Libyen-Konflikt Gaddafis Sohn mutiert zum Islamisten-Freund

Vom Lebemann zum Frömmler? In einem wirren Interview behauptet Gaddafis Sohn Saif al-Islam, das libysche Regime wolle sich nun mit den Islamisten verbünden. Hinter dem bizarren Auftritt steckt kaltes Kalkül: Nach dem Tod ihres Befehlshabers soll ein Keil in die Reihen der Rebellen getrieben werden.

Von Ulrike Putz, Jerusalem

Saif al-Islam Gaddafi (im Mai in Tripolis): "Die Liberalen werden fliehen, oder sie werden getötet"
REUTERS

Saif al-Islam Gaddafi (im Mai in Tripolis): "Die Liberalen werden fliehen, oder sie werden getötet"


Die Lust an der Verkleidung muss er von seinem Vater geerbt haben: Trat der libysche Diktatorensohn Saif al-Islam Gaddafi früher gern im westlichem Business-Anzug auf, so warf er sich für ein seltenes Interview nun in nahöstlich anmutende Kluft. Im khakifarbenen T-Shirt mit Palästinensertuch um den Hals empfing der einstmals als Nachfolger seines Vaters Muammar designierte Saif jetzt einen Reporter der "New York Times".

Am erstaunlichsten an seinem Auftritt, über den in der Donnerstagausgabe der Zeitung berichtet wurde, war jedoch die Haartracht des 39-Jährigen. Wie immer trug er Glatze, doch kombinierte er diese diesmal mit einem Rauschebart, wie ihn fromme Muslime tragen. Seine Finger spielten während des Interviews mit einem islamischen Gebetskettchen: Hier wollte jemand beweisen, dass er eine ideologische Kehrtwende hingelegt hat.

In dem einstündigen Gespräch, das zu mitternächtlicher Stunde im Radisson-Hotel in Tripolis geführt wurde, hatte Saif denn auch Erstaunliches zu berichten: Das Gaddafi-Regime habe ein "Bündnis" mit den islamistischen Kräften innerhalb der Aufständischen-Allianz geschlossen, teilte der politisch aktivste Sohn des stets flamboyant kostümierten Diktators mit.

Regime und Islamisten hätten sich gegen das pro-westliche, liberale Lager in der Rebellenkoalition zusammengeschlossen. "Die Liberalen werden fliehen, oder sie werden getötet", führte Saif al-Islam in dem Interview aus. "Wir machen es gemeinsam. Libyen wird aussehen wie Saudi-Arabien, wie Iran. Na und?", zitiert ihn die Zeitung. In einer Woche werde ein entsprechender Deal verkündet, so Gaddafi.

Gemeinsame Sache mit den Islamisten

Die Gaddafis machen gemeinsame Sache mit den Islamisten: Wäre an der Nachricht was dran, wäre das eine der unheiligsten Allianzen, die der Nahe Osten je hervorgebracht hat. Denn das Regime und die Frommen sind Erzfeinde, seit Jahrzehnten. Zu Tausenden starben Muslimbrüder und andere Islamisten in den Folterknästen Gaddafis - ihr Leid war einer der Auslöser der Revolution gegen den Diktator. Und nun sollen sie sich mit ihren Schlächtern zusammengetan haben?

Islamistenführer Ali Sallabi dementierte umgehend: Es habe zwar Kontakte gegeben, doch keinen Deal, sagte er der "New York Times". Die libyschen Islamisten wollten ein demokratisches Libyen ohne den Gaddafi-Clan. Darin lägen sie mit dem moderaten Kräften im Übergangsrat der Regimegegner ganz auf einer Linie.

Das Regime hatte die blutige Unterdrückung der Opposition bislang damit gerechtfertigt, dass sich diese aus Islamisten und Qaida-Kadern rekrutieren würde. Ausgerechnet diese sollen laut Saif nun beim Sieg gegen die Rebellen helfen. Wohl um diese 180-Grad-Wendung glaubwürdiger zu machen, führte Saif aus, diese sei rein pragmatisch begründet, keine Herzensangelegenheit. Erneut beschimpfte er die Religiösen unter den Rebellen als "Terroristen" und "Bluthunde". "Wir trauen ihnen nicht, aber wir müssen mit ihnen Deals machen", fügte er hinzu. Sie seien "die wahre Kraft vor Ort".

