Libyen-Krieg: Nato geht Munition gegen Gaddafi aus

Gerät der Hightech-Krieg gegen Gaddafi schon ins Stocken? Briten und Franzosen gehen laut "Washington Post" die lasergesteuerten Präzisionsbomben für den Nato-Einsatz aus. Die USA verfügen noch massenhaft über moderne Munition - doch sie passt nicht zu den europäischen Jets.

Rafale-Kampfjet vor dem Einsatz in Libyen: Munition nicht kompatibel Zur Großansicht
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Rafale-Kampfjet vor dem Einsatz in Libyen: Munition nicht kompatibel

Washington/Hamburg - Der Luftkrieg über Libyen dauert etwas mehr als einen Monat, aber der Nato geht bereits die Munition aus. Die Vorräte der europäischen Streitkräfte an lasergelenkten Präzisionsbomben schwinden.

Der Direktor des Forschungsinstituts Globalsecurity.org, John Pike, findet deutliche Worte: "Libyen ist kein großer Krieg. Wenn den Europäern schon zu so einem frühen Zeitpunkt in so einer kleinen Mission die Munition ausgeht, fragt man sich, auf welche Art von Krieg sie sich vorbereitet haben", sagte er der "Washington Post". "Vielleicht wollten sie ihre Luftwaffen nur bei Flugshows einsetzen."

In den USA sind die Munitionsdepots gut gefüllt. Doch britische und französische Kampfjets, die den Großteil der Angriffe auf die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi fliegen, können die Bomben aus den USA nicht nutzen; sie sind nicht kompatibel, passen nicht zu den Fliegern.

Sind die europäischen Nato-Partner nicht in der Lage, einen relativ kleinen Einsatz ohne die US-Streitkräfte zu bestreiten? Nachdem die USA die Offensive zur Durchsetzung der Flugverbotszone und zum Schutz der Zivilbevölkerung zunächst geleitet hatten, übergaben sie kürzlich das Kommando an die Nato und beschränken sich seitdem auf eine unterstützende Rolle.

64 Flugzeuge im Einsatz

Die Luftangriffe werden nun von anderen Nato-Partnern geflogen: Großbritannien und Frankreich haben jeweils rund 20 Kampfflugzeuge im Einsatz, Belgien, Dänemark, Norwegen und Kanada stellen jeweils sechs Maschinen zur Verfügung - insgesamt sind es also 64 Jets.

Ob das jedoch ausreicht, um die Ziele des Einsatzes zu erreichen, scheint fraglich. Zwar wurden seit Ende März 800 Luftangriffe auf Ziele in Libyen geflogen - davon lediglich drei von der US-Luftwaffe - doch diese Schlagzahl wird sich wohl nicht halten lassen. "Wir brauchen mehr Kapazitäten", sagt ein mit der Nato-Operation vertrauter Gewährsmann. "Nicht, weil wir keine Angriffe auf Ziele fliegen könnten, die wir sehen, sondern um diese Fähigkeit aufrechtzuerhalten. Ein Problem ist die Flugzeit, ein anderes die Munition."

Bereits jetzt werden nach Angaben der "Washington Post" Stimmen laut, die eine Rückkehr der USA an die vorderste Front im Kampf gegen das Gaddafi-Regime fordern. Noch führt die US-Luftwaffe rund ein Viertel aller Flüge über Libyen durch, größtenteils jedoch Aufklärungs-, Störungs- und Betankungsflüge. Doch offenbar trauen die USA ihren europäischen Partnern die Angriffsmission nicht recht zu und behalten die Situation genau im Auge. Die US-Piloten seien in Bereitschaft und würden ständig über die Lage informiert, heißt es aus Nato-Kreisen.

Bei der Frühjahrstagung der Außenminister des Militärbündnisses in den vergangenen Tagen in Berlin bemühte sich Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, den Einsatz in Libyen auf eine breitere Basis zu stellen und so die Lücke zu schließen, die die US-Luftwaffe in der internationalen Allianz hinterlassen hat. Mindestens zehn zusätzliche Flugzeuge seien nötig, um die Intensität der Luftangriffe aufrechtzuerhalten, sagte Rasmussen nach dem Treffen.

