Kampf gegen Schlepper Libyens Premier beklagt fehlende Hilfe des Westens

Libyen versinkt im Chaos - ideale Bedingungen für Schlepper und Terroristen. Seit März hat das Land nun zumindest wieder einen Premier. Im SPIEGEL stellt er klare Forderungen an den Westen.

Flüchtlinge vor Libyen
AP

Flüchtlinge vor Libyen


Die Aufgaben, die vor Libyens neuem Premierminister Fayez Sarraj liegen, sind gewaltig. Er ist erst seit März im Amt, die Vereinten Nationen haben ihn eingesetzt, im eigenen Land wird er von den politischen Kräften im Osten nicht als Regierungschef anerkannt. Trotzdem soll Sarraj die politische Spaltung des zerrissenen Landes überwinden, den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) gewinnen wie auch den gegen Schleppernetzwerke, die Libyen zur Drehscheibe für Flüchtlinge gemacht haben.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Im SPIEGEL-Gespräch kritisierte Sarraj nun ausgerechnet in der Flüchtlingsfrage mangelnde Unterstützung und Kooperation mit Europa. Er erwarte mehr Engagement von Europa, sagte der Premierminister, die Europäer sollten unter anderem Druck auf die umliegenden Länder im Süden ausüben: "Auf Tschad, Niger, Mali. Damit die Grenzkontrollen funktionieren und ernst genommen werden. Die Grenzsoldaten auf beiden Seiten benötigen Training." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Fayez Sarraj
DPA

Fayez Sarraj

Das Gespräch mit dem SPIEGEL fand auf einem Marinestützpunkt nahe Tripolis statt, an dem Sarraj eines seiner Büros eingerichtet hat. An den Wänden hängen Bilder von Seeschlachten, überall brennt und explodiert etwas. Der Premierminister selbst wird von Milizen geschützt, die Terrorgefahr im Land ist omnipräsent. Aber ob man lebt oder stirbt, liege ohnehin in den Händen Gottes, sagt Sarraj: "Man sollte nicht so viel Angst haben."

Auch was die EU-Militäroperation "Sophia" im Mittelmeer betreffe, mit der Schlepper bekämpft werden sollen, hoffe er, dass die Europäer die libysche Marine modernisieren und unterstützen würden, damit diese die ihr zugedachte Rolle wahrnehmen kann. Zur Zeit sei die Marine sehr schwach.

Die Lage in Libyen
DER SPIEGEL

Die Lage in Libyen

Der 56-Jährige kündigte an, den Kampf gegen Schleppernetzwerke in seinem Land mit Deutschland, Italien, und der EU gemeinsam fuhren zu wollen, "damit wir die Flüchtlinge retten und die Schmuggler besiegen können".

Zehntausende kommen über das Meer - viele ertrinken

Das Parlament in Tobruk im Osten Libyens forderte der Premier auf, endlich die entscheidende Sitzung stattfinden zu lassen und seine Regierung anzuerkennen, um die derzeitige politische Blockade zu überwinden.

Aus Libyen starten jedes Jahr Zehntausende Flüchtlinge die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa - viele kommen dabei ums Leben. Das Land hat sich zu einem Zentrum der Menschenschleuser entwickelt, die sich im quasi rechtsfreien Raum nach Jahren voller gewaltsamer Konflikte eingerichtet haben. Gleiches gilt für die Einheiten des IS.

Die EU versucht seit längerem, dem Chaos in Libyen auch militärisch entgegenzutreten. An der Mission "Sophia" sind deutsche Marinesoldaten beteiligt, sie sollen unter anderem den Aufbau der libyschen Küstenwache und den Kampf gegen Schmuggler unterstützen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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INGXXL 20.08.2016
1. Wenn die EU so konsequent
Vorgehen würde wie Australien wäre das Problem gelöst
gehirngebrauch 20.08.2016
2. hier sind
zu allererst die franzosen und amerikaner in der pflicht, die das land ins mittelalter zurückgebombt haben. auch deutschland ist in der pflicht wegen beihilfe mit awacs-flugzeugen oder luftbetankung.
sapereaude! 20.08.2016
3.
Zitat von gehirngebrauchzu allererst die franzosen und amerikaner in der pflicht, die das land ins mittelalter zurückgebombt haben. auch deutschland ist in der pflicht wegen beihilfe mit awacs-flugzeugen oder luftbetankung.
Niemand hat das Land "ins Mittelalter zurückgebombt". Aber diesbezüglich stimme ich Ihnen zu: Die USA und Frankreich haben den Staatschef liquidiert, das stimmt. Insofern haben sie auch das Chaos im Land zumindest mitverschuldet. Und insofern sind sie auch in der Pflicht, dort wieder für Ordnung zu sorgen und sich der Schutzsuchenden anzunehmen. Andererseits obliegt es natürlich auch der von der Willkürherrschaft befreiten Bevölkerung, das Land wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die Menschen haben eine Chance, aus ihrem Land etwas zu machen. Leider nutzen sie sie nicht. Die Flucht nach Europa ist eben einfacher.
sarkasmis 20.08.2016
4. Perfekt!
Bislang hatte ich den Eindruck, dass die Libyer gerne beide Augen zumachen und dass Forderungen nach Hilfe immer Cash meinen. Man müsste mit Libyen nur die Rücknahme der Abgelehnten vereinbaren. Wenn nach Ablehnung des Asylantrags sofort nach Libyen zurückgeschippert wird, erledigt sich das ökonomische Kalkül. Die Gleichung teuerer Schlepper und einmalige Todesgefahr für ein vermeintlich anstrengungsfrei besseres Leben geht dann nicht mehr auf.
Beat.Adler 20.08.2016
5. Libyen wurde nicht bombardiert.
Zitat von gehirngebrauchzu allererst die franzosen und amerikaner in der pflicht, die das land ins mittelalter zurückgebombt haben. auch deutschland ist in der pflicht wegen beihilfe mit awacs-flugzeugen oder luftbetankung.
Libyen wurde nicht bombardiert. Weder wurden Wohnhaeuser noch Infrastruktur zerstoert. Die libysche Bevoelkerung in Libyen hat auf ihren Knien die internationale Gemeinschaft darum gebeten die Einheiten unter dem Kommando der Ghadaffi Soehne zu stoppen. Der Vater rief schliesslich life am TV dazu auf alle Ratten und das Ungeziefer auszurotten. Zum Glueck wurde eingegriffen und vielen Menschen das Leben gerettet. Heute wuerde jede syrische Familie sofort ihr Leben mit einer Libyschen tauschen. Kein wildgewordener Diktator in Libyen bombardiert systematisch die Wohneinheiten, Krankenhaeuser, Schulen, Baeckereien und Maerkte zusammen. Die libysche Bevoelkerung flieht nicht, weder innerhalb Libyens und schon gar nicht nach ausserhalb. Syrien zeigt, was passiert, wenn der Diktator nicht rechtzeitig gestoppt wird. mfG Beat
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