Der bizarre Auftritt des Sohnes des ewigen Oberst kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt im Krieg der Rebellen gegen den Despoten. Vergangenen Donnerstag wurde der Kommandeur der Rebellentruppen, Abd al-Fattah Junis, unter nach wie vor ungeklärten Umständen ermordet. Seitdem ist es in der Rebellenhauptstadt Bengasi wiederholt zu Kämpfen verschiedener Fraktionen der Aufständischen untereinander gekommen. Dabei soll es Dutzende Tote gegeben haben.

In Bengasi machen Gerüchte die Runde, wonach Junis, der als Innenminister Gaddafis diente bis er zu den Aufständischen überlief, von Islamisten unter den Rebellen hingerichtet worden sei. Diese hätten damit den Foltertod ihrer Glaubensbrüder, für den sie Junis verantwortlich machten, rächen wollen. Der Tod Junis' hat die aus bis zu 50 Milizen zusammengestückelte Rebellenarmee geschwächt. Zwar war er als Befehlshaber umstritten, brachte jedoch Struktur und Zug in die meist aus Zivilisten bestehende Truppe.

Die Koalition der Aufständischen aufbrechen

Mit seiner Behauptung, die Islamisten wollten mit dem Regime gemeinsame Sache machen, scheint Gaddafi Junior nun darauf abzuzielen, die brüchiger werdende Koalition der Aufständischen aufzubrechen. Nach sechs Monaten der Revolte und fünfmonatigem Bombardement durch die Nato könnte dies ein listiger, vielleicht verzweifelter Versuch sein, den Krieg mit politischen statt militärischen Mitteln zu gewinnen.

Der Auftritt Saifs ist aber auch ein Lebenszeichen: Oft war in den vergangenen Wochen gemunkelt worden, der Junior sei einer der Nato-Bomben zum Opfer gefallen. Nun meldete er sich zu Wort und gab Einblick in "die trotzige - manche sagen: wahnhafte - Mentalität der Gaddafi-Familie", wie die "New York Times" schreibt. Tatsächlich zeugen Ausschnitte des Interviews, die als Video auf der Webseite der Zeitung zu sehen sind, vom erratischen Verhalten Saifs. Er stellt die Frage, warum der Westen angesichts so vieler Krisenherde weltweit ausgerechnet den libyschen Aufständischen helfe und beantwortet sie gleich selbst. "Libyen ist sehr sexy!"

Unterdessen hat Frankreich beschlossen, seinen Flugzeugträger "Charles de Gaulle" aus dem Libyen-Krieg abzuziehen: Auch das ist ein Rückschlag für die Rebellen. Das atomar angetriebene Schiff werde Mitte August zu Wartungsarbeiten zurück in seinen Heimathafen Toulon an der Mittelmeerküste kommen, sagte Verteidigungsminister Gerard Longuet. Der Flugzeugträger mit seiner 1900 Mann starken Besatzung beteiligt sich seit Ende März an dem internationalen Einsatz gegen das Gaddafi-Regime.

Der Abzug von "Charles des Gaulle" bedeute aber nicht, dass sich Frankreich aus dem Einsatz zurückziehen wolle, betonte der Minister. Zuletzt hatte es in Frankreich immer mehr kritische Stimmen gegeben, die die hohen Kosten beklagt hatten. Der Einsatz kostet das Land pro Tag 1,2 Millionen Euro.



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camicami 04.08.2011
1. Bin ich froh,
Herr Westerwelle und unsere Regierung haben wohl ganz richtig entschieden sich da militärisch rauszuhalten. Allerdings hätte ich selbst nicht damit gerechnet, das dieses Regime so zäh ist. Der Ausgang des arabischen Frühlings ist wieder offen, vielleicht auch in Ägypten.
Auswahlaxiom, 04.08.2011
2. Lustig
Zitat von sysopVom Lebemann zum Frömmler? In einem wirren Interview behauptet Gaddafis Sohn Saif al-Islam, das libysche Regime wolle sich nun mit den Islamisten verbünden. Hinter dem bizarren Auftritt steckt kaltes Kalkül: Nach dem Tod ihres Befehlshabers soll ein Keil in die*Reihen der Rebellen getrieben werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778445,00.html
Wir können hier exemplarisch sehen, wie aus Diktaturen Despotien werden (können). Jetzt wird sich die Frage stellen, wie man einem hysterischen Diktator, der sich nicht zu schade ist, in Frauenkleidern herumzulaufen, abnimmt, auf einmal Islamist sein zu wollen. Schätze, das gelingt. Religionen laden zu Mißbrauch eben geradezu ein.
willem.fart 04.08.2011
3. Maghrebinischen Frühling, bitte
Zitat von camicamiHerr Westerwelle und unsere Regierung haben wohl ganz richtig entschieden sich da militärisch rauszuhalten. Allerdings hätte ich selbst nicht damit gerechnet, das dieses Regime so zäh ist. Der Ausgang des arabischen Frühlings ist wieder offen, vielleicht auch in Ägypten.
Arabien liegt ca. 2.000 km entfernt. Und ist nicht Afrika, sondern vorderer Orient. Und das Regime ist nicht zäh, sondern existiert nicht. Gadafi hat keinerlei Staatsämter mehr inne.
mardas 04.08.2011
4. Ich weiß ja nicht...
Es ist nicht korrekt, die libysche Regierung als konträren Gegner Gaddafis darzustellen, Gaddafi hat zwar in religiösen Dingen ein unkonventionelles religiöses Regime geführt, das unter seiner Schnute blieb, aber säkular oder derartiges war es nie und nimmer. Man denke an den Jihad gegen die Schweiz und die Förderung von Terrorismus in aller Welt, was nicht primär linksextrem sein musste. Diejenigen, die gegen ihn aufbegehren, sind nicht primär religiös motiviert, sondern vor allem in gewisser Weise pro-westlich. Schauen wir mal, was sich entwickelt...
der_mündige_bürger 04.08.2011
5. Soso ...
Zitat: "Die Gaddafis machen gemeinsame Sache mit den Islamisten: Wäre an der Nachricht was dran, wäre das eine der unheiligsten Allianzen, die der Nahe Osten je hervorgebracht hat." Wie sagte schon der selige Karl-Eduard von Schnitzler (alias Sudel-Ede): 'Wenn zwei dasselbe tun, dann ist das nicht dasselbe.' Zitat: "Seitdem ist es in der Rebellenhauptstadt Bengasi wiederholt zu Kämpfen verschiedener Fraktionen der Aufständischen untereinander gekommen. Dabei soll es Dutzende Tote gegeben haben." Hatte mich schon gewundert, warum in den letzten Tagen so wenig aus Libyen zu hören war ... Zitat: "Unterdessen hat Frankreich beschlossen, seinen Flugzeugträger "Charles de Gaulle" aus dem Libyen-Krieg abzuziehen: Auch das ein Rückschlag für die Rebellen." Wer hätte das gedacht? Italien ist schon weg und Norwegen auch ... Das Geld, daß man Qaddafi geklaut hat, geht langsam zur Neige & proportional sinkt die Neigung, sich weiter zu engagieren, zumal die Rebellen mangels Rückhalt im Innern und fehlender finanzieller Unterstützung von außen (Hängt beides zusammen!) immer weniger in der Lage & willens sind, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Nur die RAF bombt noch wie wild. Wenigstens wenn sie Munition hat ... bloß der Effekt ist nicht der erhoffte. Hätte man aber aus dem II. WK wissen können ... Dabei hatte man sich das so schön einfach vorgestellt: bissel bomben & schon isser weg, der Qaddafi, und sei's durch einen 'Zufallstreffer'. Und dann machen die Rebellen aus purer Dankbarkeit, was wir und unsere Konzerne wollen. War aber nix ... Kein Wunder, daß Herr Cameron schweißnasse Füsse kriegt: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778054,00.html Man sollte sich damit abfinden, daß Qaddafi alles andere denn ein Dummkopf ist, daß er nicht nur eine Stammesgesellschaft zu handhaben weiß, sondern auch auswärtige Interessenten gegeneinander auszuspielen versteht. Sonst wäre er nicht seit über 40 Jahren an der Macht. Herzliche Grüße
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