Arabische Partner sind gefragt

Während Italien eine direkte Beteiligung bislang stets abgelehnt hatte, wächst nun in Rom offenbar die Überzeugung, eigene Flugzeuge nach Libyen schicken zu müssen. Auch einige arabische Partner sollen die Bereitschaft für ein stärkeres Engagement signalisiert haben.

Doch sowohl bei den libyschen Aufständischen als auch aus den Reihen der Opposition in Washington werden die Rufe nach einer Rückkehr der US-Streitkräfte an die Spitze der Koalition immer lauter. Die gegen die Gaddafi-Truppen kämpfenden Rebellen forderten eine Ausweitung der Luftangriffe, und der Oppositionsrat in der belagerten Stadt Misurata verlangte sogar den Einsatz von Bodentruppen zum Schutz des Hafens.

In Washington riefen Abgeordnete um den republikanischen Senator John McCain die US-Regierung auf, in Libyen erneut Schlachtflugzeuge vom Typ AC-130 einzusetzen, berichtet die "Washington Post". Die schweren Maschinen können sehr tief fliegen und eignen sich besonders gut für Angriffe auf Bodenziele. Da sie sehr langsam und schwerfällig sind, gelten sie jedoch als äußerst verwundbar. Zwar soll ein Großteil der libyschen Luftabwehr zerstört sein, doch nach Auffassung von US-General Carter Ham, der den Einsatz zu Beginn geleitet hatte, verfügen die Regierungstruppen über zahlreiche tragbare Flugabwehrraketen.

Lange wurde innerhalb der Nato über geteilte Verantwortung diskutiert, doch die zögerlichen Zusagen der europäischen Partner für eine stärkere Beteiligung an dem Einsatz und die schwindenden Munitionsreserven scheinen nun zu zeigen, dass ein Nato-Einsatz ohne die USA nur schwer durchzuführen ist.

boj/dapd

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insgesamt 243 Beiträge
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1. E manus et manus manum lavat
Bruder Theodor 16.04.2011
Zitat von sysopGerät der High-Tech-Krieg gegen Gaddafi schon ins Stocken? Briten und Franzosen gehen laut "Washington Post" die lasergesteuerten Präzisionsbomben für den Nato-Einsatz aus. Die USA verfügen noch massenhaft über moderne Munition - doch sie passt nicht in die europäischen Jets. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757498,00.html
Sehr NATO-untypisch, nicht auf dieselben Munitionen gesetzt zu haben. Deswegen sind ja die NATO-Patronen eingeführt worden, damit sie Tauschware sind. Der lange Weg der europäischen Emanzipation - e manus, von der Hand weg.
2. Hm
DCH 16.04.2011
Zitat von sysopGerät der High-Tech-Krieg gegen Gaddafi schon ins Stocken? Briten und Franzosen gehen laut "Washington Post" die lasergesteuerten Präzisionsbomben für den Nato-Einsatz aus. Die USA verfügen noch massenhaft über moderne Munition - doch sie passt nicht in die europäischen Jets. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757498,00.html
Eigentlich beruhigend, dass der Nato die Munition ausgeht, da sinkt die Gefahr, dass Sarko noch auf die Idee kommt, deutsche Zivilisten zu "schützen".
3. Man koennte Gaddafi einen Waffenstillstand vorschlagen,
Gandhi, 16.04.2011
Zitat von sysopGerät der High-Tech-Krieg gegen Gaddafi schon ins Stocken? Briten und Franzosen gehen laut "Washington Post" die lasergesteuerten Präzisionsbomben für den Nato-Einsatz aus. Die USA verfügen noch massenhaft über moderne Munition - doch sie passt nicht in die europäischen Jets. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757498,00.html
den die NATO dann kuendigen wuerde, wenn wieder 10 lasergesteuerte "Praezisionsbomben" verfuegbar sind.
4. jetzt
cour-age 16.04.2011
Zitat von sysopGerät der High-Tech-Krieg gegen Gaddafi schon ins Stocken? Briten und Franzosen gehen laut "Washington Post" die lasergesteuerten Präzisionsbomben für den Nato-Einsatz aus. Die USA verfügen noch massenhaft über moderne Munition - doch sie passt nicht in die europäischen Jets. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757498,00.html
taucht hier sicherlich sofort die Pro-Gaddafi und ideologische Anti-Nato-Clique wieder auf :-) ... und wie das Gebrüll erst losgehen wird, wenn auf Wunsch aller, die Amis wieder ihre Luftwaffe zur Verfügung stellen... dass keiner von denen auf die Idee kommt, zu sagen, dass der Krieg sofort beendet wäre, würde der diebische Gaddafi-Clan sich, milliardenschwer, ins Privatleben zurückziehen...
5. 'tschuldigung, Guido !
wühlmaus_reloaded 16.04.2011
Vielleicht werden wir Gaddafi ja doch schneller los als befürchtet - er müsste sich inzwischen ja eigentlich schon halb totgelacht haben. Ich fange langsam an, unserem Bundesaußen-Guido Abbitte zu leisten. Seine Verweigerung war wohl doch klüger, als mancher zunächst gedacht hatte ...
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Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014; amtierend); umstritten

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Was Staaten zum Militäreinsatz in Libyen beitragen
Frankreich
Frankreich verfügt über rund hundert Kampfflugzeuge, vorwiegend vom Typ "Rafale" und "Mirage 2000", sowie Awacs-Flugzeuge zur Luftraumüberwachung. Zunächst kamen 33 Kampfflugzeuge zum Einsatz. Paris schickte zudem den Flugzeugträger "Charles de Gaulle" vom südfranzösischen Hafen Toulon aus in Richtung Libyen. Die Stützpunkte Solenzara auf Korsika und N'Djamena im Tschad können als Basis benutzt werden.
Großbritannien
Großbritannien hat Kampfflugzeuge vom Typ "Tornado" und "Eurofighter" in die Nähe von Libyen, auf den italienischen Stützpunkt Gioia del Colle, verlegt. Dort sind auch Awacs-Maschinen stationiert. Insgesamt sind derzeit 17 Maschinen im Einsatz. Zudem befinden sich die Fregatten "Westminster" und "Cumberland" im Mittelmeer.
USA
Die Vereinigten Staaten haben auf dem Stützpunkt Sigonella auf Sizilien F-15- und F-16 Kampfflugzeuge stationiert. Bisher waren 90 Maschinen an den Einsätzen beteiligt. Der Helikopterträger "Bataan" und zwei weitere Kriegsschiffe sollen am Mittwoch von den USA ins Mittelmeer aufbrechen, wo sie die Helikopterträger "Kearsarge" und "Ponce" ablösen sollen. Zudem befinden sich derzeit die Zerstörer "Barry" und "Stout" im westlichen Mittelmeer. Beide haben Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk" an Bord, die am Wochenende eingesetzt werden und auch von U-Booten abgefeuert wurden.
VAE und Katar
Die Vereinigten Emirate (VAE) und Katar beteiligen sich ebenfalls an dem Einsatz. Die VAE entsenden zwölf Kampfflugzeuge zur Durchsetzung des Flugverbots über Libyen. Die jeweils sechs Flugzeuge der Typen F-16 und Mirage sollen sich an Patrouillenflügen zur Überwachung des von den Vereinten Nationen verhängten Flugverbots beteiligen. Katar nimmt mit vier Flugzeugen an dem Militäreinsatz teil.
Italien
Italien hat die Nutzung von sieben Luftwaffenstützpunkten angeboten. Die Luftwaffe hat mit 16 Maschinen in die Libyen-Mission eingegriffen, ein Kriegsschiff kam ebenfalls zum Einsatz.
Spanien
Spanien stellt vier F-18-Kampfjets, ein Flugzeug für die Luftbetankung, ein Marineüberwachungsflugzeug, eine Fregatte und ein U-Boot ab.
Kanada
Kanada hat die Beteiligung von sieben CF-18-Jagdbombern und vier weiteren Maschinen zugesagt, die in Italien stationiert werden. Zudem befindet sich die Fregatte "Charlottetown" in der Region.
Dänemark
Dänemark entsendet vier F-16-Jagdflugzeuge, zwei Reservekampfjets, ein Transportflugzeug auf einen Stützpunkt auf Sizilien.
Norwegen
Norwegen hat sechs F-16-Maschinen zur Durchsetzung der Flugverbotszone über Libyen bereitgestellt.
Belgien
Belgien hat die Beteiligung seiner sechs bei der Nato eingesetzten F-16-Jagdflugzeuge sowie den Einsatz eines Minenjagdboots angeboten.
Niederlande
Die Niederlande beteiligen sich mit sieben Kampfflugzeugen und einem Schiff an der Militäraktion.
Griechenland
