Libyens gestürmter Öltanker Navy Seals stoppen abtrünnigen Rebellen

Ibrahim Dschadran hatte große Pläne: Der Rebellenchef will im Osten Libyens seinen eigenen Staat gründen. Nun haben ihn die Amerikaner gestoppt - Navy Seals stürmten den Tanker, mit dem er Öl verkaufen wollte.

Ibrahim Dschadran: Er will in Ostlibyen seinen eigenen Staat gründen
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Ibrahim Dschadran: Er will in Ostlibyen seinen eigenen Staat gründen


Am Montagmorgen gegen 4 Uhr Ortszeit war es plötzlich vorbei mit der Odyssee des mysteriösen Öltankers, der von drei abtrünnigen libyschen Rebellen kommandiert wurde. Im Schutze der Dämmerung stiegen Mitglieder der US-Elite-Einheit Navy Seals südöstlich von Zypern an Bord der "Morning Glory" und beschlagnahmten ihn im Auftrag der libyschen Zentralregierung - denn der gehört das Öl.

Nach Angaben des US-Verteidigungsministerium wurde bei dem Einsatz in internationalen Gewässern niemand verletzt. Drei bewaffnete Libyer seien an Bord des Tankers gewesen. Nun wird das Schiff von den Amerikanern nach Westen Richtung Libyen eskortiert.

Nicht nur die Flucht der "Morning Glory" ist vorerst gestoppt. Auch der Plan von Ibrahim Dschadran wurde damit durchkreuzt - allerdings nur vorerst. Der libysche Rebellenchef steckt hinter der Aktion. Er ist zwischen 32 und 34 Jahre alt, über sein Alter gibt es nur verschiedene Angaben. Immer zeigt er sich gut rasiert, mittlerweile gern auch im schicken Anzug. In seiner Machtbasis Ostlibyen gilt er vielen als Held: Er saß in Gaddafis Gefängnissen ein und kämpfte als Rebell.

Ibrahim Dschadran will in Ostlibyen seinen eigenen Staat erschaffen. Sich selbst und seine Männer hat er zur Regierung von Cyrenaica ausgerufen, benannt nach der einstigen römischen Provinz in Ostlibyen. Nach ihrer Logik gehört ihnen damit auch das Öl in der Region. Nur erkennt dies außer Dschadran und seinen Männern bisher niemand an.

Das ist nicht das einzige, was sich hinter der Affäre um den Öl-Tanker verbirgt. Bei der Affäre um den von Rebellen gesteuerten Tanker gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute.

Libyen hält trotz aller Vorhersagen noch zusammen

Immer wieder wird mit einem Zerfall Libyens gerechnet. Doch die Tanker-Affäre zeigt, dass es noch Kräfte gibt, die das Land zusammenhalten.

Seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 wird Libyen von einer Vielzahl von Milizen regiert, darunter auch die Männer um Ibrahim Dschadran. Sein Fall ist typisch für die Probleme, vor denen die Zentralregierung steht: Dschadran war ein charismatischer Rebellenchef. Im Juli 2012 ernannte Tripolis ihn zum Wächter der Ölhäfen im Osten des Landes. Aber dann entschied der junge Dschadran, lieber das Öl für sich und seine Region zu reklamieren, die von Tripolis immer vernachlässigt wurde, anstatt für die Zentralregierung zu arbeiten.

Nun muss Dschadran allerdings feststellen, dass dies nicht ganz so einfach ist. International hat Dschadran fleißig um die Anerkennung seines Staates Cyrenaica geworben und mit Öl gelockt. Doch er stieß damit weitgehend auf taube Ohren. Völkerrechtlich gesehen kann Dschadran nicht einfach ein neues Land ausrufen. Das umstrittene Öl will kaum jemand haben.

Im Januar steuerte ein Tanker unter maltesischer Flagge auf Dschadrans Häfen zu und drehte dann doch um. Dieses Mal ist es dem charismatischen Milizenchef zwar gelungen, ein Tankschiff zu befüllen. Doch konnte er dann damit nirgendwo anlegen.

