General Khalifa Haftar Libyens mächtigster Mann zwischen Leben und Tod

Libyen steht vor einer Zäsur: Khalifa Haftar, der einflussreichste Warlord des Landes, ist schwer krank, möglicherweise bereits tot. Seinem Militärbündnis droht der Zerfall - mit erheblichen Folgen für das Land.

Khalifa Haftar (Archivbild)
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Genaues weiß man nicht über den Gesundheitszustand von Khalifa Haftar, umso mehr Gerüchte gehen um. Als gesichert gilt bisher nur, dass sich der derzeit einflussreichste Libyer seit mehr als einer Woche zur Behandlung im französischen Militärhospital Val-de-Grâce in Paris aufhält. Angeblich nur zu Routineuntersuchungen, hieß es zunächst aus dem Umfeld des libyschen Generals.

Dagegen behaupteten Haftars innenpolitische Gegner, der 75-Jährige habe zunächst einen Schlaganfall und dann Hirnblutungen erlitten und sei ins Koma gefallen. Zwischenzeitlich berichteten libysche Medien gar, Haftar sei gestorben. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht, allerdings räumen seine Unterstützer inzwischen ein, dass Haftar auf absehbare Zeit seine Funktionen nicht wahrnehmen könne.

Haftar ist der mächtigste Warlord im seit Jahren schwelenden libyschen Bürgerkrieg. Er steht an der Spitze der Libyschen Nationalen Armee (LNA), die aus Überbleibseln des Gaddafi-Militärs, Stammesmilizen aus Ost- und Südlibyen sowie salafistischen Kampfgruppen besteht.

Seit Jahren weigert er sich, seine Truppen, die mehr als die Hälfte des Landes beherrschen, der von der Uno unterstützten Regierung von Ministerpräsident Fayez Sarraj in Tripolis zu unterstellen. Seine LNA sei die einzige legitime Institution Libyens, behauptete Haftar erst vor wenigen Monaten. Noch in diesem Jahr sollen in Libyen Präsidentenwahlen stattfinden. Haftar drohte, er werde sich selbst zum Präsidenten des Landes ausrufen, sollten die Wahlen scheitern.

Stammeskonflikte drohen aufzubrechen

Dazu wird es wohl nicht mehr kommen. Stattdessen stellt sich die Frage, wer Haftar an der Spitze der LNA folgen könnte. Einen designierten Nachfolger gibt es nicht. Als aussichtsreiche Kandidaten gelten seine beiden Söhne Saddam und Khalid. Beide sind Generäle und befehligen eigene Einheiten innerhalb der LNA. Allerdings ist äußerst fraglich, ob sie genug Autorität besitzen, um die verschiedenen Kräfte unter dem Dach der LNA hinter sich zu bringen. Gleiches gilt für Abdul-Razzaq al-Nadouri, den Generalstabschef der LNA. Erst am Mittwoch entkam Nadouri knapp einem Sprengstoffanschlag auf seinen Konvoi in Bengasi.

Im Zuge der Nachfolgeregelung drohen zudem alte Stammeskonflikte wieder aufzubrechen. Die Haftars und andere führende LNA-Kommandeure gehören dem Farjan-Stamm an, der eigentlich aus Westlibyen stammt. Der mächtige Awaqir-Stamm aus Bengasi, der größten Stadt im Osten Libyens, hatte sich zwar mit Haftar senior arrangiert. Allerdings haben führende Vertreter der Awaqir bereits durchblicken lassen, dass sie einen weiteren Farjani an der LNA-Spitze nicht ohne Weiteres dulden wollen.

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Und dann sind da noch Haftars ausländische Unterstützer, die ebenfalls ein gewichtiges Wort mitreden wollen. Besonders Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben sich in den vergangenen Jahren hinter Haftar gestellt. Die Regierung in Kairo sah in Haftar eine libysche Version von Staatschef Abdel-Fattah el-Sisi: Ein langgedienter General, der mit harter Hand gegen die Muslimbrüder vorgeht und als strenger Autokrat das Land nach den Wirren des sogenannten Arabischen Frühlings wieder stabilisiert.

Gute Kontakte nach Moskau, Paris und London

Darüber hinaus war Haftar das politische Kunststück gelungen, sich einerseits wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung aus Russland zu sichern, andererseits aber auch von westlichen Regierungen als Partner anerkannt zu werden. Mehrfach empfingen Russlands Außen- und Verteidigungsminister den Feldmarschall in Moskau, beide Seiten unterzeichneten Vereinbarungen über die Zusammenarbeit bei der Erdölproduktion und der Erschließung neuer Erdölvorkommen. Russische Söldner des privaten Militärunternehmens RSB sind rund um Bengasi im Einsatz. Nach offiziellen Angaben, um eine Erdölraffinerie von Minen zu räumen und Erdöltanker vor Piraten zu schützen.

