Bürgerkrieg in Libyen IS schlägt Aufstand in Sirte nieder

In der libyschen Stadt Sirte haben Hunderte gegen die dort herrschende Terrormiliz "Islamischer Staat" revoltiert. Die Dschihadisten haben den Aufstand rücksichtslos niedergeschlagen, wieder einmal profitieren sie von dem Machtvakuum im Land.

Von

IS-Konvoi in Sirte (Archivbild): Rücksichtsloser Kampf gegen Gegner
AFP/ WELAYAT TARABLOS

IS-Konvoi in Sirte (Archivbild): Rücksichtsloser Kampf gegen Gegner


In den Auslagen der Geschäfte stapeln sich die Schokoriegel, Männer geben kostenloses Essen an Bedürftige aus, Arbeiter beschneiden die grünen Zweige der Straßenbäume: Diese Bilder verbreitet die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) via Twitter aus Sirte. Im Juni hatte die Dschihadistenmiliz die libysche Stadt an der Mittelmeerküste fast vollständig erobert. Seither war Sirte mit seinen rund 100.000 Einwohnern die inoffizielle Hauptstadt des IS-Ablegers in Libyen.

Doch das Leben unter dem IS ist nicht so idyllisch, wie es die IS-Propaganda weismachen will. In den vergangenen Wochen haben Hunderte bewaffnete Einwohner gegen die Dschihadisten aufbegehrt. Angeführt wurden sie von dem Prediger Khalid bin Rajab. Dieser hatte laut Augenzeugen in seinen Freitagspredigten den IS mehrfach scharf kritisiert.

Die Dschihadisten hatten nämlich nach der Eroberung von Sirte gezielt Jagd auf Einwohner gemacht, die einst in Armee oder Polizei gedient hatten. Von dieser Verfolgung waren Tausende betroffen, Sirte ist der Geburtsort des Langzeitdiktators Muammar al-Gaddafi, der sich bei der Sicherung seiner Herrschaft maßgeblich auf die Einwohner seiner Heimatstadt stützte.

Mord an einem aufsässigen Prediger

Der IS verlangte von den ehemaligen Staatsbediensteten, dass sie schriftlich Abbitte leisten und einen Treueeid auf den selbsternannten Kalifen des "Islamischen Staats", Abu Bakr al-Baghdadi, abgeben sollten. Bin Rajab soll seine Anhänger in der Moschee ermuntert haben, sich den Dschihadisten zu widersetzen.

Das wurde dem Imam zum Verhängnis: Anfang vergangener Woche töteten IS-Kämpfer den Prediger. Daraufhin griffen Einwohner seines Stadtviertels zu den Waffen. Die meisten Menschen im "Stadtteil Nummer drei" gehörten wie der Imam dem Ferjani-Stamm an, sie wollten den Tod ihres prominenten Verwandten sühnen.

Doch gegen die bestens ausgerüstete IS-Miliz hatten die Aufständischen keine Chance. Laut Augenzeugenberichten beschossen die Kämpfer das Viertel zunächst mit Mörsergranaten, dann rückten sie mit Panzern vor. Die Dschihadisten sollen rücksichtslos gegen Männer, Frauen und Kinder vorgegangen sein. Schließlich setzten sie sogar das Krankenhaus in Brand. 22 Menschen sollen in dem Gebäude bei lebendigem Leib verbrannt sein.

Insgesamt sind bei den Kämpfen laut Berichten aus der Stadt mindestens 70 Menschen getötet worden. Der libysche Botschafter in Frankreich spricht sogar von 200 Toten. Die Zahl der Opfer dürfte noch steigen: Der IS hat das Viertel abgeriegelt, bislang weiß niemand, wie viele Tote dort noch liegen. Zur öffentlichen Abschreckung hängten die Dschihadisten die enthaupteten Leichen mehrerer Mitglieder des Ferjani-Stammes in der Stadt auf.

Die Menschen in Sirte hatten vergebens auf militärische Hilfe bei ihrem Aufstand gewartet. Als sich schließlich doch noch ein Kampfverband aus dem 300 Kilometer entfernten Misurata in Bewegung setzte, war die Rebellion fast schon niedergeschlagen.

Krisensitzung der Arabischen Liga

Wieder einmal profitierte der IS von den innerlibyschen Streitigkeiten. Das Land hat seit Monaten zwei Regierungen mit eigenen Streitkräften. Die international anerkannte Führung ist nach Tobruk im Osten Libyens geflohen. In der Hauptstadt Tripolis hat sich eine Gegenregierung etabliert, die von Islamisten dominiert wird, den IS aber ablehnt.

Die Regierung in Tripolis hat schon mehrfach eine Offensive angekündigt, um die Dschihadisten aus Sirte zu vertreiben. Doch just als die Terroristen im "Stadtteil Nummer drei" wüteten, hielten die Streitkräfte in der Hauptstadt eine Militärparade ab, anstatt Kampfeinheiten zu entsenden.

Die international anerkannte Regierung in Tobruk hofft nun auf Hilfe aus dem Ausland. Sie rief die arabischen Staaten auf, "gezielte Luftangriffe gegen die IS-Stellungen in Sirte" zu starten. Am Dienstag kommt die Arabische Liga in Kairo zu einem Krisentreffen zusammen.

Doch dann ist es zu spät: Der IS hat die Revolte inzwischen niedergeschlagen. Als die Menschen in Sirte Hilfe benötigt hätten, wurden sie im Stich gelassen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 157 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alfred 17.08.2015
1. IS in Ägypten nur eine Frage der Zeit
Ich rate dringend das Ägyptische Museum Kairo nach Europa auszulagern, bis der IS Spuk vorueber ist.
gigi76 17.08.2015
2. IS und kein Ende
Wann endlich begreift Europa, was die Ursache allen Übels ist und bekämpft den IS.
rudi_1957 17.08.2015
3. Wieder
ein Resultat des 'Arabischen Frühlings' und der verfehlten Politik der USA und der Rest - EU, Deutschland war ja da nciht dran beteiligt. Muammar al Gaddhafi mußte ja unbedingt weg, unter seiner Kontrolle gab's noch keinen IS in Libyen. Da gab's zwar einen Ableger von al Qaida, der aber eher unbedeutend war. Jetzt können sich die USA und Frankreich was ausdenken.
normalo2015 17.08.2015
4. Es wird Zeit,
grundsätzlich neue Ansätze zu diskutieren. Diese Situation ist nicht mit ein paar Luftschlägen zu beherrschen. Die Flüchtlingsströme sind so auch nicht einzudämmen. Militärisches Eingreifen mit völliger Kontrolle, systematischer Entwaffnung und Einrichtung einer zivilen Administration wird sicher als Kolonialismus verschrien. Nur welche Alternativen gibt es? Man unterschätzt die Power von IS. Wir, mit unserer überalterten und selbstzufriedenen Gesellschaft in Europa, hätten kaum eine Chance gegen den IS Terror. Daher muss das eingedämmt werden bevor es bei uns ist. Eine türkische Schutzzone in Syrien und Irak, eine europäische Schutzzone in Libyen unter vollständiger und äußerst robuster militärischer Kontrolle wird nicht ohne „Kollateralschäden“ zu etablieren sein. Dafür müsste im Gegenzug eine wirklich solide zivile Administration und Infrastruktur geschaffen werden. Nicht so ein halbherziges Larifari wie im Kosovo oder Afghanistan. Mit Weltverbesserer-romantik wird man einer Bewegung, die nicht weniger als die Apokalyptische Weltherrschaft anstrebt, kaum die Stirn bieten können.
göpgöp 17.08.2015
5. schade
dass bei uns immer noch von " der IS"gesprochen wird, wir es doch als Staat anerkennen, statt "die IS" als Terrororganisation die sie wohl ist. Es ist die Organisation "islamischer Staat"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.