Kämpfe in Libyens Hauptstadt Mehr als 400 Häftlinge aus Gefängnissen in Tripolis entkommen

Libyens Regierung entgleitet die Kontrolle über die Hauptstadt: Nach schweren Kämpfen zwischen Milizen in Tripolis sind Hunderte Gefängnisinsassen ausgebrochen - darunter offenbar auch Gaddafi-Getreue.

Qualm über der libyschen Hauptstadt Tripolis
REUTERS

Qualm über der libyschen Hauptstadt Tripolis


Durch das Chaos in der libyschen Hauptstadt Tripolis ist rund 400 Häftlingen die Flucht aus einem Gefängnis gelungen. Wegen neuer Kämpfe sei unter den Häftlingen eine Meuterei ausgebrochen, teilte die libysche Polizei mit. Um das eigene Leben nicht zu gefährden, habe das Wachpersonal der Ain-Sara-Haftanstalt sie ziehen lassen müssen. In der Strafanstalt waren zumeist gewöhnliche Kriminelle und Anhänger des früheren Machthabers Gaddafi untergebracht.

Das Gefängnis liegt im Süden der Stadt, wo es seit einer Woche immer wieder zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen kommt. Dabei wurden auch Flüchtlingslager der Tuareg getroffen. Auf deren Camp sowie auf ein Diesellager der staatlichen Ölfirma NOC gingen am Sonntag Geschosse nieder. Doch nicht nur am Stadtrand ist die Lage brandgefährlich: Auch in das Waddan Hotel in der Innenstadt in der Nachbarschaft der italienischen Botschaft schlug eine Rakete ein.

Eine vereinbarte Waffenruhe hielt nur kurz. Das Gesundheitsministerium berichtete, 49 Menschen seien ums Leben gekommen und 129 verletzt worden. Die Regierung rief den Notstand aus. Dieser diene dem Schutz der Zivilbevölkerung.

Seit dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen Bürgerkrieg. Zahlreiche bewaffnete Gruppen bekämpfen sich gegenseitig. Die international anerkannte Regierung in Tripolis konnte ihren Einfluss kaum über die Hauptstadt hinaus ausdehnen. Sie konkurriert mit einer Regierung im Osten des Landes. Beide werden von schwerbewaffneten Milizen unterstützt.

Für Dezember sind eigentlich Wahlen geplant, sie erscheinen aber angesichts des Chaos im Land und nun auch in der Hauptstadt unwahrscheinlich. Noch Ende April hatte Libyens Außenminister SPIEGEL ONLINE gesagt, die Sicherheitslage in der Hauptstadt habe sich verbessert, man plane nun ein Verfassungsreferendum. Danach sieht es nun nicht mehr aus.

cht/dpa/AFP/Reuters



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