Flüchtlingsgefängnisse in Libyen "Keiner weiß, wie viele sterben"

Tausende Menschen landen in Libyens Gefängnissen, als Folge einer EU-Initiative zum Stopp von Flüchtlingen. Eine irische Journalistin steht mit ihnen in Kontakt. Sie erhält erschütternde Botschaften.

Flüchtlinge in Libyen (Archivbild 2014)
REUTERS

Flüchtlinge in Libyen (Archivbild 2014)


Die Nachrichten, die auf Sally Haydens Handy landen, sind oft schwer zu ertragen. Die irische Journalistin steht per Handy mit Migranten und Flüchtlingen in Kontakt, die versucht haben, übers Mittelmeer nach Europa zu kommen, dann aber von der libyschen Küstenwache aufgegriffen wurden. Nun sitzen sie in libyschen Haftanstalten, die Bedingungen sind schrecklich.

"Vergangene Woche hat sich in der Haftanstalt Triq al-Sikka in Tripolis ein Mann selbst angezündet, weil er die Hoffnung verloren hatte, jemals wieder herauszukommen", sagt Hayden. "Ich höre von so vielen in den Haftzentren, die einfach aufgehört haben zu sprechen. Fast alle haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Dass sie vom Meer zurückgeholt wurden und nun in diesen entsetzlichen Haftanstalten festsitzen - das hat viele gebrochen."

Die Haftanstalten sind ein wichtiger Teil des europäischen Versuchs, die zentrale Mittelmeerroute zu schließen: Migranten und Flüchtlinge, die von der libyschen Küstenwache gefasst werden, werden dorthin zurückgebracht und auf unbestimmte Zeit festgesetzt. Die libysche Küstenwache wird von der EU ausgerüstet, die Haftanstalten unterstützt, um die Zustände dort zu verbessern - allerdings offenbar mit wenig Erfolg.

"Was mir erzählt wurde, war so extrem"

Derzeit sind etwa 8000 Menschen in den sogenannten offiziellen Haftanstalten eingesperrt, schätzt das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR (UNHCR-Bericht zu Libyen). Ihre Bezeichnung täuscht: Tatsächlich stünden die offiziellen Haftanstalten nur theoretisch unter der Kontrolle der Regierung, schrieb die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (hier das Pdf des Berichts). Auch die offiziellen Anstalten würden von den örtlichen Milizen kontrolliert, die sich von der Regierung keine Vorschriften machen lassen. Wie viele Flüchtlinge und Migranten darüber hinaus in sogenannten inoffiziellen Internierungslagern festsitzen, also in Lagerhäusern und Bauernhöfen von Bewaffneten festgehalten und teils als Arbeitssklaven verkauft werden, ist nicht bekannt.

Journalisten dürfen nur noch selten nach Libyen einreisen, Berichte von vor Ort sind selten. Wer die Haftanstalten besuchen darf, wie lange und wann - darüber entscheiden die jeweiligen Milizen.

Hayden war auch deshalb zunächst skeptisch, als sie vor elf Wochen die ersten Nachrichten aus einem libyschen Internierungslager erhielt. "Was mir erzählt wurde, war so extrem: Es hieß, sie seien allein eingesperrt zurückgelassen worden ohne Essen und Wasser, während um sie herum in Tripolis gekämpft wurde. Die Wächter seien geflohen." Konnte das sein? Und überhaupt: Woher sollten die Menschen in den Haftanstalten Handys haben, wie diese aufladen?

"Sie laden ihr Guthaben mithilfe von Verwandten auf"

Die Journalistin ließ sich von den Inhaftierten ihre GPS-Daten schicken und Selfies, die die Umgebung zeigten. Sie prüfte, ob sich die Angaben mithilfe einer zweiten Quelle bestätigen ließen - und tatsächlich deckten sie sich mit dem, was internationale Hilfsorganisationen in Libyen ihr erzählten: So wurden inmitten der jüngst wiederaufflammenden Kämpfe von Tripolis etwa 400 Menschen in der Haftanstalt Ain Zara im Süden der Hauptstadt ihrem Schicksal überlassen. Ihnen gelang es später, aus dem Lager zu entkommen.

Mit welchen Tricks die Inhaftierten die Handys heimlich aufladen, will Hayden nicht verraten - damit die Milizen dies nicht unterbinden. Denn eigentlich werden den Inhaftierten die Handys weggenommen. Wer mit einem erwischt wird, muss mit Schlägen, Folter, Vergewaltigung rechnen. "Ich kann nur so viel verraten: Sie laden das Guthaben mithilfe von Verwandten im Ausland auf", sagt Hayden. Auch der erste Kontakt mit ihr war so zustande gekommen: Ein sudanesischer Inhaftierter hatte von seinem Bruder Haydens Handynummer bekommen - die Journalistin hatte zuvor aus dem Sudan berichtet.

