Libyen Rebellen verkünden Marsch auf Tripolis

Die Gegner Gaddafis sehen eine Trendwende im libyschen Bürgerkrieg: Nach der Eroberung Adschdabijas sollen bald weitere Städte an der Küste fallen und der Vormarsch auf Tripolis beginnen - mit Hilfe der internationalen Militärkoalition.

Jubelnde Rebellen in Adschdabija: Optimismus unter den Aufständischen
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Jubelnde Rebellen in Adschdabija: Optimismus unter den Aufständischen

Aus Bengasi berichtet


Bengasi - Die militärische Führung der Rebellen hat am Samstagabend eine Trendwende im Kampf gegen die Truppen von Muammar al-Gaddafi verkündet. Auf einer Pressekonferenz in der ostlibyschen Metropole Bengasi sagte ein Sprecher der Truppen des 17. Februars - so nennen sich die Rebellen offiziell -, es gebe einen "wind of change", der nun "nicht mehr aufzuhalten" sei.

Wenige Stunden zuvor hatten die Rebellen Gaddafis Truppen, sie sich seit Tagen mit einigen Panzern und Stellungen rund um die strategisch wichtige Küstenstadt Adschdabija positioniert hatten, aus der Stadt mit rund 30.000 Einwohnern vertrieben. Fernsehbilder zeigten jubelnde Rebellen. Von Bengasi aus kehrten umgehend Tausende geflohene Einwohner in ihre Stadt zurück.

Die Pressekonferenz der Rebellen fiel nach dem Erfolg, der in Bengasi auf den Straßen mit endlosen Salven aus Maschinengewehren gefeiert worden war, recht vollmundig aus. "Sehr bald werden wir eine ähnliche Pressekonferenz in Tripolis abhalten, der befreiten Hauptstadt des freien Libyens", sagte der Sprecher.

"Eine Stadt nach der anderen wird fallen"

Mehrere Offizielle der Bewegung, die bisher keine echte Führung hat, zeigten sich zuversichtlich, dass der Schwung der Rebellen nun nicht mehr aufzuhalten sei. "Eine Stadt nach der anderen wird fallen", sagte Mustafa Gehraini, "mit der Hilfe von weiteren Luftschlägen der internationalen Koalition sind wir nicht mehr zu stoppen".

Die Einnahme von Adschdabija ist das erste deutliche Zeichen, dass die Luftschläge der internationalen Koalition tatsächlich die Dynamik des blutigen Machtkampfs in Libyen zugunsten der Regimegegner verändert haben. Ohne die gezielten Angriffe, so die einhellige Meinung von Mitgliedern der Aufstandsbewegung, aber auch von westlichen Verteidigungsexperten, hätte Gaddafi die Rebellen vermutlich überrannt und vor allem in der Millionenstadt Bengasi ein Blutbad angerichtet.

US-Präsident Barack Obama sprach am Samstag von einem "wichtigen Fortschritt". Man komme bei der Mission mittlerweile gut voran. Die Rebellen betonten, die Unterstützung müsse in den kommenden Tagen, möglicherweise sogar über Wochen, weitergehen - ohne die Luftschläge seien sie am Boden gegen die Armee auf verlorenen Posten.

Das Gaddafi-Regime hingegen bezeichnete die Räumung von Adschdabija als "taktischen Rückzug". Der stellvertretende Verteidigungsminister wurde am Samstag nicht müde, die Luftangriffe auf das Land als klare Übertretung des Mandats der Uno zu geißeln. Die Koalition habe sich direkt in den Konflikt innerhalb Libyens eingemischt und versuche, das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen, so der Regime-Vertreter.

Brega nächstes Ziel der Rebellen

Militärisch gesehen haben die Rebellen trotz ihrer schlechten Ausrüstung und fehlender Kommunikation tatsächlich einen Schritt nach vorn gemacht. Kurz nachdem sie Adschdabija, eine bereits vor rund zwei Wochen eroberte Stadt, am frühen Samstagmorgen von Gaddafi-Truppen befreit hatten, fuhren Einheiten der Aufständischen bis nach Brega entlang der Küste vor.

