Libyen-Konflikt: Neue Gaddafi-Taktik erschwert Angriffe der Nato

Für die Rebellen in Libyen schwinden die Erfolgsaussichten: Gaddafis Gefolgsleute tarnen sich nun besser, die Hilfe der Alliierten ist deshalb nicht mehr so wirksam. Für einen versehentlichen Angriff auf die Aufständischen will sich die Nato nicht entschuldigen - die Regimegegner seien selbst schuld.

Libysche Rebellen vor Adschdabija: Die USA halten die Erfolgsaussichten für gering Zur Großansicht
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Libysche Rebellen vor Adschdabija: Die USA halten die Erfolgsaussichten für gering

Tripolis - Libyens Hauptstadt Tripolis war zwar auch in der Nacht zum Freitag wieder Ziel von Luftangriffen der Alliierten. Doch den Rebellen helfen die Attacken der westlichen Streitkräfte nicht mehr wie erhofft. An einem Sieg der Aufständischen gegen die Truppen des Despoten Muammar al-Gaddafi zweifelt der Kommandeur des US-Afrika-Kommandos (Africom). "Ich würde die Wahrscheinlichkeit als gering einschätzen", stellte General Carter Ham am Donnerstag bei einer Kongressanhörung in Washington fest.

Die Rebellen sind seiner Ansicht nach nicht stark genug, um Tripolis zu stürmen und das Gaddafi-Regime stürzen zu können. Die militärische Lage sei festgefahren, bilanzierte der US-Kommandeur. Denn Gaddafis Truppen hätten ihre Taktik verändert, um Luftschlägen des internationalen Bündnisses aus dem Weg zu gehen. "Sie operieren nun zu großen Teilen in zivilen Fahrzeugen", sagte Ham. So seien sie schwerer als Ziele auszumachen - vor allem, weil sie mit den Oppositionstruppen verwechselt werden könnten.

Um den Konflikt zu entscheiden, sei der Einsatz von Bodentruppen möglicherweise unumgänglich, sagte Ham. Doch dieses Szenario ist unwahrscheinlich: Denn für die USA würde das bedeuten, dass sie nach Irak und Afghanistan in einem weiteren muslimischen Land militärisch intervenieren müssten. Präsident Barack Obama hat den Einsatz von amerikanischen Soldaten in Libyen aber wiederholt ausgeschlossen.

Das Verhältnis zwischen der Nato und den libyschen Rebellen ist außerdem angespannt, seit Kampfflugzeuge der Allianz am Donnerstag versehentlich einen Konvoi der Aufständischen angegriffen hatten. Es war bereits der zweite derartige Vorfall innerhalb einer Woche. Unter den Bewohnern der Stadt Adschdabija brach Panik aus, weil Gerüchte aufkamen, Truppen von Gaddafi hätten den Angriff zu einem Vorstoß genutzt.

Nato lehnt Entschuldigung für Angriff auf Rebellen ab

Bei dem von der Nato ausgeführten Angriff in der Nähe der umkämpften Stadt Brega waren mindestens fünf Kämpfer der Aufständischen getötet worden, was zu wütenden Reaktionen der Rebellen führte: "Wir wollen die Nato nicht mehr", rief einer der Kämpfer. Ein anderer schrie: "Nieder mit der Nato."

Das Bündnis lehnt jedoch eine Entschuldigung bei den Aufständischen ab. "Ich entschuldige mich nicht", sagte der britische Konteradmiral Russell Harding am Freitag in der Nato-Befehlszentrale in Neapel vor Journalisten. "Bis gestern hatten wir keine Ahnung, dass die Aufständischen Panzer benutzen", sagte Harding, der Vize-Kommandeur des internationalen Militäreinsatzes in Libyen ist. "Unsere Aufgabe ist der Schutz von Zivilisten. Und Panzer sind in der Vergangenheit benutzt worden, um Zivilisten anzugreifen." Allerdings erklärte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen wenig später sein Bedauern. "Dies ist ein bedauerlicher Vorfall. Ich bedauere sehr den Verlust an Leben", sagte er am Freitag in Brüssel.

