Exekutionen in Sirte Die blutige Rache der Gaddafi-Gegner

Libysche Milizionäre sollen Dutzende Gaddafi-Getreue nach ihrer Festnahme kaltblütig hingerichtet haben. Das geht aus einem Bericht von Human Rights Watch hervor. Die Regierung in Tripolis unternehme nichts, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen, kritisiert die Menschenrechtsorganisation.

Abflussrohr in Sirte: Endstation von Gaddafis Flucht
REUTERS

Abflussrohr in Sirte: Endstation von Gaddafis Flucht


Tripolis - Die Bilder gingen um die Welt: Wackelige Handy-Aufnahmen zeigen einen verletzten Mann, der sich kaum auf den Beinen halten kann und von einer tobenden Menge umringt, beschimpft und bespuckt wird. Der Mann ist Muammar al-Gaddafi, der Libyen 42 Jahre lang als Diktator regierte. Doch trotz der Videobilder: Die genauen Umstände seines Todes, der sich an diesem Samstag zu ersten Mal jährt, liegen noch immer im Dunkeln.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat nun in einem Bericht die Ereignisse rund um den 20. Oktober 2011 in der Küstenstadt Sirte untersucht. Darin macht HRW den Rebellen schwere Vorwürfe. Sie sollen mehrere Begleiter Gaddafis gefangengenommen und anschließend kaltblütig hingerichtet haben. Die Menschenrechtler belegen dies mit Videoaufnahmen, die mehrere Männer nach ihrer Festnahme zeigen. Sie leben. Tage später fanden HRW-Mitarbeiter sechs dieser Personen tot im Mahari-Hotel in Sirte. Die Menschenrechtler konnten fünf Tote namentlich identifizieren.

Insgesamt sollen die Rebellen zwischen 53 und 66 Männer nach ihrer Festnahme umgebracht haben. Die Ermittler fanden auf dem Hotelgelände keine Spuren von Kampfhandlungen - stattdessen verwesende Leichen, Blutlachen auf dem Rasen und jede Menge Graffiti, die Milizionäre aus der Stadt Misurata an den Wänden hinterlassen hatten. "Diese Tötungen stellen den schwersten dokumentierten Fall von Massenhinrichtungen durch Anti-Gaddafi-Kämpfer während der achtmonatigen Rebellion dar", heißt es in dem Bericht. "Die Exekution von Gefangenen ist ein Kriegsverbrechen." Die libyschen Behörden hätten trotz aller Versprechungen bislang keine ernsthaften Schritte unternommen, um die Verantwortlichen für diese Rachetat zur Rechenschaft zu ziehen, kritisiert HRW.

Die Flucht endete im Abflussrohr

Die Männer seien den Rebellen am 20. Oktober vergangenen Jahres in die Hände gefallen, nachdem der Gaddafi-Tross vergeblich versucht hatte, mit einem schwer bewaffneten Konvoi aus dem belagerten Sirte zu entkommen. Der Fluchtversuch sei jedoch gescheitert, nachdem Rebellen und Nato-Kampfjets die Gruppe von etwa 50 Fahrzeugen unter Feuer nahmen. Mitarbeiter von Human Rights Watch fanden einen Tag später die Leichen von 53 Menschen vor, die offenbar direkt bei diesem Angriff ums Leben kamen.

Ein kleiner Kreis um Gaddafi und seinen Sohn Mutassim überlebte diese Attacke jedoch und floh nach übereinstimmenden Zeugenaussagen zunächst in eine nahegelegene Villa. Schließlich hätte die Gruppe verzweifelt versucht, durch zwei Abwasserrohre zu flüchten. Die Rebellen spürten Gaddafi und seine Getreuen jedoch rasch auf. Einer seiner Bodyguards soll versucht haben, eine Handgranate auf die Angreifer zu werfen, die aber vom Rand des Abwasserrohres zurückprallte und Gaddafi am Kopf verwundete. Kurz darauf endete die Flucht des gestürzten Diktators.

Auch Human Rights Watch kann die genaue Ursache für Gaddafis Tod letztlich nicht benennen. Fest steht, dass der Verletzte nach seiner Gefangennahme beschimpft und mit einem spitzen Gegenstand im Analbereich misshandelt wurde. Als ihn die Rebellen zu einem Krankenwagen ins zwei Stunden entfernte Misurata abtransportieren, wirkt der 69-Jährige bereits leblos. Für Behauptungen einzelner Milizionäre, Gaddafi sei im Streit erschossen worden, fanden die Menschenrechtler keine Hinweise.

syd



insgesamt 39 Beiträge
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Ottokar 17.10.2012
1. Dann warten wir
mal ab wie die Berichte aus Syrien aussehen werden.
ratxi 17.10.2012
2. Aha.
Zitat von sysopREUTERSLibysche Milizionäre sollen Dutzende Gaddafi-Getreue nach ihrer Festnahme kaltblütig hingerichtet haben. Das geht aus einem Bericht von Human Rights Watch hervor. Die Regierung in Tripolis unternehme nichts, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen, kritisiert die Menschenrechtsorganisation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/libyen-in-sirte-toeteten-rebellen-gaddafi-anhaenger-nach-der-festnahme-a-861650.html
Auch HRW weiss also nichts genaues über die Todesumstände. Weiss aber, dass die Regierung nichts unternimmt. Na, immerhin.
justus999 17.10.2012
3. Mein Mitleid hält sich in Grenzen
Es ist doch recht einfach aus der Ferne und nach langer Zeit festzustellen, dass ein übler Diktator am Ende übel massakriert wurde. Man muss allerdings auch vor Augen haben, dass dieser Diktator wirklich genügend Möglichkeiten hatte, dieses Schicksal abzuwenden. Bisher ist es auch noch nicht gelungen einen Massenmörder aus dem Amt zu "diskutieren". Ja, es waren entwürdigende Bilder, aber dieser Mensch hatte Tausende anderer Menschen viel schrecklicher behandelt. Dieses Ende hatte er verdient!
paulesfreunde 17.10.2012
4. Solche Bilder
wird sich Assad zu Herzen nehmen. Was ist eigentlich aus dem in der Felsenenklave eingesperrten Sohn geworden? Vergewaltigt und verstuemmelt? Dann aber wenigstens im Namen der Freiheit...
robert.haube 17.10.2012
5. Rache an Gaddafi-Fängern
Die endlose Geschichte von Rache und Vergeltung setzt sich fort. Wie verschiedene Nachrichtenagenturen gemeldet hatten, ist Ursache der aktuellen Belagerung der Warfallah-Hochburg Bani Walid durch Milizen von Misurata die Gefangennahme und anschließende Folter eines Misurati. Dieser war an der Gefangennahme Gaddafis beteiligt und wurde vor einigen Monaten von Warfalli geschnappt. Schwer verletzt freigelassen und nach Paris transportiert, verstarb er bekanntlich vor einigen Wochen dort in einem Hospital.
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