Libyen statt Gefängnis: Lockerbie-Attentäter soll Gaddafi erpresst haben

Drohte der verurteilte Lockerbie-Attentäter Mikrahi dem libyschen Diktator Gaddafi mit Rache? Das behauptet der zurückgetretene Justizminister Dschalil - und nennt gleich noch eine beeindruckende Summe: Der ganze Fall habe das Land 1,3 Milliarden Pfund gekostet. 

Lockerbie-Attentat: Der Schrecken vom 21. Dezember 1988 Zur Großansicht
DPA

Lockerbie-Attentat: Der Schrecken vom 21. Dezember 1988

London - Es ist eine brisante Enthüllung: Offenbar hat der Lockerbie-Attentäter Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi erpresst. Um aus der Haft in Schottland entlassen zu werden, soll Mikrahi gedroht haben, Gaddafis Rolle beim Attentat 1988 zu enthüllen. Er habe Rache für den Fall angekündigt, dass er nicht nach Hause kommen könne. Das sagte der ehemalige libysche Justizminister Mustafa Abdel Dschalil der "Sunday Times". Abdel Dschalil war vergangene Woche zurückgetreten.

Die Drohungen von al-Mikrahi hätten dazu geführt, dass Schmiergelder von 50.000 Pfund pro Monat zur Verfügung gestellt worden seien, etwa für Justizgebühren, Besuche der Familie im Gefängnis und Lobbyarbeit für die Freilassung.

Dschalil sagte weiter, Mikrahi habe mit dem Attentat auf die Pan-Am-Maschine über der schottischen Grafschaft Lockerbie zu tun gehabt. Er sei zwar nicht derjenige gewesen, der es geplant und ausgeführt habe, aber er habe die Dinge für diejenigen arrangiert, die dies gemacht hätten.

Leben in einer Villa

Nach Dschalils Angaben hat Mikrahi "eine Sonderbehandlung als libyscher Gefangener bekommen, die niemanden anderen jemals zuteil wurde". Die libysche Regierung sei entschlossen gewesen, seine Rückkehr nach Tripolis sicherzustellen, "selbst wenn es sie den letzten Penny gekostet hätte". Insgesamt soll der Fall Libyen 1,3 Milliarden Pfund gekostet haben.

Mikrahi war 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Bei dem Anschlag auf eine Maschine der US-Fluglinie Pan Am über dem schottischen Ort Lockerbie im Dezember 1988 waren 270 Menschen ums Leben gekommen, die meisten von ihnen waren US-Bürger.

Mikrahi hatte seine Schuld stets bestritten. Er war im August 2009 begnadigt worden, da Ärzte ihm attestierten, er habe wegen einer Prostatakrebserkrankung nur noch drei Monate zu leben. Mikrahi wohnt seitdem bei seiner Familie in einer Villa in Libyen.

böl

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Qui bono?
1mopped 27.02.2011
Und an wen ist das viele Geld geflossen? Zum Großteil wohl an honorige Engländer, oder? Auch bei den Piraten im Golf von Aden soll es ja eine intensive London-Conection geben.
2. Klare Bestechung
Burkhardt1949 27.02.2011
Zitat von sysopDrohte der verurteilte Lockerbie-Attentäter al-Mikrahi dem*libyschen Diktator Gaddafi mit Rache? Das behauptet der zurückgetretene*Justizminister Dschalil - und nennt gleich noch eine beeindruckende Summe: Der ganze Fall habe das Land 1,3 Milliarden Pfund gekostet.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748003,00.html
Nun gibt der libysche Justizminister zu, was zu vermuten war. Die Ärzte, die dem Attentäter bescheinigt haben, er habe nur bis November 2010 zu leben, waren bestochen. Folgen wird es keine haben, die angelsächsiche Presse regt sich nur auf, wenn Siemens oder Ferrostaal involviert sind, bei eigenen Bestechungen schaut man weg.
3. Na ist doch schön...
felisconcolor 27.02.2011
Ich weiss nicht was man über Libyen schimpft. Ich kenne ein paar Staaten... ...da wäre der gute Mann ganz plötzlich an seinem "Leiden" gestorben. Wäre doch für Libyen viel billiger gekommen. Aber nein es wurde richtig viel Geld locker gemacht, damit der "geliebte Sohn" wieder zurück in die Heimat kann. Wenn das nicht absolute Aufopferung für einen Mitbürger ist.
4. ...
tausendund 27.02.2011
Zitat von Burkhardt1949Folgen wird es keine haben, die angelsächsiche Presse regt sich nur auf, wenn Siemens oder Ferrostaal involviert sind, bei eigenen Bestechungen schaut man weg.
Im Gegenteil, es war wochenlang Thema in der englischen Presse, es gab von Anfang an Mutmassungen, was Schottland (nicht England!) versprochen worden ist fuer die Freilassung.
5. Oder..
sigi J 28.02.2011
Zitat von sysopDrohte der verurteilte Lockerbie-Attentäter al-Mikrahi dem*libyschen Diktator Gaddafi mit Rache? Das behauptet der zurückgetretene*Justizminister Dschalil - und nennt gleich noch eine beeindruckende Summe: Der ganze Fall habe das Land 1,3 Milliarden Pfund gekostet.*
hier biedert sich ein Wendehals an. Mit der unseligen Lockerbiegeschichte haben sich zahlreiche seriöse Personen auseinandergesetzt. Die Scottish Judical Review Commission hatte nach gründlicher Prüfung aufgrund zahlreicher klarer Fakten die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Megrahi zugelassen. Der wurde dann vor die Alternative gestellt, die Wideraufnahme fallen zu lassen und auszureisen, oder im Gefängnis zu sterben. Die Fakten passen nicht zu dem, was der langjährige Justizminister Ghaddafis behauptet, jetzt, wo er seine Haut retten und obendrein - vielleicht mit Unterstützung des Westens - Übergangspräsident werden will.
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