Fahrzeuge von Haftar-treuen Truppen in der libyschen Wüste (Archivbild)
REUTERS

Fahrzeuge von Haftar-treuen Truppen in der libyschen Wüste (Archivbild)

Zugleich aber besuchte der britische Außenminister Boris Johnson im vergangenen September Haftar in Bengasi und lobte ihn für dessen Kampf gegen den Terror. Doch dieser Kampf wird oft mit ungesetzlichen Mitteln geführt. Der Kommandeur einer LNA-Spezialeinheit, Mahmoud al-Werfalli, wird seit August vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag per internationalem Haftbefehl gesucht. Chefanklägerin Fatou Bensouda wirft ihm Kriegsverbrechen vor, weil Werfalli mehrfach in aller Öffentlichkeit Gefangene tötete.

Seit der Ausstellung des Haftbefehls hatte Haftar ihn mehrfach kurzzeitig festgenommen, nach Protesten und Drohungen von Werfallis Anhängern aber immer wieder freigelassen. Nach Haftars Tod dürften Männer wie er noch stärker werden.



insgesamt 23 Beiträge
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Newspeak 19.04.2018
1. ...
Es ist immer das Gleiche. Der Westen verhandelt mit diesen Maennern, weil sie maechtig sind, und diese Maenner sind maechtig, weil man sie als Gespraechspartner ernst nimmt. Und wenn kein designierter Nachfolger zur Verfuegung steht, wie waere es der Einfachheit halber mal mit waehlen?
hador2 19.04.2018
2. Libyen...
Ein "schönes" Beispiel für diejenigen welche ein aktives Eingreifen des Westens in Syrien fordern...
Oberleerer 19.04.2018
3.
Ist ja nichts Neues, daß es in Libyen ums Öl geht. Aber man sieht deutlich, daß es alles viel einfacher ist, wenn das Thema auch offen genannt wird. Russland will ein Kartell zusammenzimmern und die VAE eigentlich auch. Und die Europäer wollen eine billige Alternative für den Einkauf. Das größte Hindernis sind Nationalismus (hier Stammesangehörigkeit), aber auch das ist nur vorgeschoben, weil eben alle nur an die Ölquellen wollen. Die Akteure haben nun die Wahl, ihre mittleren Einkünfte in immerwährenden Kämpfen zu verbrennen, oder zusammenzuarbeiten und zu VAE 2.0 zu mutieren.
adieu2000 19.04.2018
4. Wieviel Leid und Tod hat das beseitigen von Gaddafi gebracht?
Menschenrechte und Unterdrückung durch einen Diktator war ein angenehmer Vorwand um Libyen in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Kein Land sollte das Recht haben sich derart in andere Länder einzumischen, ohne UNO Mandat. Naja, ein paar Ausnahmen gibt es ja, aber diese Länder stehen über der UNO und dem Völkerrecht.
mimoun74 19.04.2018
5. Diktatur nach Vorbild von Sisi
Ich erinnere mich nachdem in Ägypten Mubarak gestürzt wurde, wie die westlichen Medien und Politiker kleinlaut zugaben das sie die Diktatur von Mubarak unterstützt haben. Das das ein Fehler war und man sie nie wieder so etwas wiederholen möchte und sich nun dem Willen der arabischen Bevölkerungen nicht entgegenstellen wird. Nun das Ergebnis ist das die Demokratie in Ägypten vom westlich unterstützen Militärdiktator Sisi abgeschafft wurde. Und diese Diktatur auch noch künstlich am Leben erhalten wird,obwohl jeder weiß das es nur eine Frage der Zeit ist bis die Bevölkerung wieder genug hat und das Spiel von vorne losgeht. In Libyen versucht nun der Westen (Frankreich,England) das selbe mit dem General Haftar. Einen brutaler und rücksichtsloser Diktator zu installieren der Sisi in nichts nachsteht. Vergessen sind die schönen Worte der westlichen Medien und Politiker zu Beginn des arabischen Frühlings. Und dann fragen sich hier die Experten warum funktioniert Demokratie nicht in arabischen Ländern? Sie würde es, wenn nicht Russland oder westliche Länder dauernd irgendwelche Monarchen und Militärdiktatoren installieren und unterstützen würden um billiger ans Öl zu kommen. Ich frage mich nur: Warum hat die USA/Frankreich/GB den Militärdiktator Gaddafi gestürzt wenn man jetzt wieder einen Militärdiktator installieren möchte?
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