Griechenland stellt Stützpunkte, zwei Flugzeuge und ein Kriegsschiff zur Verfügung.
Rumänien und Bulgarien
Aus Rumänien und Bulgarien wurde je ein Kriegsschiff in die Krisenregion verlegt.
Türkei
Die Regierung in Ankara trägt mit sieben Flugzeugen zu der Mission bei, darunter sechs F-16-Jets. Außerdem sind vier türkische Fregatten, ein U-Boot und ein Versorgungsschiff im Einsatz.
Die Uno-Resolution zu Libyen
Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten
Der Sicherheitsrat "autorisiert die Mitgliedstaaten, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um Zivilisten und von Zivilisten bewohnte Gebiete in Libyen zu schützen, denen ein Angriff droht - inklusive Bengasi. Eine ausländische Besatzungsmacht auf libyschem Territorium wird in jeglicher Form ausgeschlossen".
Forderung nach Waffenstillstand
Der Rat "verlangt einen sofortigen Waffenstillstand, ein vollständiges Ende des Gewalt und aller Angriffe auf Zivilisten".
Flugverbotszone und Überflugsrechte
Der Rat "beschließt, ein Verbot aller Flüge im Luftraum Libyens zu verhängen, um zum Schutz von Zivilisten beizutragen". Außerdem ruft er "alle Mitgliedsstaaten auf, Hilfe zur Umsetzung des Flugverbots zu leisten, einschließlich der Erteilung von Überflugsrechten". Ausgenommen sind humanitäre Flüge und von den Vereinten Nationen und der Arabischen Liga genehmigte Flüge.
Libysche Flugzeuge im Ausland festsetzen
Der Rat "beschließt, dass alle Staaten jedem in Libyen registrierten Flugzeug (...) den Start, die Landung oder die Rechte des Überflugs über ihr Territorium verweigern".
Waffenembargo wird verschärft
Alle Staaten sind angewiesen, jedes libysche Flugzeug - oder ein Flugzeug, das mutmaßlich Waffen oder Söldner transportiert - nicht ohne Zustimmung des Uno-Komitees zur Überwachung der Sanktionen starten, landen oder ihren Luftraum benutzen zu lassen.
Forderung an libysche Behörden
Der Rat "verlangt von den libyschen Behörden, dass sie den Verpflichtungen unter dem Völkerrecht (...) nachkommen und alle Maßnahmen ergreifen, um Zivilisten zu schützen und deren Grundbedürfnisse zu befriedigen".
Zustrom bewaffneter Söldner stoppen
Der Rat "bedauert den anhaltenden Zustrom von Söldnern nach Libyen und ruft die Mitgliedstaaten auf, (...) den Zustrom bewaffneter Söldner zu unterbinden".
Libysche Konten werden eingefroren
Die Guthaben dieser Finanzinstitutionen werden eingefroren: der Zentralbank, der Libyschen Investmentbehörde, der Libyschen Auslandsbank, dem Libyschen Afrika-Investment-Portfolio und der Libyschen Nationalen Ölgesellschaft. Eingefroren werden außerdem die Guthaben dreier weiterer Kinder Gaddafis, des Verteidigungsministers, des Geheimdienstchefs, des Direktors der externen Sicherheitsorganisation und des Ministers für Energieversorgung.
Reiseverbote für libysche Politiker
Die Reisefreiheit des libyschen Botschafters im Tschad und des Gouverneurs von Ghat, die beide Söldner für Gaddafis Regime angeworben haben sollen, wird aufgehoben.