Rund um Brega, so berichteten Kommandeure der Einheiten per Telefon, haben sich jedoch weitere Panzer- und Raketenwerfergruppen der Gaddafi-Truppen eingegraben. Trotzdem wollen die Rebellen den Ort möglicherweise schon am Sonntag einnehmen, sagten die Kommandeure.

Bisher sind keine genauen Zahlen über Tote und Verletzte auf beiden Seiten zu bekommen. In den vergangenen Tagen waren bei den heftigen Gefechten Dutzende Menschen gestorben, zahlreiche Verletzte liegen derzeit in mehreren Krankenhäusern von Bengasi und anderen Orten an der Küste. Der Sprecher des Militärs betonte, man habe den Gaddafi-Truppen mehrmals die Möglichkeit gegeben, sich zu ergeben.

Blumig wie in arabischen Ländern üblich referierte der Sprecher, "der Olivenzweig" sei jedoch nicht angenommen worden. Solche Angebote werde es in Zukunft nicht mehr geben. Es war nicht unmittelbar klar, ob dies auch bei Kämpfen um andere Städte oder nur im Fall Adschdabija gelte.

Intern rechnen die Rebellen weiterhin mit intensiver Unterstützung ihrer Kampagne gegen Gaddafi durch die internationale Koalition, die in den vergangenen Tagen Hunderte von Raketen und Marschflugkörper auf Stellungen der regimetreuen Einheiten abgefeuert und so den erneuten Vormarsch der Rebellen erst ermöglicht hatte. Hochrangige Offizielle sagten, es gebe über mehrere Kanälen Kontakte zu den internationalen Einheiten.

Rebellen planen Marsch auf Tripolis

Ob es sich dabei um strategische Absprachen handelte, wollte jedoch keines der Mitglieder der zerfaserten Widerstandsbewegung sagen. Der Sprecher des Militärs sagte jedoch, es gebe auch Vereinbarungen, die Waffenlieferungen aus dem Ausland nach Libyen einschlössen.

Die Rebellen machten klar, dass sie in den nächsten Tagen oder Wochen einen Marsch in Richtung Tripolis organisieren wollen. Auf diesem Weg liegen jedoch noch mehrere Städte, in denen es ähnlich harte Kämpfe wie um Adschdabija geben dürften. Am Abend meldeten die Nachrichtenagenturen neue Angriffe der Gaddafi-Truppen auf die Stadt Misurata, die rund 200 Kilometer östlich von Tripolis liegt.

Demnach feuern Armeeeinheiten Granaten in die Stadt. Die Rebellen hatten bereits am Morgen gefordert, die Koalition solle mit neuen Luftangriffen den Ring rund um Misurata aufbrechen. In der Stadt herrschen nach Angaben von Bewohnern miserable Verhältnisse ohne Strom, Wasser und Nahrungsmittel. Nach Angaben der Rebellen stoppten die Truppen den Beschuss, als alliierte Flugzeuge zu sehen waren.

Am Abend teilte das französische Militär mit, französische Kampfflugzeuge hätten fünf libysche Kampfjets vom Typ Galeb und zwei Helikopter vom Typ Mi-35 auf einem Stützpunkt in der Nähe von Misurata zerstört. Damit hätten die französischen Piloten verhindert, dass die libysche Luftwaffe in die Kämpfe um Misurata eingreift.

Mit dem Erfolg der Rebellen nimmt der Konflikt in Libyen wieder an Dynamik zu. Für die kommenden Tagen ist kaum abzusehen, ob der Durchmarsch der Gaddafi-Gegner tatsächlich funktioniert oder ob es zu massiven Kämpfen mit vielen Toten unter den Kämpfern aber auch unter der Zivilbevölkerung kommt. Dass Muammar al-Gaddafi allerdings bei einer Verschlechterung der Lage aufgeben wird, erwarten selbst die Optimisten unter seinen Gegnern kaum. "Er wird warten, bis wir vor Tripolis stehen und dann seinem Schicksal ein Ende setzen", prophezeite einer der zivilen Führer des Aufstands.

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pragmat 26.03.2011
1. Turnschuh-Kämpfer
Zitat von sysopDie Gegner Gaddafis sehen eine Trendwende im libyschen Bürgerkrieg: Nach der Eroberung Adschdabijas sollen bald weitere Städte an der Küste fallen und der Vormarsch auf Tripolis beginnen - immer mit Hilfe der internationalen Koalition. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753381,00.html
Da müssen sich die Turnschuh-Kämpfer - wie der Spiegel sie nennt - aber auf die Socken machen. Es sind etliche hunderte Kilometer vom Osten bis zum Westen Libyens. Sie können ausserdem nicht damit rechnen, dass Gaddafis Kämpfer sich kampflos aus Furcht vor Bombardierung aus den Städten zurückziehen nach dem Motto: Rebellen verjagen Gaddafi-Truppen aus Adschdabija. Die von den Rebellen belagerte Stadt wurde befreit, nachdem Gaddafis Leute unter Zurücklassung aller Ausrüstung abzogen. Hätten die Bomber die Stadt von Gaddafi "befreit", wäre wohl nicht viel von ihr übrig geblieben. Aber die Turnschuh-Kämpfer können auch nach Ausbildung durch zugereiste Ausbilder - von denen es etliche gibt - die zurückgelassen Sattelzüge mit Tanks und Artillerie benutzen. Luftunterstützung haben sie ja. So ist jetzt das Leben in Ost-Libyen. Manch einer denkt sicher "Aber das ist ja Krieg!". Genau, und der wird nicht so schnell enden wie man sich eine humanitäre Aktion zur Rettung von Zivilisten gedacht hat. Dazu ein paar Zahlen: - 1 Stunde Aufklärung mit B2 Bomber, USA: 10.000 Dollar - 1 Tomahawk Marschflugkörper, USA und GB: 1.000.000 Dollar - 1 Woche Luftunterstützung der Willigen: 100.000.000 Dollar - Aufgelaufene Kosten der Tomahawks, 162 Stück: 162.000.000 Dollar Es eilt also!
Darjaan 26.03.2011
2.
Zitat von pragmatDa müssen sich die Turnschuh-Kämpfer - wie der Spiegel sie nennt - aber auf die Socken machen. Es sind etliche hunderte Kilometer vom Osten bis zum Westen Libyens. Sie können ausserdem nicht damit rechnen, dass Gaddafis Kämpfer sich kampflos aus Furcht vor Bombardierung aus den Städten zurückziehen nach dem Motto: Rebellen verjagen Gaddafi-Truppen aus Adschdabija. Die von den Rebellen belagerte Stadt wurde befreit, nachdem Gaddafis Leute unter Zurücklassung aller Ausrüstung abzogen. Hätten die Bomber die Stadt von Gaddafi "befreit", wäre wohl nicht viel von ihr übrig geblieben. Aber die Turnschuh-Kämpfer können auch nach Ausbildung durch zugereiste Ausbilder - von denen es etliche gibt - die zurückgelassen Sattelzüge mit Tanks und Artillerie benutzen. Luftunterstützung haben sie ja. So ist jetzt das Leben in Ost-Libyen. Manch einer denkt sicher "Aber das ist ja Krieg!". Genau, und der wird nicht so schnell enden wie man sich eine humanitäre Aktion zur Rettung von Zivilisten gedacht hat. Dazu ein paar Zahlen: - 1 Stunde Aufklärung mit B2 Bomber, USA: 10.000 Dollar - 1 Tomahawk Marschflugkörper, USA und GB: 1.000.000 Dollar - 1 Woche Luftunterstützung der Willigen: 100.000.000 Dollar - Aufgelaufene Kosten der Tomahawks, 162 Stück: 162.000.000 Dollar Es eilt also!
Gaddafis letztes Aufgebot besteht nicht aus religiös fundamentalistischen Kämpfern... das sind zum größten Teil alles Menschen die vom System profitieren... die wollen weder für Gadaffi noch für den Koran sterben wollen... deshalb glaube ich an einen relativ schnellen Erfolg der Freiheitskämpfer...
Phantom, 26.03.2011
3. Brega
Angeblich haben die Rebellen auch die Ölstadt Brega wieder zurückerobert. Gaddafi-Regime scheint zusammenzubrechen. Merkel hat wieder voll aufs falsche Pferd gesetzt. Ärgerlich. Warum passiert das dauernd?
chor 26.03.2011
4. unvorstellbar brutal
So unvorstellbar brutal und unendlich grausam und auch absurd die Kämpfe, der Krieg in Libyen vor sich geht, so stellt sich immer mehr heraus, wie bedeutsam der Einsatz der Internationalen Gemeinschaft war und ist. Der Despot Gadhafi ist vergleichbar mit Hitler. Ich verstehe nicht, warum hier gerade in Deutschland die drohenden Auswüchse verrückten Handelns eines offen menschenverachtenden Diktators nicht erkannt wurden, und warum das Gefühl und die Intuition für das Erforderliche so stark fehlten und fehlen. Mir scheint, wir sind immer noch geschädigt durch die Nazi-Vergangenheit. Denn ich möchte den durchgängigen Gegner des Militäreinsatzes der UNO fragen: Sollen Menschen, die sich mit allen Mitteln gegen die Verrücktheit ihrer "Regierung" (Gadhafi) wehren den Tod durch eine grausame Hand eines Irren finden, oder doch die Chance haben, auch unter Lebensgefahr, eine Achtung ihrer Menschenwürde mit weniger Lügen und Verblendungen zu finden? Wie gefühllos sind hier die Kurzsichtigen und Intuitionslosen ohne ausreichende Lebenserfahrung! Das Leben ist nun einmal kein Spiel, auch wenn es uns hier in Deutschland schon seit Jahren so vorgegaukelt wird, der "normale" Angestellte mit Fernseher, Auto etc. , verblödenden Medien etc. ist hier leider verblödet worden.
bürgerschreck 26.03.2011
5. Fachmann oder Flachmann=
Zitat von pragmatDa müssen sich die Turnschuh-Kämpfer - wie der Spiegel sie nennt - aber auf die Socken machen. Es sind etliche hunderte Kilometer vom Osten bis zum Westen Libyens. Sie können ausserdem nicht damit rechnen, dass Gaddafis Kämpfer sich kampflos aus Furcht vor Bombardierung aus den Städten zurückziehen nach dem Motto: Rebellen verjagen Gaddafi-Truppen aus Adschdabija. Die von den Rebellen belagerte Stadt wurde befreit, nachdem Gaddafis Leute unter Zurücklassung aller Ausrüstung abzogen. Hätten die Bomber die Stadt von Gaddafi "befreit", wäre wohl nicht viel von ihr übrig geblieben. Aber die Turnschuh-Kämpfer können auch nach Ausbildung durch zugereiste Ausbilder - von denen es etliche gibt - die zurückgelassen Sattelzüge mit Tanks und Artillerie benutzen. Luftunterstützung haben sie ja. So ist jetzt das Leben in Ost-Libyen. Manch einer denkt sicher "Aber das ist ja Krieg!". Genau, und der wird nicht so schnell enden wie man sich eine humanitäre Aktion zur Rettung von Zivilisten gedacht hat. Dazu ein paar Zahlen: - 1 Stunde Aufklärung mit B2 Bomber, USA: 10.000 Dollar - 1 Tomahawk Marschflugkörper, USA und GB: 1.000.000 Dollar - 1 Woche Luftunterstützung der Willigen: 100.000.000 Dollar - Aufgelaufene Kosten der Tomahawks, 162 Stück: 162.000.000 Dollar Es eilt also!
Selbst die wilden Rebellen aus der Anti-Gaddafi Koaltion verfügen über Fahrzeuge! Sie müssen also nicht zu Fuß gehen. 1) Warum sollte man mit einem strategischen Langstreckenbomber wie der B2 Aufklärungsflüge unternehmen? 2) Tomahawks kosten bei größeren Beschaffungen nur die Hälfte also 500.000 Dollar (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/BGM-109_Tomahawk) 3) Die 100 Millionen sind die Obergrenze der Schätzungen, andere gehen von 30 Millionen pro Woche aus. --> Ausserdem ist es mal echt nicht mein Problem, wenn USA und GB das Geld raushauen... die wahren Kosten tragen die Leute am Boden im Kriegsgebiet.
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