Aus den Internierungslagern hört Hayden von kaum vorstellbaren Zuständen: Die Inhaftierten bekämen kaum Essen und wenn, müssten sie selbst dafür bezahlen. In Triq al Sikka, wo sich der Mann aus Somalia selbst verbrannte, müssten die Inhaftierten verschmutztes Wasser aus den Toiletten trinken. Viele bekämen Durchfall. Sie seien eingesperrt in dunklen Zellen. Es gäbe keine Medikamente. Viele befürchteten, Tuberkulose zu bekommen.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk zitierte in seinem jüngsten Libyen-Bericht die Zustände in den offiziellen Haftanstalten als "erschütternd", "wie ein Alptraum", "grausam, unmenschlich und erniedrigend".

Für die Milizen bedeuten die Geflohenen Macht und Geld

Am meisten beschäftigt Hayden jedoch, was sie nicht überprüfen und deswegen auch nicht offiziell berichten kann: "Ich höre so häufig von Todesfällen. In einer Haftanstalt vier, in der nächsten 20. Doch es gibt keine zweite Quelle, die ich fragen kann, um dies zu bestätigen. Keiner weiß, wie viele Menschen in den Internierungslagern sterben." Im Fall des Somaliers, der sich selbst verbrannte, konnte die Internationale Organisation für Migration den Todesfall bestätigen.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk dürfe die Menschen nicht einmal richtig registrieren, klagte der UNHCR-Sonderbeauftragte für das zentrale Mittelmeer, Vincent Cochetel, vergangene Woche bei einem Besuch in Libyen. Und der Plan, bis zu 1000 Inhaftierte aus den offiziellen Haftanstalten zu verlegen in ein von der Uno geführtes Zentrum in Tripolis, stockt seit vier Monaten, weil die Milizen nicht mitmachen. Schließlich bedeutet die Kontrolle über die Migranten und Flüchtlinge für sie Macht und Geld.

Mehrere europäische Regierungen unterstützen die Betreiber der offiziellen Haftanstalten mit Geld und Fortbildungen, in der Hoffnung, dass sich die Bedingungen dort verbessern. Zudem liefern das Uno-Flüchtlingshilfswerk und andere internationale Hilfsorganisationen mit europäischer Unterstützung Decken und Hygieneartikel, die jedoch von den Lagerbetreibern oft weiterverkauft werden.

"Wenn jemand nicht registriert ist, fällt auch nicht auf, wenn er verschwindet", sagt Hayden. Viele der Inhaftierten hätten Angst, in den Internierungslagern zu sterben, ohne dass davon jemand etwas mitbekommt. Deswegen würden diese ihr immer weiter schreiben, sagt die Journalistin. "Sie wollen, dass wir erfahren, was dort geschieht."



insgesamt 131 Beiträge
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Kater Bolle 10.11.2018
1. Wenn das so stimmen sollte.......
ist das ein Armutszeugnis für meine "Freunde" in Brüssel sowie die sie tragenden Regierungen. Solchen Verbrechern wird mit meinen Steuergeldern eine Küstenwache gezahlt und vieles mehr, Mir soll keiner wirklich keiner mehr was von der gerühmten Wertegemeinschaft erzählen. Das ist doch völlig verlogen. Erst den Gadafi wegbomben und dann ein noch schlimmeres Regime dort zuzulassen. Als Europäer schäme ich mich. Die oben genannten schweigen das Thema tot.
kenterziege 10.11.2018
2. Auf dem Bild werden Frauen gezeigt - ist das repräsentativ?
Ich würde nach dem "Seenot-Recht" Frauen und Kinder dort herausholen. Den Männern sollte man die Handys lassen, damit sie statt mit einer irischen Aktivistin mit ihren Leuten aus den Herkunftsländern kommunizieren können: Keine Chance illegal nach Europa zu kommen. Das mag sich hart anhören - aber irgendwie muss der Migrationsdruck ausgebremst werden, wenn in Europa keine politisch instabilen Verhältnisse entstehen sollen.
dirkcoe 10.11.2018
3. Und das im Namen der EU?
Ich habe diesen Bericht jetzt zweimal gelesen - und bin fassungslos. Wie kann die EU solche Zustände akzeptieren? Wie kann die EU diese Milizen unterstützen? Warum sitzen diese Menschen im Gefängnis oder Lager? - Flüchtling zu sein ist keine Straftat. Nein dieser Preis ist eindeutig zu hoch um die Mittelmeer Route zu schützen. Die EU kann nicht Menschenrechte für verhandelbar erklären, um innenpolitische Probleme zu lösen. Wir Reden hier nicht von Statistik - wir Reden von Menschen.
salomohn 10.11.2018
4. Und jetzt?
Libyen bekommt es nicht hin, sie brauchen offensichtlich Hilfe. Liebe deutsche Regierung: Bitte um schnelle öffentliche Information, was wir von staatlicher Seite unternehmen werden.
egal 10.11.2018
5. Schrecklich
Diese armen Menschen müssen diese Zustände der Bevölkerung in den Subsaharastaaten mitteilen, bevor sich noch mehr auf den Weg machen und in diesen furchtbaren Lagern enden.
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