: Nein, nur Verkehrspolizisten.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die alte, reguläre Polizei? Sie haben sich doch offiziell der Revolution angeschlossen. Wollen die nicht wieder arbeiten?

Basama: Ja, sie wollen wieder arbeiten. Sie fragen aber nach einigen Garantien.

SPIEGEL ONLINE: Was für Garantien?

Basama: Sicherheitsgarantien. Sie haben Angst vor den Rebellen. Wenn die militärische Situation sich verbessert, können wir das machen. Die Priorität liegt an der Front. Ich glaube, die Sicherheit in der Stadt ist aber ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen viele in der Stadt nicht so. Es gibt jede Nacht Schießereien. In der Nacht auf Montag bekämpften sich zwei Gruppen vor dem Al-Noran-Hotel, in dem viele Journalisten leben.

Basama: Ja, solche Probleme gibt es. Die Leute feiern. Es sind Freudenschüsse.

SPIEGEL ONLINE: Nein, die haben sich gegenseitig beschossen. Zwischen dem Al-Wahad-Hotel und dem Al-Noran-Hotel musste sich eine Gruppe von Journalisten in Deckung bringen, weil auf sie gefeuert wurde. Zur selben Zeit bekämpften sich eine Gruppe von Rebellen und Gaddafi-Anhänger. Eine Flak war da, wir hörten Bomben, die losgingen.

Basama: Das sind Leute des alten Gaddafi-Regimes. Wenn die sich weigern, gefangengenommen zu werden, gibt es solche Kämpfe.

SPIEGEL ONLINE: Die Ligan Thauria, die alten Revolutionskomitees Gaddafis?

Basama: Ja, die Ligan Thauria.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie darüber sagen?

Basama: Einige der Ligan Thauria haben unter Gaddafi gefoltert oder getötet. Wenn einer jetzt erwischt wird, dann erzählen sich die jungen Revolutionäre davon und schnappen sich ihn. Wir versuchen, das zu kontrollieren so schnell es geht, um sie ins Gericht zu schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wo werden sie gefangengehalten?

Basama: Verschieden Plätze, sichere Plätze. Es gibt Unfälle, wenn sie entdeckt werden. Sie wissen, wie das ist, wenn es zum Handgemenge kommt hier. Es ist schwierig, die Leute zu kontrollieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden getötet?

Basama: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele von der Ligan Thauria gibt es?

Basama: Es gibt keine genaue Zahl.

SPIEGEL ONLINE: Und ungefähr? Dutzende oder Tausende?

Basama: Weniger als einhundert.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass eine Liste publiziert wurde mit allen Namen der Ligan Thauria, eine Tötungsliste mit 7200 Leuten?

Basama: Es gibt viele Listen, wissen Sie.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Listen öffentlich oder geheim?

Basama: Nein, ehrlich gesagt, hat der Übergangsrat wenig damit zu tun. Diese jungen Leute von der Revolution machen ihre eigenen Entscheidungen. Wir können nur versuchen, das zu koordinieren. Einige Anwälte im Gericht versuchen auch, dass keiner ohne legales Prozedere gefangengenommen wird. Aber im Kriegsfall ist das schwierig zu kontrollieren.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit diesen Gefangenen sprechen?

Schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Also kann man nicht mit ihnen sprechen.

Basama: Es gibt die Möglichkeit, aber... Entschuldigen Sie, ich bin in zehn Minuten wieder da.

SPIEGEL ONLINE: Okay.

Er kommt nicht wieder.

Das Interview führte Jonathan Stock

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insgesamt 131 Beiträge
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    Seite 1    
1. mit sicherheit
klugdoris 22.03.2011
sind es von den USA finanzierte und ausgebildete Leute. Wenn diese Rebellen tatsächlich später Libyen regieren sollten, dann wird das Öl den USA gehören. Und dann lässt sich die Frage "Wer profitiert?" -ganz leicht beantworten. Wetten?
2. Ich bin Froh darüber,
tobiasflasig 22.03.2011
dass der Westen den Job des Schlägertrupps für eine solch grossartige, erleuchtete und stolze Regierung übernehmen darf !
3. Sehr interessant
olaf_koehler 22.03.2011
diese Aussagen Wo werden sie gefangen gehalten? Basama: Verschieden Plätze, sichere Plätze. Es gibt Unfälle, wenn sie entdeckt werden. Sie wissen, wie das ist, wenn es zum Handgemenge kommt hier. Es ist schwierig, die Leute zu kontrollieren. SPIEGEL ONLINE: Sie werden getötet? Basama: Ja. SPIEGEL ONLINE: Wieviele von der Ligan Thauria gibt es? Basama: Es gibt keine genaue Zahl. SPIEGEL ONLINE: Und ungefähr? Dutzende oder Tausende? Basama: Weniger als einhundert. SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass eine Liste publiziert wurde mit allen Namen der Ligan Thauria, eine Tötungsliste mit 7200 Leuten? Basama: Es gibt viele Listen, wissen Sie. Ich bin mal gespannt ob die UNO auch eingreift wenn die Rebellen diese Listen "abarbeiten". Nach meiner Meinung müssen nach Lybien Blauhelme, und zwar bewaffnet, um die beiden Parteien auseinander zu halten und Verhandlungen zu ermöglichen. Alles andere wird in einem Blutbad enden, egal welche Seite gewinnt...
4. kein Titel
Raproboter 22.03.2011
Ich sehe Libyen schon im Chaos versinken... Die Frage ist jetzt nur noch ob wir Westliche (Boden-)Truppen darin involviert sehen wollen/ müssen/ können. Aber sehr aufschlussreiches Interview/ Artikel, vielen Dank!
5. -
Willie, 22.03.2011
Zitat von klugdorissind es von den USA finanzierte und ausgebildete Leute. Wenn diese Rebellen tatsächlich später Libyen regieren sollten, dann wird das Öl den USA gehören. Und dann lässt sich die Frage "Wer profitiert?" -ganz leicht beantworten. Wetten?
Erst mal eine Frage: Wem gehoert denn das Oel im Irak?
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Fotostrecke
Angriff der Alliierten: Gaddafis Regime unter Feuer

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Libyen-Krieg: Luftschläge gegen den Despoten
Resolution 1973
Was erlaubt die Resolution?
Das Papier geht deutlich über das zunächst angestrebte Flugverbot hinaus. Jetzt können auch Luftschläge gegen die Truppen von Diktator Gaddafi geführt werden. Seine Luftwaffe könnte so schon am Boden zerstört werden. Auch Angriffe auf Gefechtsfahrzeuge und Stellungen sind möglich, ebenso auf die Söldner-Kolonnen, die ständig unterwegs sein sollen. Vom Meer aus könnten Kreuzer oder U-Boote Marschflugkörper abfeuern.
Was erlaubt die Resolution nicht?
Definitiv ausgeschlossen ist der Einsatz "einer Besatzungstruppe in jeder Form und in jedem Teil der Republik Libyen". Bodentruppen wird es also nicht geben. Und: Jedes militärische Eingreifen muss dem Schutz von Zivilisten dienen.
Wer darf handeln?
Am Beginn des Einsatzes standen Einsätze von Nato-Flugzeugen aus Frankreich, Großbritannien und Kanada. Sie starteten zur Luftüberwachung. Weitere Staaten haben angekündigt, sich zu beteiligen - unter anderem die USA. In Abstimmung mit der Uno darf aber jedes der 192 Mitgliedsländer handeln, auch allein. Insbesondere die arabischen Nachbarn Libyens sollen miteinbezogen werden.
Sieht die Resolution ausschließlich militärische Schritte vor?
Nein, das ist der kürzeste, wenn auch stärkste Teil von Resolution 1973. Das Papier verschärft auch die Kontrollen des Waffenembargos und verbietet die Versorgung der ausländischen Söldner in Libyen. Zudem sieht es Reisebeschränkungen für die libysche Nomenklatur vor, deren ausländische Konten zudem eingefroren wurden.
Gibt es stärkere Instrumente? Wie sind die Erfolgsaussichten?
Die Autorisierung zu militärischer Gewalt ist die stärkste Waffe des Sicherheitsrates. Die Erfolgsaussichten sind recht hoch - wie die umgehend angekündigte Waffenruhe aus Tripolis zeigte. In der Vergangenheit haben sich solche Resolutionen, etwa in Korea, dem Irak oder Ex-Jugoslawien, oft als wirkungsvoll erwiesen - meist aber erst, nachdem die angedrohte militärische Gewalt auch eingesetzt wurde.


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