Harding lehnte auch eine bessere Kommunikation mit den Rebellen ab: "Wir, die wir Zivilisten mit welchen Überzeugungen auch immer zu schützen versuchen, haben nicht die Aufgabe, die Kommunikation mit den Rebellen zu verbessern."

Gaddafis-Truppen begannen am Freitag nach Angaben von Rebellen zudem, in die bislang von den Aufständischen gehaltene Enklave Misurata im Westen des Landes einzudringen.

Die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Konflikts gehen unvermindert weiter. Die Türkei schlug einen Friedensfahrplan vor. Er sieht unter anderem eine Waffenruhe und einen Rückzug der Gaddafi-Truppen aus den belagerten Städten im Westen des Landes vor.

Der Vorsitzende des libyschen Übergangsrats, Mustafa Abdul Dschalil, sagte dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira in der Nacht, die Aufständischen seien bereit, diesen Plan umzusetzen, falls Gaddafi und seine Familie das Land verlassen sollten. Auch in Tripolis reagierte man zunächst positiv auf den Vorschlag, der die humanitären Aspekte der Libyen-Krise in den Vordergrund stellt.

Die Rebellen hatten die Türkei in den vergangenen Tagen stark kritisiert, weil Ministerpräsident Erdogan wegen möglicher Terrorgefahr davor gewarnt hatte, moderne Waffensysteme an sie zu liefern. Am Dienstag wiesen sie im Hafen von Bengasi ein türkisches Schiff mit Hilfsgütern ab.

als/dapd/dpa

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1. _
M@ESW 08.04.2011
Zitat von sysopFür die Rebellen in Libyen schwinden die Erfolgsaussichten immer mehr. Die Unterstützung durch Luftangriffe der Alliierten ist längst nicht mehr so wirksam wie zu Beginn der Intervention, das gab nun ein US-General zu. Der Grund: Gaddafis Gefolgsleute haben ihre Taktik geändert, sie tarnen sich nun besser. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755828,00.html
Diese fiesen Buben! Wieso können die auch nicht einfach alles in Neongelb halten?
2. ohne worte
BigBrother 08.04.2011
man beachte den Raketenwerfer im Hintergrund. Die richtige Waffe um bewohnte Gebiete zu 'befreien'...
3. Bodentruppen?
reinhard_m 08.04.2011
Das wäre doch die Chance für Deutschland, an glorreiche vergangenge Zeiten anzuknüpfen und ein Afrikakorps 2.0 auf den libyschen Kriegsschauplatz zu entsenden. Wenn es um Kriegsbeteiligungen mit humanitärem Deckmäntelchen geht, kann man sich auf die Bereitschaft Rot-Grüns immer verlassen und das Wieder-Erstarken des Blocks, der uns schon auf dem Balkan und in Afghanistan mitmachen ließ läßt mich auch für Nordafrika hoffen.
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zapallar 08.04.2011
Zitat von sysopFür die Rebellen in Libyen schwinden die Erfolgsaussichten immer mehr. Die Unterstützung durch Luftangriffe der Alliierten ist längst nicht mehr so wirksam wie zu Beginn der Intervention, das gab nun ein US-General zu. Der Grund: Gaddafis Gefolgsleute haben ihre Taktik geändert, sie tarnen sich nun besser. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755828,00.html
Mit dem überall so stark beklatschten Aufstieg der Grünen interessiert mich jetzt die Meinung dieser Partei zum weiteren Vorgehen bei diesem humanitären und politischen Desaster: Eingriff Ja/Nein, wie, wann, wo ...? Auf der anderen Seite bleibt zu hoffen, daß sich in Libyen alles zum guten wendet und nicht, ähnlich wie in Tunesien, hunderte feige Ihrem (jetzt demokratischen) Land den Rücken kehren und nach Europa ausschiffen.
5. geknechtet .
Bravofox 08.04.2011
>"Am Dienstag wiesen sie im Hafen von Bengasi ein türkisches Schiff mit Hilfsgütern ab." Das wundert mich u. A. nicht, sind die Araber sehr sehr lange vom Osmanenreich geknechtet worden . Stichwort dazu : Lawrence von Arabien
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