Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Libyen-Krieg: Rebellen fühlen sich von Nato im Stich gelassen

Die libyschen Rebellen bejubelten anfangs die Luftangriffe der Alliierten, doch jetzt wendet sich das Blatt. Die Aufständischen erheben schwere Vorwürfe gegen die Nato. Die fliege zu wenige Bombardements gegen Gaddafis Verbände und lasse "die Menschen in Misurata sterben", sagte Militärchef Junis.

Bengasi - Die Stadt ist in der Hand der libyschen Rebellen, aber die Soldaten von Despot Muammar al-Gaddafi haben Misurata noch lange nicht aufgegeben. Immer noch gibt es erbitterte Gefechte - und die Aufständischen fühlen sich von der Nato im Stich gelassen. Das Militärbündnis bombardiere die Truppen von Gaddafi "dann und wann, hier und da und lässt jeden Tag die Menschen in Misurata sterben", sagte Abd al-Fattah Junis, Militärchef der Aufständischen und früherer Innenminister des Gaddafi-Regimes. In Misurata drohe eine "Ausrottung im wahrsten Sinne des Wortes", sagte Junis. "Die Nato hat uns enttäuscht."

Das Militärbündnis komme nur langsam voran. Das mache den Vormarsch der Gaddafi-Truppen möglich. Die Rebellen erwögen nun, das Thema vor den Uno-Sicherheitsrat zu bringen. Die Nato reagiere nur sehr langsam, in der Kommando-Kette gehe es zu schleppend voran.

Ein Aufständischer in Misurata sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Stadt sei erneut mit Panzern und Artillerie angegriffen worden. "Leider war der Nato-Einsatz in Misurata nicht wirksam. Zivilisten sterben jeden Tag."

"Die Rebellen sehen uns möglicherweise nicht"

Die Nato erklärte zu der Kritik, sie setze das Uno-Mandat um. "Die Rebellen sehen uns möglicherweise nicht", sagte ein Nato-Sprecher. "Wir sind vielleicht 100 oder 150 Kilometer entfernt." Aber in den vergangenen sechs Tagen seien 851 Lufteinsätze geflogen worden, sagte er. "Die Fakten sprechen für sich."

Junis rief die Nato auf, bei der Flugverbotszone eine Ausnahme für die Rebellen zu machen, damit diese Truppen Gaddafis mit eigenen Flugzeugen angreifen können. Die von den Vereinten Nationen beschlossene Flugverbotszone über Libyen war in erster Linie dazu gedacht, die Angriffe von Gaddafis Luftwaffe gegen Zivilisten und Aufständische zu stoppen.

Die Nato-Führung hatte zuvor darauf hingewiesen, dass gezielte Luftangriffe, etwa bei Misurata, Piloten und Einsatzplaner vor größte Probleme stellten. Gaddafi missbrauche inzwischen die Zivilbevölkerung als "Schutzschild", um schwere Waffen, wie beispielsweise Panzer und Schützenpanzer, vor Angriffen der internationalen Truppen zu schützen. Insgesamt verfüge Gaddafi nach Ansicht der Nato jetzt über 30 Prozent weniger Militärkapazität als vor Beginn der Luftschläge zum Schutz der Zivilbevölkerung.

Waffenlieferungen für Aufständische

Junis bestätigte zudem erstmals Waffenlieferungen aus befreundeten Ländern - unter Umgehung des Waffenembargos. Bruderländer sowie freundlich gesonnene Staaten hätten leichte Waffen geliefert, sagte der Militärchef der Rebellen dem arabischen Satellitensender Al-Aan. "Das ist aber nicht genug."

Misurata ist die einzige Stadt im Westen des Landes, die in der Hand der Aufständischen ist. Seit Wochen liefern sich Rebellen und Gaddafi-treue Truppen erbitterte Kämpfe um die Stadt, die rund 200 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt ist.

Die Nato hatte vor knapp einer Woche das Kommando über den Militäreinsatz übernommen, mit dem die von den Vereinten Nationen verhängte Flugverbotszone über Libyen durchgesetzt werden soll. Nach Angaben der Nato in Brüssel kam es bei den bisherigen Einsätzen bei 334 Fällen zum Beschuss von militärischen Zielen des Gaddafi-Regimes. Die Nato-Kräfte unterließen Angriffe, wenn Zivilisten erkennbar als menschliche Schutzschilde eingesetzt würden, erklärte Nato-General Mark van Uhm in Brüssel.

