Sirt - Die libyschen Revolutionsstreitkräfte haben am Wochenende bei ihrem Vormarsch auf das Zentrum von Sirt weitere Geländegewinne erzielt. Sie eroberten nach eigenen Angaben das große Konferenzzentrum Ouagadougou, das bislang von Anhängern des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi als Hauptquartier genutzt wurde. Zudem brachten die Einheiten des Nationalen Übergangsrats das Ibn-Sina-Krankenhaus im Süden der Stadt in ihre Gewalt. Um den Grünen Platz im Stadtzentrum lieferten sie sich daraufhin schwere Straßenkämpfe mit Gaddafi-Anhängern.
Die Versorgungslage in dem eroberten Krankenhaus war unterdessen alarmierend. Hunderte verwundete Zivilpersonen säumten die Flure. Es gab weder Strom noch Wasser, um die Verletzten kümmerten sich nur einige Medizinstudenten und Krankenschwestern. Kämpfer der Revolutionstruppen führten derweil Personenkontrollen durch, mutmaßliche Gaddafi-Kämpfer wurden verhaftet.
Sechs Wochen nach der Vertreibung Gaddafis aus Tripolis ist es den Truppen der neuen libyschen Führung noch nicht gelungen, Sirt einzunehmen. Ohne die Kontrolle über Gaddafis Heimatstadt sind auch vorerst Bestrebungen blockiert, einen Zeitplan für Wahlen zu erstellen und den Übergang zur Demokratie voranzutreiben. So gilt Sirt als die bedeutendste der noch verbliebenen Gaddafi-Bastionen - neben der Oasenstadt Bani Walid.
Auch dort konnten die Kämpfer der neuen libyschen Führung nach eigenen Angaben einen Erfolg feiern: Sie brachten demnach den Flughafen der umkämpften Stadt unter ihre Kontrolle. Es habe am Sonntag zudem unweit des Stadtzentrums heftige Kämpfe mit Gaddafi-Anhängern gegeben, sagte Kommandeur Mussa Junes der Nachrichtenagentur AFP in einem Telefonat. Seit mehr als einem Monat versuchen die Kämpfer des Nationalen Übergangsrats, die 170 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tripolis gelegene Gaddafi-Hochburg Bani Walid unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie stoßen aber auf erbitterten Widerstand der Gaddafi-Getreuen.
Sandsturm und Raketen
Der britische Verteidigungsminister Liam Fox kündigte bei einem Besuch in Tripolis an, die Nato-Luftangriffe auch im Falle eines Siegs der Revolutionsstreitkräfte in Sirt fortzusetzen. "Wir haben eine Botschaft für diejenigen, die noch immer für Gaddafi kämpfen, dass das Spiel vorbei ist, ihr seid vom libyschen Volk abgelehnt worden", sagte Fox am Samstag vor Journalisten in der Hauptstadt.
Die Revolutionsstreitkräfte hatten am Freitag nach dreiwöchiger Belagerung eine große Offensive auf Sirt begonnen. Kämpfer feuerten am Samstag Raketen in die Stadt, obwohl die Sicht aufgrund eines Sandsturms stark beeinträchtigt war.
Der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abdul Dschalil, sprach von einem heftigen Kampf um Sirt, am Freitag seien 15 Kämpfer der Revolutionsstreitkräfte getötet und 180 weitere verletzt worden. Ein Kommandeur der Revolutionsstreitkräfte, Abdel Basit Harun, sagte, bei zweitägigen Gefechten seien 32 Menschen getötet worden. Der Militärrat in der Stadt Misurata berichtete von 80 Verletzten. Truppen der neuen Führung befänden sich im Häuserkampf, um die "Horden von Scharfschützen da draußen" zu beseitigen.
Deutschland plant unterdessen eine Art Luftbrücke: Schwerverletzte sollen aus Libyen ausgeflogen und in deutschen Krankenhäusern behandelt werden. Nach Angaben des Übergangsrates halten sich allein im benachbarten Tunesien mehr als 2000 schwerverletzte Libyer auf, die derzeit in ihrer Heimat wegen der Kriegsfolgen nicht entsprechend behandelt werden können.
sto/Christopher Gillette und Kim Gamel, dapd/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nato-Einsatz in Libyen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH