Tripolis - Fünf Frachtflugzeuge voller Geldscheine, die laut dem britischen "Guardian" aus einer deutschen Druckerei stammen, sollen demnächst am internationalen Flughafen in Tripolis landen. Dort soll das Geld auf LKW verladen und dann in die Zentralbank in der Altstadt von Tripolis transportiert werden. Der internationale Flughafen liegt etwa 30 Kilometer südlich der Altstadt.
Schon unter stabilen Bedingungen klingt das wie die Vorlage zu einem Hollywoodfilm, in dem irgendwann etwas explodiert und Geldscheine durch die Luft flattern. Doch Libyen ist kein stabiles Land, sondern eines, das von diversen rivalisierenden Milizen beherrscht wird, in dem Teile der alten Gaddafi-Armee immer noch eine maßgebliche Rolle spielen und dessen Nationaler Übergangsrat auch unter der eigenen Bevölkerung umstritten ist. Nun wird um den Ort, an dem der Geldsegen vom Himmel fallen soll, mit Waffengewalt gekämpft.
Scheine bei Nacht angeliefert
Am Wochenende haben die USA und der Uno-Sicherheitsrat die Sanktionen gegen Libyen fast vollständig aufgehoben. Bis Ende November hatte der Uno-Sanktionsausschuss nur 18 Milliarden Dollar freigegeben. Insgesamt sollen der libyschen Staatsführung etwa 112 Milliarden Euro zufließen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta kam am Samstag persönlich nach Tripolis um zu gratulieren. Doch Libyen ist von echtem Frieden noch weit entfernt.
Schon Ende August waren Reuters zufolge etwa 280 Millionen Dinar in bar nach Tripolis geflogen worden, damals kamen die Scheine, die zum Teil noch das Konterfei von Muammar al-Gaddafi trugen, aus Großbritannien. Bei Nacht hatte man die Scheine am Flughafen in Bengasi angeliefert.
Der Berg Bares, der jetzt nach Libyen transportiert werden soll, ist ungleich größer. In einem Land wie Libyen dürfte die Truppe, die den Transport des Geldes vom Flughafen in die Zentralbank überwacht und schützt, wohl eine saftige Sicherheitsgebühr verlangen. Allein diese Tatsache erklärt, dass nun bewaffnete Kämpfe um den Airport ausgetragen werden. Doch es geht um mehr - die Milizen sorgen sich um ihre künftige Rolle im Land.
Zwei Versuche, den Flughafen zu übernehmen, in einer Woche
Am 10. Dezember tauchte an einem Checkpoint etwa drei Kilometer vom Flughafen entfernt plötzlich ein Konvoi aus Fahrzeugen der libyschen Armee auf. Die bewaffneten Männer an Bord der Fahrzeuge erklärten den erstaunten Wachposten, sie seien gekommen, um die Sicherung des Flughafens zu übernehmen. Es folgte eine Schießerei, in deren Verlauf zwei Männer auf Seiten der Miliz aus Sintan, die den Flughafen derzeit bewacht, verletzt wurden. Der Flugverkehr wurde vorübergehend eingestellt.
Der Kommandeur der Truppe, Muchtar al-Achdar, sagte Reuters damals, die Angreifer seien zwar in Fahrzeugen der Armee gekommen, der Armeechef Chalifa Belkasim Haftar habe jedoch erklärt, er wisse nicht, wer die Männer gewesen seien. Dem "Guardian" zufolge machten sich Mitte der Woche jedoch erneut Armee-Einheiten auf den Weg zum Flughafen, diesmal mit Unterstützung aus dem Osten Libyens, die jedoch 200 Meilen westlich des Flughafens von Einheiten aus Misurata gestoppt worden sei. Die Miliz von Misurata hat sich mit der aus Sintan verbündet.
Die nationale Armee besteht überwiegend aus Offizieren, die der Armee von Muammar al-Gaddafi im Februar 2011 zu den Rebellen übergelaufen waren. Diese "Armee" habe "eine Menge Häuptlinge, aber ziemlich wenige Indianer", höhnt der "Guardian".
Mordanschlag auf den Armeechef
Vor genau einer Woche wurde ein weiteres Mal deutlich, was viele Milizionäre von der Armee halten: Wiederum in der Nähe des Flughafens wurde ein Konvoi angegriffen, in dem auch Armeechef Chalifa Belkasim Haftar unterwegs war. Die Armee geht davon aus, dass versucht worden war, Haftar zu ermorden.
Man müsse die Ex-Rebellen verstehen, warb Premierminister Abd al-Rahim al-Kib jüngst in einem BBC-Interview um Verständnis für die Milizionäre. Diese jungen Männer hätten ihr Leben riskiert, um die Diktatur zu beenden, stünden nach ihrem Ende nun jedoch ohne Perspektive da. "Wir wollen ihnen Möglichkeiten eröffnen, sowohl in der nationalen Armee und der Polizei als auch außerhalb", sagte Kib. Man müsse ihnen vermitteln, dass sie auch im neuen, zivilen Libyen geschätzt würden, so wie in den Monaten der Kämpfe.
Die Milizen von Sintan und Misurata fühlen sich als Gewinner des Kriegs, denn sie waren es, die im August Tripolis einnahmen. Sie sind durchaus in der Lage, auch politische Macht zu entfalten: Der neue Verteidigungsminister stammt aus Sintan, der Innenminister aus Misurata. Auch die Verteilung der Ministerien über das halbe Land dürfte eine Menge mit dem Versuch zu tun haben, es allen Milizen recht zu machen. Die Rebellenhauptstadt Bengasi soll das Ölministerium bekommen, Misurata das Finanzministerium, Darna im Osten den Sitz des Kulturministeriums.
Doch die beiden nun verbündeten Milizen aus Sintan und Misurata befürchten wohl, dass die Mitglieder des Nationalen Übergangsrats, der zu Beginn der Revolution im östlichen Bengasi gebildet wurde, sie von dem erwarteten Geldsegen abschneiden könnten. Selbst US-Verteidigungsminister Panetta gab in Tripolis zu, dass es "eine Weile dauern" könne, bis die Milizen entwaffnet seien. Die Miliz aus Sintan lässt den Flughafen derzeit von sieben Brigaden mit je 150 Mann bewachen, berichtet der "Guardian".
Das Scharmützel in der Nähe des Flughafens war nur eines von vielen, die sich in Libyen derzeit immer wieder ereignen. Am vergangenen Montag etwa wurden bei Gefechten zwischen rivalisierenden Milizen südlich von Tripolis nach Angaben von Anwohnern mehrere Menschen getötet. Auch hier war die Miliz aus Sintan involviert.
Der Übergangsrat hatte am 23. Oktober nach 42 Jahren unter der Herrschaft Gaddafis, der am 20. Oktober getötet wurde, die Befreiung des Landes erklärt. Ende November wurde die Übergangsregierung vereidigt.
cis/AFP/Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Machtwechsel in Libyen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH