Libyen Frankreich will Gaddafi Atomreaktor liefern

Muammar al-Gaddafi ist wieder wer: Einen Tag nach der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern haben der libysche Führer und Frankreichs Staatschef Sarkozy weitreichende Absichtserklärungen unterzeichnet - zur Atomenergie, Rüstung und Bildung. Andere Politiker stehen schon Schlange.


Tripolis - Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Libyens Regierungschef Muammar al-Gaddafi bekundeten nach ihrer Begegnung in Tripolis die Absicht, bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie zusammenzuarbeiten. Der Atomreaktor, den Frankreich an Libyen liefern will, soll der Wasserentsalzung dienen, um Trinkwasser zu gewinnen. Es sei ein "Vorhaben", betonte Claude Guéant, Generalsekretär des Elysée-Palastes. Zunächst müsse dessen "Machbarkeit" geprüft werden.

Einem französischen Regierungssprecher zufolge unterzeichneten die Außenminister beider Länder zudem eine Vereinbarung über eine Rüstungszusammenarbeit. Auch von einem Abkommen über eine Bildungs- und Forschungskooperation war die Rede.

Sarkozy traf in Tripolis Staatschef Muammar al-Gaddafi nur einen Tag nach dem Ende der diplomatischen Krise um die jahrelang in Libyen festgehaltenen bulgarischen Krankenschwestern. Ziel der Reise ist eine Vertiefung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Erdöl-Förderland. Sarkozy hat angekündigt, Libyen bei der Rückkehr in das "Konzert der Nationen" helfen zu wollen. "Ich bin glücklich, in Ihrem Land zu sein, um über die Zukunft zu sprechen", schrieb er in das Gästebuch in Gaddafis Residenz.

Auch US-Außenministerin Condoleezza Rice will bald nach Libyen reisen. Nach der Lösung des Streits um die verurteilten Krankenschwestern hoffe sie auf einen baldigen Besuch in Tripolis. Ein Datum nannte sie nicht. Als Zeichen für die verbesserten Beziehungen wies sie auf die kürzliche Ernennung eines US-Botschafters in Tripolis hin. Rice ergänzte, US-Unternehmen seien sehr an einem Engagement in Libyen interessiert. Die britische Regierung kündigte bereits für nächsten Mittwoch eine Libyen-Reise von Außenstaatssekretär Kim Howells an.

Der bulgarische Ministerpräsident Sergej Stanischew erklärte, Sofia werde Tripolis möglicherweise Schulden in Höhe von rund 39 Millionen Euro erlassen. Dies solle aber nicht als Lösegeldzahlung für die fünf freigelassenen Krankenschwestern und den Arzt, sondern als humanitäre Hilfe verstanden werden, betonte er.

Libyen protestiert gegen Begnadigung

Die Regierung in Tripolis protestierte gegen die Begnadigung der in Libyen ursprünglich zum Tode verurteilten Krankenschwestern und eines Arztes durch Bulgarien. Aus diesem Grund sei der Erste Sekretär der bulgarischen Botschaft in der libyschen Hauptstadt einbestellt worden, hieß es in offiziellen Kreisen in Tripolis.

Die libyschen Familien der infizierten Kinder haben von ihrer Regierung inzwischen den Abbruch der Beziehungen zu Bulgarien verlangt. Alle Bulgaren müssten abgeschoben werden, hieß es außerdem in ihrer heutigen Erklärung. Die bulgarischen Krankenhausmitarbeiter sollten umgehend wieder verhaftet werden. Die Begnadigung "bestätigt die Äußerungen von Osama Bin Laden, dass der Westen muslimisches Blut verachtet".

Die fünf Krankenschwestern und ein Arzt waren in Libyen schuldig gesprochen worden, Hunderte Kinder mit dem HI-Virus vorsätzlich infiziert zu haben. Sie wurden nach acht Jahren in libyscher Haft am Dienstag nach Sofia gebracht und anschließend begnadigt.

esp/AFP/Reuters/AP



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