Seit Freitag lag die "Morning Glory" im internationalen Gewässer vor Zypern. Drei Männer, die auf einem gemieteten Boot zum Tanker hinüberfuhren, um mit Dschadrans Männer zu verhandeln, wurden auf dem Rückweg von den Zyprioten verhaftet, berichtete die "Cyprus Daily".

Tripolis kann die Abtrünnigen nicht aufhalten

Die schlechte Nachricht: Die Tanker-Affäre hat wieder einmal aufgezeigt, dass es mit der Macht der libyschen Regierung nicht so weit her ist. Zwar ist das Land noch nicht offiziell in verschiedene Teile zerfallen, doch das ändert wenig daran, dass Tripolis de facto an vielen Orten wenig zu sagen hat. Letztendlich haben nur die USA den Ölverkauf des abtrünnigen Rebellenchefs dieses Mal noch verhindern können, nicht die libysche Zentralregierung. Die hat sich in der Affäre gründlich blamiert.

Immer wieder hatte Tripolis dem Tanker gedroht, als er noch vor Libyens Ostküste lag - mit einer Seeblockade und einer Bombardierung. Doch als die "Morning Glory" nachts still und heimlich davonfuhr, zeigte sich, dass es mit den Drohungen nicht weit her ist. Die Seeblockade bestand nur aus ein paar Fischerbooten, auf denen Männer mit Gewehren standen. An einen Einmarsch in Ost-Libyen, um die Häfen zurückzuerobern, scheint Tripolis gar nicht erst zu denken.

Rund zwei Jahre nach dem Ende des Regimes von Gaddafi hat Libyen längst nicht zu Stabilität zurückgefunden, im Gegenteil - die Situation scheint zunehmend bedrohlicher.

Noch immer haben regionale Milizen das Sagen, nicht nationale Sicherheitskräfte. Teile des Landes, vor allem der Osten und der Süden, scheinen sich der Kontrolle der Zentralregierung zu entziehen. Sogar in der Hauptstadt kommt es manchmal wieder zu Gewalt.

Jetzt muss auch noch eine neue Regierung gefunden werden, ein schwieriges Unterfangen. Premierminister Ali Seidan ist über die Öltanker-Affäre gestürzt, aber - und das ist angesichts der Umstände noch ein positives Signal - nicht mit Gewalt, sondern per Misstrauensvotum.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 17.03.2014
1.
Das find ich jetzt aber ein bisschen unfair. Der Mann wollte doch nur die Freiheit nutzen, mit der wir das Land zugebombt haben...
spon-facebook-10000468189 17.03.2014
2.
Das reichste Land in Afrika - was is nun geworden? Die Amerikaner die die Demokratie der ganzen Welt mit Bomben beibringen.. wollen jetzt die Leute vom Lande nicht lassen um selber zu bestimmen? Sind die Amerikaner nicht Kriminäller? Was haben Sie diesem Land gebracht? Nur Zerstörung, Not..
willi_der_letzte 17.03.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSIbrahim Dschadran hatte große Pläne: Der Rebellenchef will im Osten Libyens seinen eigenen Staat gründen. Nun haben ihn die Amerikaner gestoppt - Navy Seals stürmten den Tanker, mit dem er Öl verkaufen wollte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/libyen-navy-seals-stoppen-ibrahim-dschadran-a-959028.html
Wie kann er es wagen Öl zu verkaufen ohne die Zustimmung des Westens geholt zu haben?
JayMAF 17.03.2014
4. Da bleibt dann nur noch ...
Zitat von willi_der_letzteWie kann er es wagen Öl zu verkaufen ohne die Zustimmung des Westens geholt zu haben?
Da bleibt dann nur noch: (1) Einreisesperre und (2) Konten einfrieren Sonst kommen noch andere auf die Idee, sich gegen die Interessen des Westens aufzulehnen - uuaaaaahhhh!
umweltfreak 17.03.2014
5. Usa:
was Voelkerrecht ist, bestimmen wir. Traurig, aber leider wahr. Mit welchem Recht stuermen und kapern Navy Seals auslaendische Schiffe? Verbrecher!
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