Zeremonie in Tripolis Libyen feiert neue Macht des Parlaments

In Libyen hat erstmals nach rund 40 Jahren ein frei gewähltes Parlament das Sagen: Knapp ein Jahr nach dem Sturz von Diktator Gaddafi übernimmt die Nationalversammlung die Macht. Ein wichtiger Schritt zur Demokratie, doch der Friede im Land ist brüchig.


Tripolis - In den Straßen von Tripolis feierten die Menschen, ein Feuerwerk erleuchtete schließlich den Himmel über der libyschen Hauptstadt: Fast ein Jahr nach dem Sturz von Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi hat in dem nordafrikanischen Land das neue, demokratisch gewählte Parlament die Macht übernommen.

Die feierliche Zeremonie in der Nacht zum Donnerstag in einem Kongresszentrum der Hauptstadt galt als symbolische Zäsur auf Libyens Weg zu demokratischen Verhältnissen. In Tripolis galten in der Nacht stärkste Sicherheitsvorkehrungen.

Der Nationale Übergangsrat übergab nach einer Schweigeminute für die Opfer des blutigen Aufstands gegen Gaddafi die formelle Macht im Land an den im Vormonat gewählten Nationalkongress. Mustafa Abdel Dschalil, Vorsitzender des Übergangsrats, sprach von einem historischen Augenblick. "Wir schließen damit ein Kapitel der Diktatur und schlagen eine neue Seite im Aufbau des Staates Libyen auf", sagte er. Anschließend übergab er dem ältesten Abgeordneten des neuen Parlaments, Mohammed Ali Salim, eine libysche Flagge. "Wir schwören, dass wir die Ziele erreichen werden, für die die Libyer ihr Leben geopfert haben", sagte Salim.

Jubelstunde in Tripolis: Die Menschen feiern die Machtübergabe ans Parlament
REUTERS

Jubelstunde in Tripolis: Die Menschen feiern die Machtübergabe ans Parlament

In seiner Rede räumte Dschalil ein, dass es dem Übergangsrat "in einer schwierigen Zeit" nicht gelungen sei, landesweit für Stabilität zu sorgen. Er bot dem Parlament die Hilfe seines Rats an, um gemeinsam mit den Abgeordneten den Staat Libyen aufzubauen.

Im Parlament sitzen Islamisten, Liberale, Unabhängige

In der Nationalversammlung gibt es drei große Blöcke: Islamisten, darunter die Muslimische Bruderschaft und ultrakonservative Salafisten, Liberale und Gemäßigte unter Führung von Mahmud Dschibril, der während des Aufstands Ministerpräsident war, sowie Unabhängige.

Wegen des Fastenmonats Ramadan hatten die Feierlichkeiten, an denen sich auch ausländische Diplomaten und Delegierte arabischer Staaten beteiligten, erst am späten Mittwochabend begonnen.

Der Übergangsrat war noch während des Volksaufstands gegründet worden, der im Februar 2011 begann und nach sechs Monaten die Gaddafi-Herrschaft beendete.

Der neue 200-köpfige Kongress war am 7. Juli gewählt worden. 120 Mandate gingen an Einzelkandidaten ohne klare politische Zuordnung. 80 Sitze wurden unter den Parteien verteilt. Stärkste Fraktion wurde die reformorientierte Gruppierung des Technokraten und Regierungschefs der Aufstandszeit, Mahmud Dschibril.

Der Nationalkongress soll eine Regierung bestimmen, die Wahl einer verfassunggebenden Versammlung vorbereiten und ein Referendum über die künftige Verfassung abhalten. Auf deren Grundlage soll dann ein neues Parlament gewählt werden.

hen/dpa/dapd



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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Jan B. 09.08.2012
1. ...
Zitat von sysopAFPIn Libyen hat erstmals nach rund 40 Jahren ein frei gewähltes Parlament das Sagen: Knapp ein Jahr nach dem Sturz von Diktator Gaddafi übernimmt die Nationalversammlung die Macht. Ein wichtiger Schritt zur Demokratie, doch der Friede im Land ist brüchig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849029,00.html
Es würde mich eher wundern, wenn der Frieden äußerlich nicht brüchig wäre. Ich empfinde diese ganze Erwartungshaltung des Westens an die nordafrikanischen Revolutionsstaaten als ziemlich unrealistisch. Nach Jahrzehnten der Diktatur wundern wir uns, warum nicht nach weniger als einem Jahr lupenreine Demokratien entstehen. Darf ich daran erinnern, wie es Frankreich nach der Revolution Ende des 18 Jahrhunderts erging? Oder was war mit Deutschland nach dem Ende des Kaiserreichs? Von Russland möchte ich gar nicht erst sprechen. Es ist nach derartigen Umstürzen sehr oft der Fall, dass auch radikale Gruppen in die geschicke des Landes eingreifen. Man sollte Libyen einfach eine Chance geben und nicht gleich wieder die bösen Dschihadisten an die Wand malen, nur weil mal irgendjemand nach der Sharia gerufen hat.
jujo 09.08.2012
2. ....
Zitat von sysopAFPIn Libyen hat erstmals nach rund 40 Jahren ein frei gewähltes Parlament das Sagen: Knapp ein Jahr nach dem Sturz von Diktator Gaddafi übernimmt die Nationalversammlung die Macht. Ein wichtiger Schritt zur Demokratie, doch der Friede im Land ist brüchig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849029,00.html
Ich hoffe das die Demokratisierung in Lybien und auch Ägypten gelingt, damit die Menschen in den anderen Ländern hoffen können, das ihr Einsatz und der immense Blutzoll zu einem guten Ende führt. Ich persönlich hatte kein Zutrauen zu den Rvolutionären, es währe toll, müsste ich meine Meinung revidieren! Die Hoffnung stirbt zuletzt!
longjohnblues 09.08.2012
3. "Regierungschefs der Aufstandszeit, Mahmud Dschibril"
Zitat von sysopAFPIn Libyen hat erstmals nach rund 40 Jahren ein frei gewähltes Parlament das Sagen: Knapp ein Jahr nach dem Sturz von Diktator Gaddafi übernimmt die Nationalversammlung die Macht. Ein wichtiger Schritt zur Demokratie, doch der Friede im Land ist brüchig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849029,00.html
darf ich mal nachfragen: reformorientierter Regierungschef von was? Von Gaddafi oder von den Aufständischen?
hs321 09.08.2012
4. Free at last!
Ich freue mich sehr für das lybische Volk! Ihr habt es so verdient es doch geschafft zu haben, nicht wegen der Embargo-Lügen eines Herrn Westerwelle, sondern weil ihr nicht so feige wie er, sondern tapfer für eure Freiheit so gekämpft habt! Ich wünsche euch alles Gute auf dem unbekannten Weg der vor euch steht! Und ja, es stört mich kein bisschen in Zukunft als Strafe für unsere verspätete Anerkennung eures Übergangsrates etwas mehr an der Tanke zahlen zu müssen für Öllieferungen aus Libyen. Das ist nunmal der gerechte Preis den Deutschland zahlen sollte wenn es sich so verhält wie ein Unterdrückerregime in Asien die Gadaffi bis zum Ende die Hand gehalten haben.
vollautovolker 09.08.2012
5.
Zitat von hs321Ich freue mich sehr für das lybische Volk! Ihr habt es so verdient es doch geschafft zu haben, nicht wegen der Embargo-Lügen eines Herrn Westerwelle, sondern weil ihr nicht so feige wie er, sondern tapfer für eure Freiheit so gekämpft habt! Ich wünsche euch alles Gute auf dem unbekannten Weg der vor euch steht! Und ja, es stört mich kein bisschen in Zukunft als Strafe für unsere verspätete Anerkennung eures Übergangsrates etwas mehr an der Tanke zahlen zu müssen für Öllieferungen aus Libyen. Das ist nunmal der gerechte Preis den Deutschland zahlen sollte wenn es sich so verhält wie ein Unterdrückerregime in Asien die Gadaffi bis zum Ende die Hand gehalten haben.
Finden sie? Ich bin nicht bereit auch nur 1cent mehr zu bezahlen. Im Gegenteil, die sollen lieber aufpassen das sie nicht erneut in ungnade des Westens fallen, Anflugrouten hat die Nato ja jetzt!
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