"Wir haben Beweise, dass der Mord an Zivilisten von Gaddafi geplant war"

Gaddafis Regierung erneuerte unterdessen ihr Gesprächsangebot an die Aufständischen. Die Rebellen müssten ihre Waffen niederlegen, dann könnten sie "sich am politischen Prozess beteiligen", sagte Vizeaußenminister Chaled Kaim am Dienstagabend in Tripolis. Der Prozess könne von Vertretern der Afrikanischen Union (AU) und der Uno überwacht werden.

Eine AU-Delegation will laut Kaim kommende Woche nach Libyen reisen, um einen Ausweg aus der Krise zu suchen. Ab dem 15. April werde eine Delegation des Uno-Menschenrechtsrats in Libyen sein. Kaim teilte zudem mit, dass der libysche Vizeminister für europäische Angelegenheiten, Abdelati Obeidi, zum Nachfolger des nach Großbritannien geflohenen Außenministers Mussa Kussa ernannt wurde.

Auch die Aufständischen planten weitere Gespräche mit internationalen Vertretern. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sagte laut Nachrichtenagentur Anadolu kurz vor seinem Abflug aus Bahrain nach Katar, er treffe in Katar den Außenbeauftragten des Übergangsrats, Mahmud Dschibril. In den kommenden Tagen werden zudem libysche Oppositionsvertreter in Ankara erwartet, wie türkische Diplomaten sagten. In Bengasi traf am Dienstag der US-Gesandte Chris Stevens zu Gesprächen mit dem Übergangsrat ein.

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luis Moreno Ocampo, warf Gaddafi und seinen Gefolgsleuten vor, die Gewalt gegen Zivilisten geplant zu haben. "Wir haben Beweise, dass der Mord an Zivilisten ein vorab beschlossener Plan war", sagte Moreno Ocampo. Er hatte Anfang März Ermittlungen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Gaddafi, drei seiner Söhne und vier weitere Mitglieder der libyschen Führungsriege eingeleitet.

hen/Reuters/AFP/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Beginne nie einen Krieg..
Baikal 06.04.2011
Zitat von sysopDie libyschen Rebellen*bejubelten anfangs die Luftangriffe der*Alliierten, doch jetzt wendet sich das Blatt. Die Aufständischen erheben schwere Vorwürfe gegen die Nato. Die fliege zu wenige Bombardements gegen Gaddafis Verbände und lasse "die Menschen in Misurata sterben", sagte Militärchef Junis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755308,00.html
.. den zu gewinnen du nic ht fest entschlossen bist, wußte schon Clausewitz. Aber der "westen", sprich diese Napoleon-Karrikatur Sarkotzky, der Blair-Verschnitt Cameron und uns Obambi ist sogar dazu zu doof, erst wurde mit falschen Leuten zum falschen Zeitpunkt begonnen, ohne Plan A und ohne Plan B, einfach ins Blaue hinein und jetzt kommt die Pleite. Dass die deutsche Regierung aus falschen
2. ach was
Hagen65 06.04.2011
Wen überrascht das denn? Es wird am Ende weder Dankbarkeit noch Anerkennung für den westlichen Einsatz geben, nur Vorwürfe und Forderungen.
3. ...
Rodri 06.04.2011
Wenn man seine besten Waffen al Al Qaida in Mali verkauft, muss man sich nicht wundern, wenn man keine guten Waffen mehr hat.
4. !
Noctim 06.04.2011
Da unten werden dann in Zukunfz die Terroristen der kommenden 15 Jahre gezüchtet. Ein Lob an unsere "Verbündeten", die ihr Image immer weiter in den Dreck ziehen. Zum Glück haben wir uns enthalten und nicht mitgemacht.
5. stimmt
janne2109 06.04.2011
Zitat von Hagen65Wen überrascht das denn? Es wird am Ende weder Dankbarkeit noch Anerkennung für den westlichen Einsatz geben, nur Vorwürfe und Forderungen.
und aus diesem Grund ist es richtig, dass Deutschland sich nicht beteiligt hat. Was ist das für eine friedliche Forderung womöglich Soldaten zu bombardieren?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Libyen-Reiseseite


Interaktive Karten
SPIEGEL ONLINE
Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen
Was Staaten zum Militäreinsatz in Libyen beitragen
Frankreich
Frankreich verfügt über rund hundert Kampfflugzeuge, vorwiegend vom Typ "Rafale" und "Mirage 2000", sowie Awacs-Flugzeuge zur Luftraumüberwachung. Zunächst kamen 33 Kampfflugzeuge zum Einsatz. Paris schickte zudem den Flugzeugträger "Charles de Gaulle" vom südfranzösischen Hafen Toulon aus in Richtung Libyen. Die Stützpunkte Solenzara auf Korsika und N'Djamena im Tschad können als Basis benutzt werden.
Großbritannien
Großbritannien hat Kampfflugzeuge vom Typ "Tornado" und "Eurofighter" in die Nähe von Libyen, auf den italienischen Stützpunkt Gioia del Colle, verlegt. Dort sind auch Awacs-Maschinen stationiert. Insgesamt sind derzeit 17 Maschinen im Einsatz. Zudem befinden sich die Fregatten "Westminster" und "Cumberland" im Mittelmeer.
USA
Die Vereinigten Staaten haben auf dem Stützpunkt Sigonella auf Sizilien F-15- und F-16 Kampfflugzeuge stationiert. Bisher waren 90 Maschinen an den Einsätzen beteiligt. Der Helikopterträger "Bataan" und zwei weitere Kriegsschiffe sollen am Mittwoch von den USA ins Mittelmeer aufbrechen, wo sie die Helikopterträger "Kearsarge" und "Ponce" ablösen sollen. Zudem befinden sich derzeit die Zerstörer "Barry" und "Stout" im westlichen Mittelmeer. Beide haben Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk" an Bord, die am Wochenende eingesetzt werden und auch von U-Booten abgefeuert wurden.
VAE und Katar
Die Vereinigten Emirate (VAE) und Katar beteiligen sich ebenfalls an dem Einsatz. Die VAE entsenden zwölf Kampfflugzeuge zur Durchsetzung des Flugverbots über Libyen. Die jeweils sechs Flugzeuge der Typen F-16 und Mirage sollen sich an Patrouillenflügen zur Überwachung des von den Vereinten Nationen verhängten Flugverbots beteiligen. Katar nimmt mit vier Flugzeugen an dem Militäreinsatz teil.
Italien
Italien hat die Nutzung von sieben Luftwaffenstützpunkten angeboten. Die Luftwaffe hat mit 16 Maschinen in die Libyen-Mission eingegriffen, ein Kriegsschiff kam ebenfalls zum Einsatz.
Spanien
Spanien stellt vier F-18-Kampfjets, ein Flugzeug für die Luftbetankung, ein Marineüberwachungsflugzeug, eine Fregatte und ein U-Boot ab.
Kanada
Kanada hat die Beteiligung von sieben CF-18-Jagdbombern und vier weiteren Maschinen zugesagt, die in Italien stationiert werden. Zudem befindet sich die Fregatte "Charlottetown" in der Region.
Dänemark
Dänemark entsendet vier F-16-Jagdflugzeuge, zwei Reservekampfjets, ein Transportflugzeug auf einen Stützpunkt auf Sizilien.
Norwegen
Norwegen hat sechs F-16-Maschinen zur Durchsetzung der Flugverbotszone über Libyen bereitgestellt.
Belgien
Belgien hat die Beteiligung seiner sechs bei der Nato eingesetzten F-16-Jagdflugzeuge sowie den Einsatz eines Minenjagdboots angeboten.
Niederlande
Die Niederlande beteiligen sich mit sieben Kampfflugzeugen und einem Schiff an der Militäraktion.
Griechenland
Griechenland stellt Stützpunkte, zwei Flugzeuge und ein Kriegsschiff zur Verfügung.
Rumänien und Bulgarien
Aus Rumänien und Bulgarien wurde je ein Kriegsschiff in die Krisenregion verlegt.
Türkei
Die Regierung in Ankara trägt mit sieben Flugzeugen zu der Mission bei, darunter sechs F-16-Jets. Außerdem sind vier türkische Fregatten, ein U-Boot und ein Versorgungsschiff im Einsatz.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: